Was Theater kann – und was es darf

Milo Rau: Five Easy Pieces, IIPM – International Institute of Political Murder / CAMPO Gent / Sophiensaele, Berlin (Regie: Milo Rau) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Natürlich dürfe man das nicht machen – da waren sich belgische Medien und die deutsche Bild-Zeitung schnell einig, als Näheres zu Milo Raus erstem Projekt mit Kindern bekannt wurde. Eine Theaterarbeit zu Marc Dutroux, dem berüchtigten belgischen Kindermörder, der sechs Mädchen entführte, gefangen hielt, missbrauchte und vier von ihnen ermordete, bestritten von sieben Mädchen und Jungen zwischen acht und 13 Jahren. Milo Rau, gefeierter Star des Dokumentartheaters, geht dahin, wo es weh tut: Er hat Abende über Bürgerkrieg gemacht, über Genozid, die dunkle Rolle der westlichen in der so genannten dritten Welt, über die Menschenrechte in Russland oder über den norwegischen Terroristen Anders Breivik. Dass seine erste Arbeit mit Kindern, kein harmloses Stück über das Erwachsenwerden sein würde, werden die Verantwortlichen von CAMPO Gent, spezialisiert auf Theaterprojekte mit Kindern, gewusst haben, als sie Rau zur Zusammenarbeit einluden. Aber ausgerechnet Dutroux? Wie kann man Kindern ein solches Thema zumuten? Darf Theater das?

Bild: Phile Deprez

Bild: Phile Deprez

Es sind Fragen, die der Abend nicht nur stellt – sie sind sein eigentliches Thema. Der Fall Dutroux ist die Folie, über die Rau Grundsätzliches verhandelt. Es geht um Macht und Unterordnung, um Manipulation und die Sehnsucht nach Authentizität, es geht ums Spielen, um Empathie, Fantasie und   – ja, auch Missbrauch. Five Easy Pieces beginnt mit dem Titel. Einem Übungszyklus Igor Stravinskys entlehnt, deutet er einen Bildungsaspekt an. Es ist ein ambivalenter, wie alles an diesem Abend auf der Kippe steht. Es geht los mit einer Castingsituation: Ein Regisseur, gespielt vom einzigen erwachsenen Schauspieler Peter Seynaeve, fragt die Kinder aus, über Interessen, Ängste, Identität. Schnell wird klar: Er hat die Kontrolle. Er weist sie zuräecht, fährt ihnen über den Mund, stellt sicher, dass alles so abläuft, wie er es will. Der Mythos des Theaters mit Kindern, dass sie diejenigen sind, die das Heft in der Hand haben, wird mit leichtem Federstrich beseitigt. Dabei gewinnen die Kinder das Publikum schnell für sich. Vor allem der freche 10-jährige Wilhelm wird flugs zum Zuschauerliebling. Sie haben sichtlich Spaß, widersprechen auch mal und tun so, als hätten sie die freie Wahl. Was ist Spiel, was schon Manipulation? Sehen wir die Kinder, wie sie sind, wie sie einer aufregenden Situation entgegen treten, oder spielen sie das „nur“, tragen sie Masken, tun sie, was von ihnen erwartet wird. Sind wir die eigentlichen Manipulatoren, wir, die wir die Kinder aufgeweckt und niedlich, schlagfertig und unschuldig wollen? Sind wir etwa die macht, der sie sich unterordnen?

Weiter geht es, hinein in die Geschichte Dutrouxs in fünf Kapiteln. Die Kinder spielen Szenen nach, die mit erwachsenen Schauspielern per Video erscheinen, und stehen selbst vor der Kamera, in Re-enactments von Interviews, etwa mit einem Polizisten, Dutrouxs Vater oder einem Paar, dessen Tochter ermordet wurde. Kulissen werden aufgebaut, die Drehs detailgetreu und aufwändig vorbereitet und durchgeführt. Seynaeve treibt die Darsteller*innen subtil, aber bestimmt an, ihm das zu liefern, was er will. Als der 13-jährige Pepijn, Willems älterer Bruder, den Vater einer ermordeten nicht authentisch genug gibt, hält er ihn an, echte Tränen zu vergießen, wenn es sein muss, künstlich erzeugt. Das Ergebnis sehen wir in Nahaufnahme. Am erschreckendsten ist das dritte der fünf „Stücke“: Da spricht die 8-jährige Rachel Worte von Dutrouxs Opfern, gerichtet an die Eltern, schreckliche, stille Worte, die kein Kind je auch nur denken sollte. Das reicht Seynaeve nicht. Er will, dass Rachel sich bis auf die Unterhose auszieht, die Opferrolle realistisch ausfüllt. Da ist der ganze leichte, witzige, spielerische Ton mit einem Mal verflogen. Rachel fügt sich, sie hat keine Wahl. Längst sind wir, das Publikum, zu Komplizen geworden, zu Anstachlern eines Spiels, das nur noch voyeuristisch zu rezipieren ist.

