Keine Angst

Falk Richter und Nir de Volff: Cittá del Vaticano, Wiener Festwochen / Schauspielhaus Wien (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Was ist das hier? Eine Podiumsdiskussion? Ein paar Freunde, die sich unterhalten über Gott und die Welt? Ein Bibelkreis? Vielleicht von allem ein bisschen. Um den Vatikan soll es gehen, das kleinste Land der Welt, in dem keine Frauen leben und in dem noch nie ein Kind geboren wurde. Was die Einbindung von Frauen angeht, ist sogar der IS fortschrittlicher. all das erfahren wir in den ersten Minuten von Falk Richters neuem Abend, natürlich auch über Korruption und Kindesmissbrauch und Heuchelei. Das ganze Programm, unterhaltsam vorgetragen in einer Art informeller Gesprächsrunde, in der die Darsteller*innen, eine Mischung aus Schauspieler*innen und Tänzer*innen, schnell aufs Persönliche kommen. Was bedeutet der Vatikan für dein Leben, fragt eine von ihnen und die Antwort ist meist: nicht viel. Doch da ist auch Steffen Link, Schauspieler, aufgewachsen in einer freichristlichen Gemeinde, schwul. Sein Leben ist geprägt von sich absolut setzenden Glaubensauslegungen, von der Anmaßung institutioneller Religion, über Geist und Körper des Einzelnen zu bestimmen. Er hat sie noch im Kopf, all die frommen Lieder. Aber auch die Heuchelei derer, die von einem freien Leben sprechen und zugleich die Kinder mit den Sünden vollpumpen, gegen die sie dann vorgehen.

Bild: Matthias Heschl

Bild: Matthias Heschl

Fremdbestimmung ist ein Leitmotiv dieses Abends, den Richter gemeinsam mit dem Choreografen Nir de Volff konzipiert hat. Link erzählt von ihr und führt sie vor: in einer schönen Miniatur eines Bibelkreises, der schnell zum autoritären Manipulationsinstrument wird. Wir hören von der Sehnsucht nach ihr in O-Tönen rechter pseudochristlicher Fundamentalisten, die unter dem Deckmantel der Liebe Intoleranz predigen. Wir sehen diese Sehnsucht auch physisch vorgeführt: in einer grandiosen Szene, in der Christian Wagner einen frustrierten Spätpubertierenden vorführt, der auch ein Frauke-Petry-Poster masturbiert – starkes Symbol für eine immer größer werdende Bevölkerungsgruppe, die Sicherheit sucht in Form von Führern, die ihnen sagen, wie sie sie erlangen. Doch da ist natürlich vor allem auch das einengende, Strangulierende, den Atem nehmende der Fremdkontrolle, zu beobachten in der einschränkenden Uniformität der Körper, dem verkrampften Zucken der Leiber oder im Verzweiflungssolo ob der katholischen Körper- und Geistunterdrückungsmaschinerie, die erneut Wagner mit beängstigender Intensität auf die Brühne bringt. „Ich will keine Angst haben“, predigt Vassilissa Reznikoff. Es ist ein Mantra, dass der Abend wiederholt, mit trockenen Worten und sprechenden Körpern.

Doch leider bilden der Titel und sein Thema wenig mehr als den Rahmen des Abends. Vielmehr geht es um Geschlechterstereotype, die Beziehungsunfähigkeit des (post)modernen Menschen und die Quelle des Bösen, die das westliche Europa in Richters Augen bis heute ist. Die religiöse Kontroll- und Unterdrückungsstrategie wird erweitert zur Gesellschaftskritik, die zuweilen als lustloser und blutleerer Rundumschlag daherkommt. Es gibt Richter-typischen Tiraden gegen und für die Ordnungssehnsucht der Rechten, es wird viel karikiert und lächerlich gemacht, man kriecht und klammert sich aneinander, sucht Nähe und kann sie doch nicht ertragen. Text wie Choreografie überschreiten wiederholt die Schwelle zur Beliebigkeit. Was auch an der moderaten Betriebstemperatur von Cittá del Vaticano liegt. Wo etwa Fear vor ehrlicher Wut nur so überquoll, Thomas Wodiankas Brandrede in Small Town Boy eine fast gewalttätige Energie verbreitete, bleibt das Wasser, mit dem Richter hier kocht, angenehm temperiert. Man lacht über die lächerlichen Rechten, nicht zustimmend mit dem Kopf ob der Analyse eines ausgrenzenden, selbstgefälligen sich einmauernden Europas der Heuchler und kann sich doch recht bequem zurücklehnen und die expressiven aber niemandem wehtun wollenden Choregrafien de Volffs betrachten.

Keine Frage: Der Abend entfaltet seine Wirkung, ist recht virtuos orchestriert im zunehmenden Mit- und Nebeneinander von Text, Bild- und Körpersprache, er ist komplex gebaut und verweigert allzu einfache Antworten. Doch in seiner Mischung aus Tanzlabor und Versuchsaufbau stellt er auch zu wenige Fragen. Richter zitiert sich selbst, ficht seine eigenen Kämpfe nochmal aus, nur diesmal ein wenig müder, resignierter. Dass Cittá del Vaticano  trotzdem in Erinnerung bleibt, liegt an einer ebene, die Richters Abende bislang seltener auszeichnete: der kompromisslos persönlichen. Wenn Link von seinen Unsicherheiten, Schuldgefühlen, Ängsten spricht, wenn Tatjana Pessoa von ihrem alternativen Lebensentwurf – der Kinderwunsch mit dem Ex-Freund (der anwesende Performer Gabriel da Costa) und dessen Freund – erzählt, wenn Wagner oder Telmo Branco ihre Identitätskämpfe körperlich ausagieren, wenn man über die Bedeutung von Glaube, Identität, Familie spricht, dann herrscht plötzlich eine angespannte, konzentrierte , intensive Stimmung, dann wird das abstrakte von Religion, Gesellschaft und Ideologie plötzlich sehr konkret. Dann brüllt der Abend nicht oder langweilt mit plakativen Gebetsposen und Beichtritualen, dann rückt er uns auf die Pelle. Ganz still, aber nicht wegzuwischen. Was das mit dem Vatikan zu tun hat? Wenig. Mit einer Welt, die er half mitzugestalten, aber eine ganze Menge. „We’ll give you life and we hope that you’ll love it“, sagt Pessoa am Schluss, gerichtet an das ungeborene Kind. In diesem Augenblick wollen wir nichts anderes als ihr glauben.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: