Magier der Bastelstube

Autorentheatertage Berlin 2016 – LSD – Mein Sorgenkind. Eine Kette glücklicher Zufälle, organisiert von Thom Luz, Theater Basel (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Wer hat’s erfunden? Die Schweizer!“ Wer an die Popkultur der 1960er-Jahre, an Psychedelik und bewusstseinserweiternde Drogen denkt, dem fällt vermutlich nicht als erstes die oft als betulich empfundene Neutralitätsinsel in den Alpen ein, deren Außenwahrnehmung zwischen (böser) Finanzwelt und (guter) Qualitätsware von Schokolade bis Uhren schwankt. Enthemmung und das Einreißen von Grenzen assoziiert man mit dem Land eher selten. Und doch kommt eine zentrale Zutat der Popkultur der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts genau dorther: LSD. Es war ein Schweizer Chemiker namens Albert Hofmann, der die Substanz 1938 erstmals herstellte und seine Wirkung auf das menschliche Bewusstsein fünf Jahre später durch Zufall entdeckte-. Ein paar Tage später testete er die seltsame Wirkung absichtlich – bei einer Fahrradfahrt von Basel in den beschaulichen Vorort Bottmingen. Thom Luz hat aus dieser Fahrt – und Hofmanns Erinnerungen daran – einen Theaterabend gemacht, der sich der Droge mit den Augen derer nähert, die sie einst entwickelten.

Bild: Theater Basel

Bild: Theater Basel

Gestalten in weißen Kitteln bevölkern die Bühne (Wofgang Menardi, Thom Luz), die nüchternes Laborambiente (weiße Wände, nackte Leuchtstoffröhren) mit der kreativen Unordnung einer Tüftlerwerkstatt verbindet. Hier wird nicht an chemischen Substanzen gebastelt, sondern am richtigen Klang. Die Grundelemente sind banal: fließendes Wasser, Vogelgezwitscher, die Störgeräusche und Klangfetzen eines empfangsschwachen Radios, allerlei Elektronisches, ein Klavier, Fahrradspeichen, ein selbstgebasteltes Glockenspiel. Zunächst ist da ein natürliches Grundrauchen mit Vogelstimmen, das die Bastler sukzessive aufladen, repetitiv, minimalistisch, getrieben von Zufällen. Das Ziel ist die „Verzauberung der Welt“, wie sie der junge Hofmann bei einer fast religiösen Naturerfahrung als Kind einst empfand und mit der selbst hergestellten Droge später wiederfand. Sukzessive, unterbrochen von vielen gemurmelten Wissenschaftlergesprächen, entsteht hier ein seltsamer Klang der Idylle und der wissenschaftlichen Effizienz, altmodisch dörflich und modern industriell zugleich.

Leitmotiv ist dabei die Verwandlung akustischer in visueller Wahrnehmung, die Hofmann als Kern der Wirkung „seines“ Stoffs beschrieb. Und so beginnen wir zu sehen: die Langsamkeit und zunehmende Abstraktion der Bewegungen, die Fahrt Hofmanns auf schwarz-weißen Monitoren, deren Realität durch Farbfolien modifiziert wird und schließlich Musik. Es wird viel gesungen und gespielt, meist Barockes. Distanz und Schönheit öffnen das Tor zur Verzauberung, der Welt, sie sind klanggewordene Transformation. Aus den Zufallsgeräuschsammlungen wird minimalistische Musikessenz, die wiederum zu Melodien, Rhythmen und einem schwer zu fassenden spirituellen Gehalt, einer Sinngebung durch den Klang führen. Und zu Bildern: Nach und nach werden speziell präparierte Klaviere auf die Bühne gebracht, die mit langen weißen, an einem herauf- und herunterfahrenden Gestänge befestigten Papierbahnen ausgestattet sind. Wird darauf gespielt, erscheinen die Anschläge als Farbpunkte auf dem Papier. Zunächst sind es Reihen (schöner Effekt: ein Straßenmotiv, wenn von der Fahrradfahrt die Rede ist), später immer komplexere Kurvenmuster.

Und so beginnt sie, langsam und kaum merklich: die „Verzauberung“ des Gesehenen und Gehörten. Mit wissenschaftlicher Präzision, Konsequenz und Nüchternheit gehen die Tüftler zu Werke: beim Malen der Klänge, beim Analysieren der Monitorbilder, beim Testen elektronischer wie analoger Klangerzeugung. Hofmanns Berichte sind der einzige Text des Abends, sie geben ihm die Gebrauchsanweisung, schließlich ist Wissenschaft immer in erster Linie auch Beschreibung und Erklärung. Doch die Kontrolle verschiebt sich. Sind es zunächst die Klänge und die Musik, die das „Geschehen“ zum Stillstand bringen, die Figuren innehalten, ja, erstarren lassen, übernimmt gegen Ende das Visuelle in Form einer Verkehrsampel, die das fragmentierende Sprechen steuert. Aus wissenschaftlicher wie handwerklicher Kontrolle wird Kontrollverlust, Fremdsteuerung, Sich-Gehen-Lassen. Langsam, ganz sachte, wie es Schweizer Art ist, gelangt der Abend in einen atmosphärischen Schwebezustand aus Klang, Licht, Langsamkeit, in ein Zwielicht, kippender Realität und veränderter Sinneswahrnehmung, in einen sanften, angedeuteten, alles andere als wilden psychedelischen Trip.

Vieles erinnert hier an Christoph Marthaler: die Langsamkeit, die Musik als Motor wie als Kommunikationsmitteln, die Non-Lineraität von Zeit und Entwicklung, der Eindruck des Stehenbleiben, der Stagnation, des Wartens. Und doch ist vieles anders: Luz‘ Abend hat eine klare, lineare, fast möchte man sagen: wissenschaftliche Entwicklungslinie, ein Ziel, das er zu erreichen bemüht ist. Hier gibt es eine Richtung und vor allem die Möglichkeit von Veränderung und Erkenntnis. Dieses Theater ist wie bei Marthaler ein Weg, aber einer der ein Ziel hat, ankommen will und sei es, um weitergehen zu können. Wenn Luz also die vereinzelten Sinnenempfindungen und Welterfahrungsmodi nimmt und sie sukzessive zusammenführt, wenn er die Effizient der Versuchsanordung auf der Werkstattbühne tranfomiert in eine andere, nicht mehr kontrollierte, erfahrene statt gedachte Realität, dann ist das klein Selbstzweck, sondern eine Erkundung menschlichen Bewusstseins aus dem Geist der Wissenschaft und mit den Mitteln des Theaters. Warum erfahren wir die Welt, wie wir sie erfahren? Ist die Realität real oder nur ein Konstrukt unseres einengenden Bewusstseins Und wenn das so ist, was liegt jenseits dessen, was wir kennen? Die Erfindung des LSD hat der Welt geholfen, diese Fragen zu stellen, weiterzudenken, das Unmögliche nicht mehr als gegeben anzunehmen, die Welt zu verändern und zuweilen auch zu verzaubern. Das Universum ist ein Schweizer Dorf mit ansteigender Straße. Und doch so viel mehr.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: