Die Frage

Autorentheatertage Berlin 2016 – Dominik Busch: Das Gelübde, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater Berlin (Regie: Lily Sykes)

Von Sascha Krieger

So ein Versprechen ist schnell gemacht, wenn man in einem abstürzenden Flugzeug sitzt, Minuten, Sekunden entfernt vom wahrscheinlichen Tod. Tim macht es, ein junger Arzt, nicht besonders idealistisch, gerade zurückkehrend vom Aufenthalt in einem Armen-Krankenhaus irgendwo in Afrika. Das Angebot, dessen Leitung zu übernehmen, hat er ausgeschlagen, zuhause in Europa warten ein sicherer Job, eine Freundin, die Familie, Freunde. Dich nun ist alles anders. Und so schwört er zurückzugehen, für immer, wenn er das hier überleben sollte. Wem er das schwört? Gott? Eher nicht? Sich selbst? Auch, aber das ist nicht alles. Er hat das Gelübde dem Gelübde über gegeben, sagt er später, nicht wissend, was das heißt, aber spürend, dass da etwas war, das er nicht so leicht übergehen kann. Der Familie ist das nicht zu vermitteln. Die schwangere Freundin wischt das Versprechen weg und vermutet, seine Liebe sei erloschen. Die Mutter stellt ihm ein Ultimatum, der Vater sucht psychologische Gründe, ein Freund argumentiert juristisch: Das Versprechen sei gar kein rechtskräftiger Vertrag und daher nichtig. Nur eine Freundin steht zu ihm, doch auch sie versteht nichts. Mit ihrem Gerede von Gott und Nächstenliebe kann er nichts anfangen.

Das Deutsche Theater Berlin, Spielort der Autorentheatertage Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin, Spielort der Autorentheatertage Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Was ist es denn nun aber, was ihn nicht zurückkehren lässt von dieser natürlich irrationalen und im emotionalen Ausnahmezustand getroffenen Entscheidung? „Ich weiß es nicht“, nennt er es, dieses nicht zu verstehende Prinzip, dem er sich verpflichtet fühlt. Christian Baumbach spielt diesen Tim in Lily Sykes Uraufführungsinszenierung, die ab November in Zürich gespielt werden wird und als eines der diesjährigen Siegerstücke im Rahmen der Autorentheatertage Premiere feiert. Er ist ein ratloser, schwitzender Beamtentyp mit viel zu großer Brille. Kein Aktivist, kein selbstloser Märtyrer. Ein Sucher schon, ein Ratloser, Fragender. Buschs Text stellt seine Frage nicht nur, er wird zu ihr. Substantivisch, abegehackt, rastlos ist seine Sprache, eine Unendlichkeit von Aufzählungen, Fragmenten, eindrücken. Der Text wechselt zwischen narrativen und dramatischen Passagen, er versucht die Innensicht, probiert, in die Gedanken des Protagonisten einzudringen und findet doch nur wieder Fragen. Den Absturz beschreibt er von außen, distanziert, verständnislos. Dann wieder Dialoggszenen irgendwo zwischen Realismus und Parabel. Eine ganz individuelle Geschichte und zugleich eine universale. die Sinnsuche des (post)modernen Menschen.  Ganz neu ist das natürlich nicht und doch entlockt Busch der Thematik Unerwartetes. Die Unmöglichkeit einer Antwort auf das doch so machtvolle irrationale, der konsequente Frage- und Suchmodus, der nichts Schales, nichts Ausgetretenes hat, sondern erfüllt ist von der Unmittelbarkeit und Unheimlichkeit des Vorstoßens in eine unbekannte, ungeahnte Welt erfüllen den Text und auch Sykes’ Inszenierung.

Sie beginnt mit dem Rätsel: Vier Darsteller*innen betreten im Schein einer Öllampe die Bühne und sprechen rhythmisch immer nur eine Silbe, die sich nach längerem Hinören als zwei entpuppt: „tris“ und „tis“. „Tristis“ also, „traurig“ auf Lateinisch. Später entsteht daraus ein Choral: „Tristis est anima mea“ – „Traurig ist meine Seele“. Ein Vers aus dem Matthäusevangelium, von Jesus geäußert im Garten von Gethsemane, kurz vor seiner Gefangennahme. „Und ich werde gehen, um für euch geopfert zu werden.“, heißt es gleich darauf. Ein Opfergang wird hier angedeutet zu den Klängen einer Orgel am Bühnenrand. Sie steht für Spiritualität, der Rest des Bühnenbilds von Jelena Nagorni ist Vernunft und Realität, eine Tragfläche und ein Flugzeug-Corpus. Doch ist erstere nur angedeutet und bleibt letzterer Skelett. Die Wirklichkeit als leeres Konstrukt. Das mag plakativ erscheinen und wirkt hier doch nicht so. Viel zu unsicher wirkt dieser Abend – im besten Sinn: Er kennt keine Gewissheiten, tastet sich wie blind voran, während von der decke sanft der Sand rieselt. Die Welt als Schein, der Tod als Mahnung: Versatzstücke religiöser Welterklärung tauchen auf und bleiben doch fremd. Wenn kurz vor Ende Choräle am Fließband abgescungen werden, ist auch das nur ein Versuch, Sinn zu finden, ein Bedeutungsmuster zu erkennen und sei es ein selbstkonstruiertes.

Dieser Abend ist Versuch, wie es auch der Text ist, der mal Reportage ist (etwa in einer starken Passage, in der Tim beim Versuch scheitert, ein AIDS-krankes Kind zu retten), mal Bekenntnisprosa, mal Familiendrama. Eine Suchbewegung, die sich dem Anspruch, eine rationale Erklärung, einen greifbaren Sinn zu finden, verweigert und ihm im gleichen Moment anhängt. Der rationale Mensch kann nicht aus seiner Haut und doch ist er in der Lage, Irrationales zu tun. Wenn Tim am Ende zurück ist in Afrika im Zentrum der Hoffnung, wie das Krankenhaus auf Französisch heißt, ist seine reise zu Ende und hat doch erst begonnen. Dominik Busch und Lily Sykes lassen uns ein Stück mitgehen. Und uns vielleicht bemerken, dass wir alle Mitreisende sind. Ein kleiner, stiller, minimalistischer, intensiver Abend. Eine kollektive Frage. Stellen wir sie uns. Immer und immer wieder.

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