Hallo, Apokalypse!

Theatertreffen der Jugend 2016 – prima klima, rohestheater, Theatergruppe der Mies-van-der-Rohe Schule, Berufskolleg für Technik in der Städteregion Aachen

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Hier geht es bergab. Ganz neu ist die Bühnenschräge als Symbol für drohendes Unheil nicht, die Theatergruppe der Aachener Mies-van-der-Rohe Schule recycelt sie lediglich. Das passt gut, denn schließlich geht es um den Klimawandel, Nachhaltigkeit und darum, was der Mensch tun kann und soll, um die Zerstörung des eigenen Planeten, bei der er schon weit vorangekommen ist, zu stoppen. „Ich bin dagegen!“, rufen sie zu Beginn in ihren ausgebleichten postapokalyptischen Kriegerkostümen, den umgeschnürten Fahrradschläuchen und den Fischschuppenapplikationen. Aber wogegen eigentlich? Gegen den Klimawandel oder dagegen, das eigene Verhalten zu ändern. Zwei Gruppen bilden sich: links die Egoisten und Erdausbeuter, rechts die verantwortungsvollen Weltretter und Biojünger. Erstere Welt ist – per Videoprojektion – bereits zur Wüste geworden, während letztere noch in lebendigem Grün erstrahlt. Hier steht dann der westliche Verbraucher, der will, dass sich etwas ändert, aber nicht bereit ist, bei sich selbst anzufangen. Alles soll gut werden – mit einem Fingerschnippsen.

Bild: Wilfried Schumacher

Bild: Wilfried Schumacher

Klappt natürlich nicht. Also werden Charts zum Klimawandel gezeigt, hölzern diskutiert und der Deutsch-Lehrplan geplündert, Goethes Faust (menschliche Hybris!) und Prometheus (die Destruktivität menschlichen Strebens!) und natürlich der Zauberlehrling („Die Geister, die ich rief“… Man kennt das) geplündert, ein bisschen Brecht eingestreut und natürlich von Hoddis‘ Gedicht Weltende dürfen nicht fehlen. Dazu als Klammer das Märchen vom Fischer und seiner Frau als Metapher für die Gier den Menschen – die man dem Zuschauer dann noch mit Rammstein, freien Oberkörpern und dem Ruf nach „Mehr!“ einprügelt – und seine Vernichtung der eigenen Lebensgrundlage (darauf kam auch Günter Grass schon). Es wird viel chorisch gesprochen (das macht man heute so) und choreografisch gearbeitet, wobei außer dem Rammstein-Gier-Tanz mit Feuerwehrschläuchen und dem gemeinsamen Sitzen im einen, aus diesen gebildeten Boot wenig mehr hängen bleibt als das wiederholten Skandieren der Beschwörungsformel des Märchens in Form des Haka, des von der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft bekannten Maori-Kriegstanzes Haka.

Natürlich ist das temporeich (zumindest streckenweise), aufwendig produziert und erzeugt ein paar ansprechende Bilder. Doch das Diskursniveau, das dieser Abend erzeugt und transportiert, ist erschreckend schwach, eine irgendwie erkennbare Reflexionstiefe kaum vorhanden. Die „Diskussion“ über den Klimawandel bewegt sich auf dem Niveau einer Schulstunde in der sechsten Klasse, die visuellen und textlichen Symbole und Metaphern sind von einer Eindeutigkeit und Plakativität, dass das Zuhören und -sehen zuweilen schmerzt, der Zeigefinger ist eine gute Stunde lang dauerhaft oben. Kimawandel schlecht, Mensch schuld, Kapitalismus böse. Mehr erzählt uns prima klima nicht und allzu sehr variiert das Stück seine Botschaft auch nicht. Da ist nach zehn Minuten alles gesagt – mehrfach. Also wird wiederholt, was das Zeug hält, werden immer albernere Bilder geschaffen – der „Karneval der Braunkohleindustrie“ mit auch noch sehr schlechtem rheinischen Akzent ist da nur ein Tiefpunkt von vielen – und ganz viel Lärm gemacht. Um, nun ja, eigentlich nichts. Wer treuer Besucher des Theatertreffens der Jugend ist oder auch nur die anderen Preisträgerinszenierungen dieses Jahres kennt, reibt sich verwundert die Augen. Am Ende ist vom letzten Gericht die Rede, einer Suppe (!), die wir selber auszulöffeln haben (!!). Willkommen in der Theater-Apokalypse.

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