Steppende Gorillas und fluchende Bäume

Foreign Affairs 2016 – Forced Entertainment: From the Dark (Leitung: Tim Etchells)

Von Sascha Krieger

„The night is dark and full of terrors“: Fans der Kultserie „Game of Thrones“ wird dieser Satz bekannt sein. Er dient dort einer Religion als Motto, die der Dunkelheit mit dem vernichtenden Licht des Feuers zu entgegnen sucht. Ein Satz, der sich einnistet, im mit dem Schlaf ringenden Hirn des Rezensenten, als er „Foreign“ Affairs, das Performing-Arts-Festival der Berliner Festspiele durch seine letzte Nacht geleitet, bis zum Licht des Morgens, in dem es bereits Geschichte sein wird. Was vor vier Jahren in Kyohei Sakaguchis „Mobile House“ begann, endet hier, in einer dunklen, langen, langsamen kollektiven Geisteraustreibung von Forced Entertainment. Gemeinsam geht man durch die Nacht, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und stellt sich der Dunkelheit. Im Mittelpunkt der fast acht Stunden stehen Beichten der Darsteller*innen. Sie sitzen in der Mitte des kleinen Bühnenquadrats und erzählen von ihren Ängsten oder besser: Sie zählen sie auf. Banales mischt sich mit Existenziellem, mal ertönt Gelächter aus dem zunehmend vom regelmäßgen Atmen Schlafender erfüllten Zuschauerraum, mal ist es ganz still. Die Angst nichts zu bedeuten, kehrt immer wieder, die Angst vor einer als immer bedrohlicher empfundenen Welt und jene um die liebsten, vor allem die eignen Kinder. Auch Banales gibt es – die postmoderne Angst ist vielgestaltig, nistet sich in jedem Lebensbereich ein und ist abendfüllend.

Für From the Dark nutzen Forced Entertainment auch Material aus ihrer Arbeit "Who Can Sing a Sonfg to Unfrighten Me?" (Bild: Hugo Glendinning)

Bild: Hugo Glendinning

Das erinnert an eine Selbsthilfegruppe, die im Laufe der Nacht immer kleiner wird. Beileibe nicht jeder, geschätzt vielleicht ein Drittel oder gar ein Viertel, schafft es durch die Nacht. Das gehört, davon darf man ausgehen, zum Konzept. Gemeinsam stellt man sich den Ängsten – oder wischt man sie in der Beliebigkeit der Aufzählung des Disparaten eher weg? Ist das Annäherung an die Dunkelheit oder Distanzierung von ihr? Wahrscheinlich beides, sieht man doch manches klarer, wenn man etwas zurücktritt. Was zu hören ist, ist kaum originell, es sind unsere kleinen wie großen Ängste, bei denen die, die noch wach sind, mehr als ein wissend mit dem Kopf nicken. Es erschüttert eher in seiner Fülle. Immer länger werden die Aufzählung, es scheint, es sei das Leben, von dem hier erzählt wird, eine einzige Angst, ein unablässiges Schlottern vor der Dunkelheit in und um uns. Wird es besser, wenn wir drüber reden, wenn man das, was einen quält benennt? Vielleicht.

Denn hier kommen wir zur nächsten Ebene des Abends: Er bebildert die Düsternis, wirft Albträume auf die Bühne, stellt sie aus. Und voilà: Plötzlich erscheinen sie gar nicht mehr so bedrohlich. Der Tod wird zur Varieténummer, in der Menschen in drolligen Tierkostümen ins Publikum winken, in Zeitlupe tot umfallen, um am Ende wiederaufzustehen. Der aktuelle Zustand – „dead“ oder „alive“ – wird auf einer Tafel vermerkt. Der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen wird hier zu augenzwinkernder Leichtigkeit. Auch bei der Schwesternummer „Magic“: Da wird stellen sich die gleichen Figuren auf die Bühne und sollen hinter einem Vorhang verschwinden – was Forced Entertainment mit hemdsärmeliger Transparenz lustvoll auskostet. Streitsüchtige Bäume treten hinzu und tapsige Skelette, die, so todtraurig sie sich auf der Bühne verloren, eher dazu aufrufen, sie tröstend in den Arm zu nehmen, als sich vor ihnen zu gruseln. Höhepunkt des Abends ist vielleicht die Sequent, in der sich besagte Skelette an der Zaubernummer versuchen und jämmerlich scheitern. Dass die menschliche Existenz vielleicht nur dann zu ertragen ist, wenn man sich ihrer Absurdität bewusst wird, ist keine neue Erkenntnis. Doch wurde sie jemals so liebevoll szenisch umgesetzt?

