„Es lebe der Kitsch!“

Theatertreffen der Jugend 2016 – Nach Georg Büchner: Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand. P14 Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Martha von Mechow, Leonie Jenning)

Von Sascha Krieger

Die Langeweile: Sie ist natürlich die heimliche Hauptfigur in Georg Büchners als Lustspiel verkleideter Satire Leonce und Lena. Wer sie auf die Bühne bringt, muss sich mit ersterer auseinandersetzen, bekanntlich der Erzfeind des Theaters. Ein Stück über Langeweile, das nicht langweilig ist? Wie unterhaltsam kann Langeweile sein? Fragen, die sich die 19-jährigen Martha von Mechow und Leonie Jenning gestellt haben, als sie sich des Stoffs als Grundlage für ihre erste Inszenierung am Volksbühnen-Jugendclub P14 angenommen haben. Dieses Gefühl der Sinn- und Bedeutungslosigkeit, das den Büchnerschen Prinzen Leonce umtreibt, ist es nicht der Grundzustand pubertierender Jugendlicher? Was lässt sich dagegen tun? Theater spielen zum Beispiel. Also rauf auf die Bühne und ordentlich Lärm gemacht.

Bild: Elias Geißler

Bild: Elias Geißler

Das Chaos als Gegenprinzip der Langeweile, als ihre offensive Spiegelung. Die Sinnlosigkeit der Existenz als Schlag in die Fresse. Das ist auch wörtlich zunehmen: Irgendwann, noch im 1. Akt, entblößen Julius Franke und Luis August Krawen (der kürzlich sein eigenes P14-Regiedebüt feierte) ihre Oberkörper und duellieren sich, der eine mit Boxhandschuhen, der andere mit vermutlich bei Karate Kid entlehnten Moves. Noch ein bisschen Kunstblut und schon sind wieder ein paar Minuten geschafft. Büchners Text ist hier bestenfalls Spielmaterial, gibt ein bisschen Struktur und die Bühne vor. In deren Mitte ein drehbares Podest, gedrittelt in Miniatursets für die drei Akte. Suprise: Alle drei „Kulissen“ sind identisch.

Aber egal, erlauben sie doch wenigstens die Illusion, dass sich hier etwas bewegt. Arztromane werden gelesen, romantische Bilder von Liebe und Freundschaft auf die große Leinwand und zwei seitlich aufgestellte Fernseher gezaubert, rechts befindet sich ein mit „Kitsch & Ernst“ beschriftetes DJ-Pult, von dem aus unter anderem die Akt-Zwischenspiele mit launischen Kapitelansagen gesteuert werden. Ansonsten wird drauf los gespielt, was das Zeug hält. Liebe, Ehre, Freundschaft, Sinn des Lebens und Todessehnsucht – den ganzen schönen romantischen Kanon brettern die Spieler*innen mit wunderbarem Sinn für Kitsch und Übertreibung auf die Bühne.

Die Kostüme sind so lächerlich wie die pathetischen, gern mechanisch überzeichnet und volkstheaterhaft gestikulierend begleitet, Worte, die von Büchner stammen oder sonstwo her. Das ist auch nicht wichtig. Franz Kafkas Hungerkünstler wird rezitiert, dieser bedauernswerte Wanderer zwischen irrlichternden Bedeutungserwartungen, der am Ende immer wieder zwischen die sinnstiftenden Stühle fällt. Man singt Liebesballaden viel zu laut und schmerzhaft schief und – natürlich – zitiert viel von den Großen des Hauses. Die Videoeinspieler, das hektische Gerenne und aufgeregte Sprechen in leicht nöligem Tonfall, der anarchische Grundton, der überfordern will: Das ist purer Castorf. Der dritte Akt dagegen, voller sich umkreisender und in den Schwanz beißender Diskursversuche rund um Liebe und den ganzen anderen romantischen Blödsinn, klingt nicht nur nach Pollesch (mit dem einige Akteur*innen übrigens schon gearbeitet haben).

Das ganze ist ein großer Spaß, ein anarchisches Auseinanderreißen und Herumwerfen medialer Klischees und unrealistischer Lebenserwartungen irgendwo zwischen Pop-Song, Seifenoper, Werbung und Arztroman. Alles wird als Spielmaterial benutz, verdaut, ausgespuckt und bis zur Kenntlichkeit verzerrt. Von den Darsteller*innen bleibt der blonde Leonce von Julius Franke besonders im Gedächtnis, der das Ringen mit Langeweile, Liebeskitsch und Verantwortungsgequatsche wie eine Seifen-Oper-Figur nach Genuss eines ganz schlechten Drogen-Cocktails mit hyperpathetischem Overacting und schon wieder kokettierend uneitlem vollstem Körpereinsatz in den Raum zimmert. Wenn wir schon nichts bedeuten, dann seien wir wenigstens schön laut und grell, scheint das Motto zu lauten.

Und auch wenn am Ende die Bühne gefegt wird, die Pollesch-haften Diskursschleifen ganz bewusst zu nerven beginn, so bleibt hier vor allem eines: eine theatrale Selbstbehauptung, die Sinn aus dem Ausprobieren und Verwerfen gesellschaftlich-medialer Vorgaben zieht. Der Leerlauf wird als theatrales Grundprinzip zelebriert, die Unterhaltung zum höheren Sinn erhoben und der ausgestreckte Mittelfinger als affirmative Lebensbejahung umgewidmet. „Es lebe der Kitsch!“, ruft jemand. Ja, tut er. Und mit ihm das Theater, das Jungsein, und das ganze andere Zeugs. Mehr Balkanpop! Mehr Konfetti! Mehr Strumpfhosen! Und ist das da eigentlich Frank Castorf im Gorillakostüm? Oder Chris Dercon? Ach ja, Schnaps gibt es auch, wir befinden uns schließlich im jungen Theater. Prost.

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