Je Suis Antigone. Oder nicht?

Autorentheatertage Berlin 2016 – Darja Stocker nach Sophokles: Nirgends in Friede. Antigone. Theater Basel (Regie: Felicitas Brucker)

Von Sascha Krieger

Theben ist die Festung Europa, Polyneikes, der entmachtete Königssohn, der sein Geburtsrecht einfordert, steht für die Ausgegrenzten, Entrechteten, Schutzsuchenden, die hinein wollen oder, wenn sie schon drin sind, fordern, gehört zu werden. Die Schweizer Dramatikerin Darja Stocker hat Sophokles Antigone umgeschrieben – zu einem Stück über Flüchtlingskrise und arabischen Frühling, über die Heuchelei des Westens und die Hohlheit seiner „Werte, über die Angst als Machtwerkzeug der Mächtigen. Gleich drei Antigones gibt es: die Privilegierte, die Königstochter, die ihre Augen nicht verschließt; die Helferin, die an vorderster Front steht, da, wo die Ergebnisse von Ausbeutung und Abschottung zu Menschen werden; die Unterprivilegierte aus dem Armenviertel, die erkannt hat, wo die wahre Bedrohung liegt. Kreon dagegen gibt es nur einmal: als Demagogen, der sich als Demokrat verkleidet, der Angriffs- und Invasionsrhetorik schürt, Mythen vom Überranntwerden pflegt, Angst verbreitet, der von Frieden redet und damit meint, nicht von der Außenwelt behelligt zu werden.

Bild: Theater Basel

Bild: Theater Basel

Die Diskrepanz von Außen und Innen steht im Mittelpunkt des Stücks. Kreon ist der Mauerbauer, er braucht diese Differenz, um sein System aufrechtzuerhalten. Antigone dagegen steht auf beiden Seiten, sie ist, wie sie mehrfach sagt, Antigone und ist zugleich nicht Antigone. Sie ist die Mauerneinreißerin, ja, sie erkennt den Unterschied zwischen dem Drinnen und dem Draßen nicht an,  lehnt die Mär vom Unterschied derer „hier“ und jener „dort“ ab. Kreon steht für das Europa, das wegschaut, den Status Quo zu schützen meint, aber auch für jene, die wir euphemisierend „Rechtspopulisten“ nennen, die Feindbilder aufbauen, Ängste schaffen und ausnutzen, Behaupten, diese oder jene gehörten nicht zu „uns“, die spalten wollen und Hass säen. Er, so sagt das Stück, ist wenige, am Ende hat er nicht nur den Sohn, sondern auch den Wächter, seinen hartnäckigsten Schergen, an die „andere Seite“ verloren. Während Kreon und eine der Antigones in ihrem Blut liegen, stehen die anderen – auch und gerade die bei Sophokles so angepasste Schwester Ismene, solidarisch zusammen. Stocker hat viel Zeit in Ägypten verbracht, die Nachwehen des „arabischen“ Frühlings erlebt, sie engagiert sich für die Rettung schiffsbrüchiger Flüchtender. Ihre Antigone-Bearbeitung ist eine Anklage. eine, die uns, die sich angesichts des Elends – wie ihr Vater – selbst blenden.

Es ist ein wütendes Stück geworden, das vor allem bemüht ist, nicht wütend zu wirken. Also versucht es sich sprachlich so eng an Sophokles zu halten, wie es geht, kann es sich nicht recht entscheiden zwischen archaisierender Abstraktion und konkreter Gegenwärtigkeit, wie es zwischen Gesellschaftporträt und Familiengeschichte mäandert, vor seiner eigenen Courage angst zu haben scheint und sich zunehmend im Ungefähren verliebt. Keine ganz dankbare Aufgabe für Uraufführungsregisseurin Felicitas Brucker. Der sie sich mit solidem Kunsthandwerk zu entziehen sucht. Die Bühne (Viva Schudt) weist schräg in die Zuschauer hinein und sagt: Hier ist etwas aus dem Lot geraten. Dominiert wird sie von einer gerüstartigen Wand, durchsichtig, aber nicht durchlässig. Kalte Neonröhren symbolieren, nun ja, die Kälte einer sich erleuchtet fühlenden Gescellschaft, Drinnen und Draußen sind klar abgetrennt. Kreon und Co. stehen davor, die Antigones erobern sich zunehmend die Trennwand als Verbindungsglied. Ansonsten wird viel von der Rampe gesprochen, man positioniert sich klar im Raum und vergisst dabei zu spielen.

Die Zwiegesichtigkeit des Stücks zwischen Plakativität und Unentschiedenheit übernimmt die Inszenierung, die abspult, ein bisschen bebildert (etwa mit halbherzigen Bewegungschoreographien) und ansonsten bemüht ist klarzustellen, wie sie steht. Dass sie Steffen Höld seinen Kreons als nach und nach die Maske fallen lassenden kaltblütigen Bürokraten der Macht, der am Ende wie ein Rumpelstilzchen tobt, mit der Subtilität einer Seifenopernfigur spielen lässt, schadet der Intention des Stücks eher. Und so passiert etwas Seltsames: Der Abend lässt den Zuschauer kalt. Je mehr das Stück mit sich ringt, sich fragt, ob es sich dem Zuschauer nähern oder ihn auf Distanz halten soll, je mehr die Inszenierung versucht, dem Stück zu folgen, ohne eine eigene Haltung zu entwickeln, geschweige denn zu verstehen, wo es hin will, desto mehr Zwischenwände zieht der Abend ein, desto weiter sind wir entfernt von dem, was da verhandelt wird, desto leichter macht er es, nicht hinzuschauen, nicht nachzudenken über unsere eigenen Rollen – als Individuen, als Gesellschaft. Das Erschreckendste an diesem Abend ist womöglich seine Blutleere.

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