Orpheus trägt Hut

Autorentheatertage Berlin 2016 – Fritz Kater: I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge), Schauspiel Stuttgart (Regie: Jossi Wieler)

Von Sascha Krieger

Zwei Menschen in Schwarz-Weiß. Ein Paar, mal in ungezwungener Zweisamkeit, später angstvoll aneinanderklammert, Verlorene auf der Flucht. Irgendwo zwischen Film Noir, Nouvelle Vague und Spionagethriller will sich die Uraufführung von I’m searching for I:N:R:I bewegen, die Geschichte zweier Reisender im Strom des 20. Jahrhunderts. Sie: als junges Mädchen im Krieg vergewaltigt, später Helferin eines Nazis, am Ende selbst Mörderin. Er: Kampfflieger, Pole und Israeli, Journalist, Nazijäger. Sie lernen sich kennen im Nachkriegsberlin und wissen doch nichts von einander. Wollen vielleicht auch nichts wissen. Wissen ist Schmerz in diesem so deutschen Jahrhundert. Kater schickt sie kreuz und quer durch die Zeiten: Von 1959/60 zurück in die 1940er und nach vorn in den Sommer vor dem Mauerfall. West-Berlin, Havanna, Bonn-Bad Godesberg. Ein Erinnerungsstück, über weite Strecken monologisch, ein Drama, das sich nur in den Köpfen der Figuren, die eigentlich Erzähler sind, abspielt.  Was auch immer hier passiert, ist längst geschehen, lässt sich nicht beeinflussen, hat zugeschlagen wie das unerbittliche Schicksal. Das Stück zitiert nicht nur ausgiebig Traditionen der Massenkultur, es bedient sich auch ihrer erzählerischen Mechanismen wie ihrer philosophischen Ausrichtung. Es will so schwarz sein wie der Hollywood-Film der 1940er und so verloren wie das quecksilbrige Schwarz-Weiß Jean-Luc Godards.

Bild: Thomas Aurin

Bild: Thomas Aurin

Da steht sie dann, Fritz Haberlandt als Rieke, die eigentlich anders heißt, mit langer blonder Perücke, mädchenhaft verkrampft und erzählt von ihrer Vergewaltigung. Mit weit aufgerissenen Augen, einer Stimme, die zu brechen droht und zugleich seltsam distanziert scheint, mit jeder zuckenden, angekrampften Faser ihres Körpers. Es ist ein großer Moment, subtiles, ergreifendes Schauspiel. Wieler gibt ihm Raum, verleiht ihm eine schmerzende Schlichtheit, dieser Weltenwende, die doch niemand bemerkte, die die Welt nicht aus den Fugen hob, eine banale Fußnote, nicht mehr. Und doch ist sie hier angelegt, die ganze Figur, die Haberlandt zwischen widerständiger Selbstbehauptung und verzweifelter Verstellung spielen wird, verletztlich, künstlich, nicht zu greifen. Andrè Jungs Maibom ist da bodenständiger. Ein Lebemann, der zum Zynismus neigt, und zugleich ein stiller Liebessucher, ein dominanter, herrischer Macho und einer, der sich treiben lässt, lassen muss, ein Handelnder und ein Objekt anderer. Ein ungleiches Paar, gefesselt aneinander. Doch an wen eigentlich, wenn man nicht einmal seine Namen kennt?

Jossi Wieler, Intendant der Stuttgarter Staatsoper, hat ein Gespür für Timing, Rhythmus, Atmosphäre. Er streut Filmsequenzen ein, arbeitet sehr subtil mit hintergründiger Musik, taucht die Bühne über ebenso schlichte wie ausgeklügelte Lichtregie in eine Zwischenwelt voller schatten, ein ewiges Zwielicht, bewohnt von Überlebenden, denen das Leben immer weiter verlorengeht, die sich unsicher bewegen auf den weißen, zertrümmerten Platten im kahlen schwarzen Raum, der die Welt sein soll (Bühne: Anja Rabes). Wieler verfügt über ein ausgeprägtes Gespür für die Melodik der Sprache. Wenn Jung seine Erinnerungen erzählt und Haberlandt mit ihren Masken spielt, lauscht er mehr auf den Klang der Stimmen als auf das, was sie erzählen. Ihr Leben, ihr Überleben liegt nicht zuletzt im Sprechakt selbst, im Weiterreden, im Nichtverstummen. Der Fluss der Zeit, auf dem sie treiben, ist ein Fluss der Sprache, der Sprache als Klang, als Ansingen gegen die Stille. Hier passen auch die Bilder hinein, Inszenierungen von Lebensbehauptung, Manifestationen eines Scheins, der die Wirklichkeit ersetzen muss, weil sie zunehmend entschwindet. Der Mann im grauen Hut und Mantel, er ist längst ein Zitat, dessen Original verschollen ist.

Die Konstellation ist spannend, Katers Umgang mit ihr ist es weniger. Er türmt sie auf, die großen Fragen nach Schuld, Verantwortung, menschlicher Ohnmacht, das Thema menschlicher Identität. Doch er lässt sie liegen im Strom der Monologe, die bedeutungsschwer daherkommen und doch viel zu oft mehr schein als seinen. Dazu ist der Text auch zu sprunghaft, seine Kapitel zu kursorisch, die Zitathaftigkeit zu dominant. Die Geschichten bleiben Fragment und auch Wieler gelingt es nicht, ihnen Leben einzuhauchen. Vieles wirkt konstruiert: die Geschichte des alten Maibom, der auf einen jungen Musiker mit DDR-Fluchterfahrung trifft (berührend verletzlich: Matti Krause), hat bestenfalls leitmotivische Funktion – das Thema Flucht wird bis zur Ermüdung durchgespielt – und wirkt schrecklich aufgesetzt. Das gilt auch für die eingestreute Geschichte von Orpheus und Eurydike, Liebende, die sich verlieren, weil die Welt gegen sie ist. Wenn dann auch noch eine Krimigeschichte ins Spiel kommt, mit Manja Kuhl als platinblonder Femme Fatal, kippt es zeitweise gar ins ungewollt Kitschige. Statt sich aus den Geschichten in die Geschichte hineinzubewegen, fallen Stück und Abend zunehmend aus ihr heraus, reduzieren sie zu medial tausendfach wiedergekäuten Schablonen, die kaum mehr Komplexität haben als Guido Knopps Geschichtsfernsehen. Und dann bleibt eben wenig mehr als tolle Bilder und Schauspieler*innen, an deren Lippen man hängt. Von denen man hofft, sie würden nie aufhören zu singen. Wovon auch immer.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: