Flüchtlinge und Kannibalen

Foreign Affairs 2016 – Jan Lauwers & Needcompany: The blind poet (Regie: Jan Lauwers)

Von Sascha Krieger

„Grace Ellen Barkey!“Immer und immer wieder ruft die Frau in den schwer definierbaren, aber irgendwie folkloristisch anmutendem Kleid und mit dem Kopfschmuck aus Blumen und Grünzeug ihren Namen. Es ist wie eine Beschwörung, ein Ritus, affirmativ, dann wieder komödiantisch, zuletzt still verzweifelt. Die anderen Spieler*innen, gewandet in Umhängen, wie man sie von Boxern kennt, feuern sie an, stimmen ein, zum Schluss vergessen sie die, deren Namen sie rufen, fasst. Mit diesem Akt der Selbstbehauptung, der Identitätvergewisserung und -erschaffung beginnt The blind poet, Needcomapany’s Abend über Identitäten, persönliche, kollektive, universelle. Zwei Schlüsselsätze gibt es, die eigentlich Satzanfänge sind: „Ich bin…“ und „Es ist wichtig, dass…“ Immer wieder hören wir sie in der Abfolge der sieben Porträts der Performer*innen, die den Abend auf der leeren Bühne strukturiert. Der erste setzt die gewählte Identität, der zweite definiert, was sie ausmacht. Grace Ellen Barkey etwa sucht ihr Ich in der Multikulturalität, bezeichnet sich als „multikulturelles Wunder“, Mohamed Toukabri dagegen ist das „monokulturelle Wunder“, Tunesier ohne bekannte andersweitige Wurzeln.

Bild: Maarten Vanden Abeele

Bild: Maarten Vanden Abeele

Er ist auch der Mann ohne Stammbaum, während Barkey oder Maarten Seghers ihre Wurzeln bis zu den Kreuzzügen zurückverfolgen. Hans Petter Melø Dahl, dem wichtig ist, als Wikinger zu gelten, eröffnet den Wettstreit der Stammbäume: Wessen Wurzeln reichen weiter zurück, wessen sind vielfältiger, wessen Kultur hat die älteren Rechte? Hier kommt Toukabri wieder ins Spiel, rezitiert den arabischen Poeten Abu I-‚Ala al-Ma’arri, erinnert an die andalusische Dichterin Wallada bint al Mustakfis, an die islamische Hochkultur, die blühte, die tolerant war, in der Frauen geachtet wurden, Kunst und Wissenschaft blühten, als „der Westen“ noch im Mittelalter feststeckte. Dazwischen erzählt Benoît Gob in schwarzer Clownsnase von Prostititution und häuslicher Gewalt, gibt Jules Beckman den Klischee-Amerikaner mit gleich drei Cowboy-Hüten und einem Netz aus verwischten und zusammengestückelten Identitäten. Stilistisch ist das so eklektisch wie sprachlich und thematisch: Die Portraits sind Standup-Comedy oder Varieté-Clownsnummer, Rock- oder Country-Song, Tanzperformance oder dreidmensionale Bilder.

The blind poet springt behende durch Kunstformen und Genres, er mischt und probiert aus und verwirft, während er von Geschichte und Geschichten erzählt, von Identitätskonstrukten, die lächerlich sind oder verzweifelt, die überhöhen sollen oder beschreiben, auf die man stolz ist oder die man hinnimmt. Große Geschichte trifft auf banale postmoderne Unsicherheit, das Politische auf das Private, Ironie auf Schmerz. Was wirkt schwerer: die Mutter, die sich prostituiert, oder 2000 Jahre Geschichte, was heißt Flucht und Migration und wozu machen sie uns? Drei Stunden lang bewirft uns Regisseur Jan Lauwers mit Konzeptfetzen und Assoziationshäppchen, mit Wahrheit und Lüge, mit Identitätsaspekten, die mal affirmiert, mal verspottet werden. Alles ist ernst und alles ist Scherz. Realität und Fantasie verschwimmen, da ist der Weg zum Surrealismus nicht weit. Eine Pferdeattrappe erwacht zum Scheinleben in einer feinen Heroismusparodie, Science-Fiction-Roboter bekriegen sich, am Ende bläst sich ein unförmiges schwarzes Monstrum auf.

Alles fließt zusammen: Ironie und Wahrheit, Lüge und Fantasie, Verzweiflung und Lächerlichkeit, die Selbstkonstruktionen und die alternativen Geschichten – ist unsere, deren blinder Poet Homer ist, mehr wert als jene Toukabris, der von Abu I-‚Ala al-Ma’arri spricht? Was treibt uns um, wo kommen wir her und warum ist das wichtig? Wo beginnt Wahrheit, wo endet Lüge und sind beide überhaupt real? Der Abend stellt solche Fragen – und viele mehr – hetzt sie aufeinander, wirft sie herum wie ein Jongleur und macht sie zur Grundlage eines Spiels, bei dem die Klarheiten mehr und mehr verwischen, die Farben ineinander laufen und am Ende nichts mehr eindeutig erscheint. Die sieben Nationen auf der Bühne, sie sind natürlich unsere Welt, unsere Wirklichkeit, unser Neben- und Miteinander. Der Wikinger, der einen Ertrinkenden nicht retten kann, der Atheist, der Jesus anruft, die Indonesierin, die Chinesin ist und Deutsche und überhaupt alles, die Niederländerin, die alle Frauen ist: Identität, persönliche wie kollektive, ist nie nur eines, sie speist sich aus so vielen Quellen, dass am Ende die Gemeinsamkeiten überwiegen.

Wie die Ahnen alle am gleichen Ort gelandet sind – und die Nachfahren natürlich auch – sind die parallelen Geschichten immer auch die der jeweils vermeintlich anderen. Dieses Europa, deren Bewohner wir vor uns sehen, gehört beiden blinden Dichtern, den Multi- und Monokulturellen, es ist der Kontinent der Kreuzzüge wie der arabischen Hochkultur, der Ein- wie der Auswanderer, der unabhängigen Frauen wie der unterdrückten. „Wir sind alle Flüchtlinge oder Kannibalen“, heißt es an einer Stelle. Die Liste fängt gerade erst an. The blind poet ist ein verrätselter, verwirrender und zugleich äußerst unterhaltsamer Abend, ein multiperspektivisches Portrait eines Kontinents, der sich besser von der Idee verabschiedet, sich eine Identität geben zu können, die auf dem Ausschluss anderer basiert. „Ich bin…“ ist der schwerste Satz, der sich sagen lässt, doch vielleicht ist er so wichtig nicht. Zwischen minimalistischer und orientalisierender Musik, Rock und Country, Lautstärke und Stille klingt hier eine Vielfalt, die eins ist und nie nivelliert. Wie das geht, erklärt der Abend nicht.

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Ein Gedanke zu „Flüchtlinge und Kannibalen

  1. Paula_fünf sagt:

    Scheinbar war der Autor auch schon recht müde nach der langen Theaternacht. Mir fehlt in der Kritik sowohl die Rechtschreibkorrektur, als auch die inhaltliche Stringenz.

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