Die Hinterfragung des Performativen gehört zum Kern von Forced Entertainment. Das ist auch hier so. Die Repetition als Endschlosschleife trifft auf radikale Entschleunigung – da steigt schon mal der Schnarchfaktor. Die theatralen Mittel werden stets ausgestellt, hier ist alles Fake, Zeitüberbrückungsmechanik. Das gilt auch für das klassische Mittel, dem menschen die Nacht auszutreiben: dem Geschichtenerzählen. Mal sitzen da Pappkronenkönige, mal die traurig-lächerlichen Todesboten, mal die Performer*innen in Zivilkleidung. Immer jedoch erzählen sie. „Once upom a time…“ hebt es hunderte Male an. Gruseliges gibt es zu hören, Albernes, Alltägliches. Doch eines haben alle Geschichten gemeinsam: Sie brechen vor ihrem Ende ab. Einer der Performer*innen sagt „Stop“ und bricht die Geschichte des Vorgängers ab, um seine eigene zu erzählen. Die Dunkelheit wegzujagen, indem wir uns in die Fantasie flüchten: Auch dies legt Forced Entertainment offen auf eine weise, die kaum „forced“ wirkt, aber sehr entertaint.

Und ermüdet. Wie schon in Real Magic gezeigt, läuft sich jede Mechanik irgendwann tot, wenn sie nicht von der Stelle kommt, ihr Ziel, uns, sich irgendwie weiterzubringen, verfehlt. Das ist in die Performace eingearbeitet. Die imergleichen Rituale der varietétruppe und der Geschichtenerzähler werden schal, Situationen lösen sich auf, die Nächste Nummer muss her. Natürlich ist das auch für das Publikum ermüdend. So hat der abend etwa zur Hälfte einen heftigen Durchhänger und fängt sich erst in letzten eineinhalb, zwei Stunden wieder. Die Wiederholung des Immergleichen, die seltsame menschliche Hoffnung, dass, was man hundertmal vergeblich probierte, beim hundertersten Male funktioniert, war bereits in Real Magic mit einiger Realität zu verfolgen. In From the Dark dehnen Forced Entertainment es aus, wird es streckenweise kaum erträglich, wie das schreckliche verzerrte orgelgetränkte verzerrte Easy-Listening-Gedudel aus dem Plattenspieler. Was dort kondensiert und verdichtet ist, wird hier auseinandergezogen, bis die dünnen Dramaturgiestricke vollends zu zerreißen drohen. Man kann dem Abend – oder besser: der Nacht – vorwerfen, ihm fehle die Fallhöhe, er helle die Dunkelheit zu sehr auf, lächerlich, albern, banal. Man könnte das aber auch als seine Stärke betrachten: uns nahe heranzuführen an unsere Ängste, den Mythos der Finsternis. Und uns zu zeigen: „Seht her, ist das alles wirklich so schlimm, ist nicht Vieles von dem, wovor wir so große Angst haben, nicht eher zum Lachen?“ Nein, „full of terrors“ ist diese Nacht, deren Sterne aufgemalt sind, wohl nicht, eher voller Wärme, Witz und intimer Selbstvergewisserung. Am Ende zeigt ein Gorilla Stepptanz. Ein schöner Abschied.

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