Der Nachtwanderer

Foreign Affairs 2016 – Jarvis Cocker & Junges Sinfonieorchester Berlin: Sleepless Nights

Von Sascha Krieger

Wenn US-Präsident Richard Nixon, ja, der mit dem Watergate-Skandal, nicht schlafen konnte, hörte er Musik, meist in ohrenbetäubender Lautstärke. Der russische Diplomat Graf Keyserlingk soll bei Johann Sebastian Bach Musikstücke bestellt haben, um ihn durch schlaflose Nächte zu bringen. Gespielt wurden sie von einem Pianisten namens Goldberg, unter dessen Namen die Variationen über eine Aria bis heute bekannt sind. Die Nacht als Ort der Ängste, der Einsamkeit, an dem der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist und die Musik als Tröster, als Licht der Hoffnung, als Stimme einer Welt, die auch in der tiefsten Schwärze das Helle, das schöne, das Gute nie vergisst: Jarvis Cocker, einst Kopf von Pulp, der Britpop-Band, auf sie sich selbst Blur- und Oasis-anhänger einigen konnten, ist ein Nachtwanderer. Seit 2012 begibt er sich für BBC Radio 4 allwöchentlich auf die dunkle Seite der menschlischen Natur. „Wireless Nights“ heißt seine Sendung, „Sleepless Nights“ ihre Live-Variante, mit der er jetzt in Berlin gastierte. Auch das passt: Denn es ist der Schwanengesang des Festivals Foreign Affairs, das sich mit der fünften Ausgabe verabschiedet in die Nacht. Und so ist die Kehrseite des Tages auch eines der Leitmotive dieses letzten Festivals: Es gibt eine Nachtausstellung, nächtliche Installationen und am letzten Wochenende werden Forced Entertainment das Publikum vom Sonnenauf- zum Sonnenuntergang begleiten.

Bild: Emma Russell

Bild: Emma Russell

Das tut auch Cocker, wenn auch eingedampft auf etwa eineinhalb Stunden. Zunächst ist alles dunkel, eine Taschenlampe soll uns versichern, dass wir nicht allein sind. Doch so richtig schafft das nur die Musik. Das Junge Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Andreas Schulz spielt Benjamin Brittens „Moonlight“, wenn der Mond aufgeht, und Modest Mussorgskis „Nacht auf dem kahlen Berge“, als die (Scheinwerfer-)Sonne erscheint. Dazwischen hören wir Geschichten: von Nixon und Keyserlingk, aber auch von Igor Strawinsky, dessen bahnbrechendes Werk „Le Sacre de Printemps“ ihm erstmals in einem Traum erschienen sein soll, oder Robert Schumann, dessen Violinkonzert Produkt eines durch Schlaflosigkleit indizierten Deliriums gewesen sein könnte. Von seiner Witwe unter Verschluss gehalten, wurde es 1934 wiederentdeckt – und im Auftrag Joseph Goebbels‘ uraufgeführt. Nixon dagegen nutzte Musik auch, um mit der Bürde des Vietnam-Kriegs fertig zu werden. Die Nacht, sie ist nie nur das Ende des Tages – sie ist in uns und in der Welt. Aus dem Riesenmond über der Bühne werden Pro- und Anti-Nixon- und -Krieg-Badges, wir sehen zerstörte Städte und Hände, die einander zu berühren versuchen, der Mond färbt sich blutrot und eisig blau.

Mit ruhiger, tiefer Stimme führt uns Cocker durch die Dunkelheit, die individuelle wie die universale – und von Musik zu Musik. Lydia Gorstein spielt die Aria der Goldberg-Variationen, Victoria Wong den langsamen Satz des Schumann-Konzerts, Haiou Zhang den Kopfsatz des dritten Klavierkonzerts von Sergej Rachmaninow, einem von Nixons Lieblingskomponisten. Musikalisch ließe sich manches aussetzen – der Bach gerät etwas schleppend, der Schumann sehr schlicht, während Rachmaninow ein wenig zu glatt klingt – aber das ist hier nicht wirklich wichtig. Cocker lässt der Musik viel, sehr viel, manchem Zuhörer wohl zu viel Zeit, ihre Wirkung zu entfalten, ihre eigenen Geschichten erzählen. er nimmt sie an die Hand, um sie loszulassen – auf uns, auf die Nacht. sein eigener musikalischer Beitrag ist reduziert: Am Anfang singt er einen Blues wie ein Barsänger am Ende einer langen Nacht, am Schluss nicht minder nächtlich „End of the Night“ von The Doors. Als Zugabe gibt es noch Tim Buckleys „Song to the Siren“, hingehaucht von einem, der längst weitergezogen ist. Der Tag ist da, im kalten Neonlicht, doch die nächste Nacht kommt bestimmt. Und vielleicht ist das ja ganz gut so, so lange uns diese Stimme hilft, sie zu ertragen. Und die Musik.

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