Wir wollen sehen, was der Regisseur uns gibt und sind doch zugleich empört. Über ihn, nicht über uns. Denn wir merken natürlich, dass das, was wir sehen, sich irgendwie falsch anfühlt. Dass Kinder in situationen geraten, in denen sie nicht sein sollten, dass ihr Spieldrang, ihre Lust an der Verkleidung ausgenutzt werden, dass sie Manipulationen unterliegen. Auf einmal ist es nur noch ein kurzer Schritt vom nett säuselnden Regisseur zum Missbrauch, rückt Seynaeve ganz nah an Dutroux heran. Auch er bringt die Kinder in eine Zwangssituation, auch er tut, was nötig ist, damit sie seinem Willen folgen. Er hat die Kontrolle. Aber natürlich nicht wir, die dem Treiben zuschauen, mit uns hat das doch nichts zu tun. Oder? Plötzlich sitzen wir auf schwankendem Grund. Wird hier die Geschichte um Dutroux erzählt, werden uns die Opfer näher gebracht oder erleben wir die Mechanismen des Missbrauchs, der Unterwerfung – mit den Zuschauern als passive Gaffer? Ganz langsam entstehen solche Fragen. Milo Rau lässt den Zeigefinger unten, er manipuliert auch das Publikum, führt es hinein in ein vermeintlich harmloses Spiel, das sich erst, wenn wir mitten drin stecken, als alles andere erweist, nur eben nicht harmlos. Aber haben die Kinder nicht trotzdem Spaß, bekommen sie nicht auch, was sie wollen – einen Ort zum Ausprobieren, zum Spielen, zum Erkunden? Was passiert mit ihnen, wenn sie spielen, was sie – hoffentlich – nicht verstehen können: Trauer, existenzielle Angst, Tod? Wer ihnen dabei zusieht, mit welcher Neugier sie sich dem Unbekannten widmen, welche Ernsthaftigkeit sie an den Tag legen, wie groß ihr Ehrgeiz ist, so gut zu spielen wie möglich, hat es schwer, sich zu wünschen, man sollte es ihnen verbieten.

Five Easy Pieces ist eine Studie über Spiel und Theater, über Manipulation und Missbrauch, die leichtfüßig und kaum merklich Ebene auf Ebene türmt, bis sich der Zuschauer in einem Gewirr aus Fragen wiederfindet, die ihn selbst betreffen, die Grundsätzliches in Frage stellen, die das gerade Genossene ins Zwielicht setzen und seinen Blick zweideutig erscheinen lassen. Das Theater als Medium der Erkenntnis: Milo Rau war vielleicht noch nie so radikal wie an diesem Abend, der das Theater selbst zum potenziellen Unterdrückungsinstrument und Missbrauchsraum macht, es nach seiner Rolle und seine Abgründen fragt, und der doch auch die Möglichkeit zulässt, dass das was hier passiert, ganz im Sinne derer ist, die wir gerade noch missbraucht glaubten. Natürlich ist das ohnehin alles Spiel, doch wo ist seine Wahrheit? Milo Rau zwingt die, die mit wachsender Unruhe zusehen, ihren Blick in Frage zu stellen, ihren Reaktionen zu misstrauen. Wenn der Anblick des halbnackten Mädchens mit dem sachlich erzählten Abschiedsbrief erschüttert, was ist die Ursache?  Der manipulative Zwang, dem der Zuschauer beiwohnt, oder die mimetische Kraft von Rachels Darstellung? Es ist die Entscheidung jedes Zuschauers, seine Haltung zu finden, die verschiedenen Ebenen zuzulassen. Die Fragen drängen sich auf, die Antworten zu finden, obliegt dem Besucher. Am Ende lässt ihn Milo Rau allein mit sich und seinen Fragen. Der Boden schwankt, der Zuschauer muss lernen, auf ihm zu gehen. Aus der Bahn geworfen, verunsichert, und doch seltsam beglückt. Was kann Theater mehr? Und darf es das?

Advertisements

Ein Gedanke zu „Was Theater kann – und was es darf

  1. […] Milo Rau: Five Easy Pieces / International Institute of Political Murder / CAMPO Gent, Regie: Mi… […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: