Durch die Dunkelheit

Foreign Affairs 2016 – Franz Schubert/ William Kentridge: Winterreise, Festival d’Aix-en-Provence / Wiener Festwochen (Regie: William Kentridge)

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mit dem vielleicht wesentlichsten: Matthias Goerne ist der vielleicht beste Liedsänger unserer Zeit. Die Kombination von stimmlicher Kraft, klanglicher Wärme und variabelster Ausdrucksfähigkeit erlaubt ihm, auch (vermeintlich viel zu) oft gehörtes immer neu erscheinen zu lassen, so als entstünde es just im Moment des Vortrags. Franz Schuberts „Winterreise“ hat er oft gesungen und schon zweimal aufgenommen – mit dem großen Alfred Brendel und dem nicht minder talentierten Christoph Eschenbach. Und doch gibt es wohl keinen Sänger, der die Dunkelheit, die Schuberts Zyklus so erschütternd macht, so farbenreich zum Leben erweckt wie Goerne. wenn er die „Winterreise“ singt, lebt er jede Zeile – das Liebessehnen, die Verzweiflung, die Sehnsucht nach dem Tode. Seine Stimme formt den Schmerz, die Wut, die Resignation, die Verzweiflung – mal kraftvoll, fast dröhnend, dann wieder berührend zart, innig, an der Grenze zur Stille. Markus Hinterhäuser begleitet ihn schnörkellos, reduziert, schlicht. Das wirkt zuweilen etwas blutleer, vor allem zu Beginn ein wenig schleppend und gibt Goerne doch ein solides Fundament für seine Wanderung durch das menschliche Dunkel.

Bild: Patrick Berger / Artcomat

Bild: Patrick Berger / Artcomat

Wäre dies ein Liederabend, ließe sich die Rezension hier beenden. Doch so wie Hinterhäusers Spiel „nur“ die Basis für Goernes Stimme darstellt, ist die gesangliche Interpretation von Schuberts Zyklus vor allem eines: das Fundament für einen inter- und transdisziplinären Abend, der von  der „Winterreise“ ausgehend tief einzutauchen sucht in Abgründe, die von Schuberts Zeit ins Heute reichen – aber auch in die Rolle der Kunst und ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit zu reflektieren, zu verarbeiten, zu transformieren und sich ihr entgegenzustellen. Die Unsicherheit ist das große Thema des südafrikanischen Künstlers William Kentridge, das Dazwischen der Raum, in dem seine Kunst ihre Heimat findet. Das ist auch an diesem Abend so. Wer erwartet, das Kentridges Animationen den Schubert-Zyklus bebildern würden, sieht sich schnell enttäuscht. Kentridge vertieft, abstrahiert, ironisiert, sabotiert. Das beginnt schon mit dem Material: Sechs Filme hat Kentridge für den Abend geschaffen, aber auch sechs weitere wiederverwendet. Dieses Neben- und Miteinander von vermeintlich Passendem und Unpassendem ist die erste Spannungsebene des Abends.

Zumal das visuelle Material sehr eklektisch ist: Das sind die typischen Kentridge-Überlagerungen von Realem, Figurativem und Abstraktem – eine zusätzliche Realitätsebene bilden die zwei Projektionswände (Bühne: Sabine Theunissen), die eine Atelier-Atmosphäre andeuten und deren Zeichnungen, Ausrisse und die Spur zerknüllten Papiers streckenweise auf faszinierende Weise mit dem Projizierten kommunizieren. Die Wirklichkeit ist eben auch nur eine von vielen Ebenen der Kunst – und verschwimmt doch schnell im Wahrnehmungsstrom. Die zweite visuelle Säule sind elaborierte, szenische bewegte Zeichnungen – Alltagsszenen, Bilder einer geschundenen Landschaft, Schmerz., Liebe, Einsamkeit. Und Tod: Während sich Goerne – auch thematisch – dem Ende entgegensingt, zeigt Kentridge Leichen, Ermordete, Opfer und Mahnungen der jüngeren südafrikanischen Geschichte, die anderswo noch immer Gegenwart ist. Und transformiert sie zu Narben in der Landschaft, Halbvergessenenes und doch stets Präsentes. Identität ist ein Leitmotiv des abends, die Suche nach ihr: in der Kunst, in der Zweisamkeit, im Zeichensystem einer fremden und feindlich erscheinenden Heimat. So verloren wie sich Schuberts Wanderer in seiner Welt und in sich fühlt, tut es Kentridges Blick in der seinen. Immer wieder wandert Goernes Auge auf die Bilder, ergeben sich Korrespondenzen, treffen sich das romantische Sehnen Schuberts und das nicht minder intensive der (post)modernen Menschen.

Es gibt bei Kentridge nur eine Macht, die sich der Dunkelheit entgegenstellen kann: die Kunst. Und so lässt er sie los auf den Zuhörer, der hier natürlich auch ein Zuschauer ist. Mal sperrig, mal eingängig, mal konkret, mal abstrakt, mal ernst, dann wieder ironisch: Seine Kunst ist Bewegung, Veränderung, was gerade eines war, ist nun schon etwas anderes. Seine Bilder entstehen und zerfließen, bilden gleich darauf etwas Neues, die Transformation ist das einzig Stabile in seinen Arbeiten. Sie sind Möglichkeitsräume, in denen plötzlich auch die Schwärze Schuberts ein bisschen weniger dunkel scheint. Die Kunst lehrt sehen, denken, Perspektiven wechseln, sie ermöglicht Distanz und Nähe, sie eröffnet Alternativen und weigert sich, die „Wirklichkeit“ absolut zu setzen. Und so weitet sich der Raum, in dem Goernes Gesang wandert – er öffnet sich ins Heute und weit darüber hinaus, in parallele Welten, alternative Zukünfte und imaginierte Vergangenheiten. Die Zeit verästelt sich, bewegt sich im Kreise, biegt ab, bleibt stehen, eilt weiter. Gern möchte man hier verweilen und neu lernen zu sehen und zu höhen. Doch nein, schon spielt der Leiermann. Fahl, unerbittlich, hoffnungslos. Und kommt doch nicht an gegen die Macht der Kunst, dieser Kunst, weiterzuklingen. Vergeblich, trotzig, bejahend. Was auch immer.

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