Das Leben – ein Unfall

Autorentheatertage Berlin 2016 – Thomas Melle: Bilder von uns, Theater Bonn (Regie: Alice Buddeberg)

Von Sascha Krieger

Einem erfolgreichen Manager wird ein Bild aufs Handy geschickt. Es zeigt einen nackten Jungen – ihn selbst im Alter von 11 oder 12 Jahren, aufgenommen während seiner Zeit an einem renommierten Jesuiten-Internat vom damaligen Schulleiter. Er sieht das Bild beim Autofahren und fährt fast in eine Gruppe Schulkinder hinein. So beginnt Thomas Melles Stück Bilder von uns. Vorbild waren die Enthüllungen um jahrzehntelangen Missbrauch am Bonner Alossiuskolleg, eine von zahlreichen Schulen, an denen in den vergangenen Jahren ähnliche Fälle ans Tageslicht gelangten. Melle interessiert die Opferperspektive: Was macht der Missbrauch, vor allem aber seine Aufdeckung mit denen, die wir meist nur Opfer nennen? Was passiert mit ihnen, wenn ihre Identität in Sekundenbruchteilen pulverisiert wird? Das Stück hebt an als Mischung aus Kriminalgeschichte und Psychothriller. Der erfolgreiche Verlagschef Jesko Drescher macht sich auf die Suche nach dem Absender der eins nach dem anderen eintrudelnden Bilder, während er zunehmend in einen Sumpf aus Erinnerung und Verdrängung, aus Selbstinszenierung und Identitätsverlust gerät.

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters, Spielort des Gastspiels im Rahmen der Autorentheatertage Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters, Spielort des Gastspiels im Rahmen der Autorentheatertage Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Denn Jesko hatte geglaubt, die Foto-Sessions mit dem Pater, das rektale Fiebermessen und gemeinsame Dusche, die Erektionen des unbekleideten Schulleiters vergessen zu haben, hatte sie abgelegt in einer fernen Ecke seines Selbst, fest verschlossen und archiviert. Denn Opfer zu sein, passt nicht zu seinem Lebensentwurf. Er ist ein Macher, einer, der macht, während einer Opfer, mit dem gemacht wird. Das passt nicht zusammen, wie an einer Stelle in einer fast Jelinekschen Wortkaskade gesagt wird. Er trifft auf Mitschüler: den Werbeagenturinhaber Malte, der sich schnell zum medienwirksamen Aufklärer mausert und fordert, alles müsse ans Licht, der ehemalige Außenseiter und heutige Anwalt Johannes, der absoluten Antworten mit Skepsis begegnet und der Wahrheit nicht viel Kraft zutraut. Und dann ist da noch Konstantin, schwer gezeichnet vom Missbrauch, der bei ihm weit über Fotos hinausging, traumatisiert und gebrochen.

Jesko dagegen will die Fremdbestimmung, die der Missbrauch bedeutet, nicht zulassen. Er will die Kontrolle behalten und trifft einige fragwürdige Entscheidungen. Währenddessen ringt er mit einem Selbst, das Risse bekommen, sein Fundament verloren hat. „Die ganze Jugend wird mir gerade zum Unfall“, sagt er einmal. Thomas Melle wechselt zwischen erzählenden Passagen, monologischen Reflexionen und konfliktreichen Dialogszenen, die vor Realismus nur so strotzen. Es ist ein Text, bei dem das konkret Plastische neben dem brüchig Reflexiven steht, der fest auf dem dramatischen Boden verwurzelt ist und zugleich im narrativen Zwischenraum schwebt. Ein Text mit schwankendem, ja, doppeltem Boden, so wie die leben, die Identitäten jener, die plötzlich nicht mehr wissen, wer sie sind und die, wie Jesko, sich dies nicht eingestehen können oder wollen. Sie ringen mit sich und einander und immer dreht es sich um die eine Frage „Wer bin ich? Was ist meine Identität?“ „Ich lasse mich zu diesem Typen nicht umschreiben“, sagt Jesko. Dieser Typ, das ist das Opfer, das er nicht sein will. Es geht um die „neun Jahre, in denen ich ich wurde“. Und dieses Ich ist auf einmal ein anderes.

Was tun? Sich öffnen, die Vergangenheit annehmen wie Malte? An ihr verzweifeln, ihr erlauben, das ganze Leben zu übernehmen wie Konstantin? Oder distanzierter Beobachter bleiben wie Johannes? Jesko wehrt sich, er faselt von persönlicher Verantwortung, wo er längst weiß, wie hohl sein Gerede ist. Die Kontrolle über das eigene Leben, die Gewissheit, wer man ist, sie liegen in den Händen derer., die ihre Verantwortung missbrauchten, die es zuließen und und die wegschauten. Das sind nicht wenige. Wie gewinnt man sie zurück, die Kontrolle, die Identität? Malte versucht es mit der Annahme des Geschehenen, Jesko mit seinem Ausschluss, der Weigerung, ihm Macht zu verleihen. Kein unlogischer Schluss, doch funktioniert es natürlich nicht. Denn die Macht ist längst da, in ihm, in seiner Familie, seinem Beruf. Er ist, der er ist, auch, weil er der war, der er war. So einfach, so schrecklich. Bilder von uns ist ein ambivalentes, immer wieder kippendes Textkonstrukt, das seine Unsicherheit, die Unmöglichkeit unwidersprechbarer Wahrheiten, seine Brüchigkeit, seinen schwankenden Grund aus der Geschichte zeiht und zum Formprinzip macht. Auf den ersten Blick klar und stabil, doch dahinter gähnt der Abgrund.

In der Uraufführungsinszenierung hat sich Alice Buddeberg für größtmögliche Reduktion entschieden. Die Bühne ist leer, ein paar kalte Regalgerippe erinnern an Gitter, an Käfige. Alles ist kahl, kalt, die Figuren darin gefangen. Kalt und grell ist das Licht in den Spielszenen, dunkel die Welt beim einsamen Kampf mit sich selbst. Mit Diaprojektoren leuchten die Darsteller einander an, zwingen sich zum Reden, Denken, Fragen. Benjamin Grüters Jesko ist voller Wut, voller Aggression, die er gegen sich und andere richtet. Ihm nimmt man sein inneres Ringen in jeder Sekunde ab, Buddeberg setzt auf psychologiosierende Figurengestaltung und trifft damit ins Schwarze. Der naturalistische Kampf ums Ich, der ein ganz individueller und stets auch einsamer ist, wirkt fast greifbar, steht plastisch vor uns und erzeugt eine zuweilen kaum erträgliche Spannung, die sich aus der Stille speist, gegen die selbst die anrennen, die sie eigentlich als Verbündeten betrachten. Und die doch nie aufgibt. Ganz nebenbei und unspektakulär begeht Konstantin Selbstmord, vergessen in einer Ecke und zugleich nicht wegzulügend präsent per Live-Video. Nein, das Verdrängte will, muss an die oberfläche, egal was komme. Und es hat seinen Preis, den am Ende auch Jesko zahlt. Überzeugend ist die letzte Wendung zwar nicht, doch trübt sie den Eindruck dieses kleinen, stillen und ungeheuer aufwühlenden Abends nicht.

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