Der Geier muss warten

Foreign Affairs 2016 – Handspring Puppet Company / William Kentridge / Jane Taylor: Ubu and the Truth Commision (Regie: William Kentridge)

Von Sascha Krieger

Der Geier ist schon da. Auf der linken Bühnenseite wartet er auf Beute. Aber nein, weder die geschäftige Hausfrau noch der abgehalfterte Mann im Unterhemd denken auch nur daran, sich zum Aasfresser-Futter machen zu lassen. William Kentridge verfrachtet Alfred Jarrys moderne – und um einiges blutigere – Wiedergänger des Ehepaars Macbeth ins Südafrika der jüngsten Vergangenheit. Er (David Minnaar)  ist ein Scherge des Apartheid-Systems, der unzähliche Menschen auf dem Gewissen hat, was ihn aber nur insofern stört, als man ihn womöglich dafür zur Verantwortung ziehen könnte. Sie – in einer spannenden Volte von der schwarzen Schauspielerin Busi Zukufa in traditionell anmutender Kleidung gespielt – verdächtigt ihn des Fremdgehens und nutzt die Wahrheit, als sie diese entdeckt, für ihre Zwecke aus. Am Ende segeln sie in eine glänzende Zukunft, nachdem er vor der Wahrheitskommission ausgesagt hat und ungeschoren davon gekommen ist. Der Geier geht leer aus, die Leichen sind schon längst entsorgt.

Bild: Luke Younge

Bild: Luke Younge

Es ist kein hoffnungsfrophes Bild, das Kentridge von dieser Institution zeichnet, die Nelson Mandela einst ins Leben rief, um die Vergangenheit aufzuarbeiten und zugleich das gespaltene Land zusammenzubringen. Kentridges Verdikt ist kein positives: Ja, die Stimmen der Opfer werden gehört, aber die Täter kommen davon. Das klingt ein wenig vereinfacht und das ist es leider auch. Die Zeugen werden von Puppenspielern gegeben – sie sind wenig mehr als Objekte, als Fälle in den Augen der Öffentlichkeit. Sie wurden benutzt und sie werden es auch heute. Die Distanzierung hat einen eindeutigen Effekt: So schrecklich die Geschichten sind, so wenig gehen sie nahe. Das mag Absicht sein, zumal der Fokus auf dem Täter und seinem Umgang mit der Vergangenheit liegt. Nur führt das eben dazu, dass die Opfer eben Mittel zum Zweck bleiben, Anlässe für den Mörder sich in Albträumen zu wälzen, die er so schnell abschüttelt wie sie kamen. Die Objektifizietung der Opfer gehört zu den Problemen dieses abends ebenso wie das doch eher, sagen wir, traditionelle Frauenbild. Mama Ubu ist eine cholerische, eifersüchtige und gerissene Matrone ohne auch nur einen Hauch von Tiefe, die ihrem Mann zumindest zugestanden wird. Sie zetert und keift und lässt sich nicht ernst nehmen. Ihr Mann dagegen ist etwas komplexer angelegt, auch wenn die Figur zwischen trotziger Selbstbehauptung und plakativem Heimgesuchtwerden keine Mitte findet.

Da kann Kentridge noch so viele durchaus eindrucksvolle Bilder für das Verdrängte und Vertuschte finden – die Folterszenen mit Schattenfiguren aber ohne Folterer gehören sicher zu den eindringlichsten – der Abend bleibt an der Oberfläche und erfreut sich an seinen Einfällen: den Zwitterwesen aus Raubtier und Bürokratenkoffen, der lebensgroßen schwarzen Ubu-Figur, die als Anwalt des Pragmatischen auftritt, den sich vor Scham wegdrehenden Mikrofonen bei der Rechtfertigungsrede des Schlächsters.- Am Schluss bleibt die Ironie: Das Gerede von der „hellen Zukunft“ erweist sich als Farce, den Tätern geht es besser denn je. Ubu and the Truth Commission ist ein Abend, der vor Ideen sprüht, der multimedial und auf mehreren Ebenen daherkommt, bildende Kunst, Schauspiel, Video und Puppenspiel verzahnt und die Kunst als großen Lügenzertrümmerer feiert. Doch leider ist er auch eher unterkomplex geraten, arbeitet sich an seiner Grundthese – die Wahrheitskommission als Feigenblatt der Täter – während er sich für die Vielschichtigkeit der Institution und auch ihrer durchaus verdienstvollen Rolle nicht weiter interessiert. Für Kentridge-Fans bietet er sicher genug für den kleinen Kunst-Hunger zwischen durch. Ob er sättigt, ist eine andere Frage.

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