Die Schwierigkeit, ein Mensch zu sein

Theatertreffen der Jugend 2016 – TrotzTdem!, Tanztheater Lysistrate am Goethe-Gymnasium, Schwerin*

Von Sascha Krieger

„Was für ein Mensch will ich sein?“ Ganz unbekannt ist die Frage wohl niemandem, der je den schweren und seltsamen und unsicheren Weg gegangen ist, den wir euphemistisch Erwachsenwerden zu nennen pflegen. Gerüchteweise ist zu hören, dass das für relativ viele von uns gilt. Auch die junge Münchner StudentinSophie Scholl stellte sich diese Frage, vor mehr als 70 Jahren. Für sie lautete die Antwort: eine, die Widerstand leistet gegen Tyrannei und Krieg, die sich entgegenstellt jenen, die vernichten, ausgrenzen, unterdrücken, eine, die bereit ist, ihr Leben einzusetzen für die Ideale, an die sie glaubt. Es ist auch ihr Vermächtnis, das wir, das, die heute in Sophies Alter sind, sich solche Fragen stellen können, offen und öffentlich, das sie ihre Frage zu stellen in der Lage sind und diskutieren dürfen über die richtige Antwort. Und es ist in Zeiten der wieder erstarkenden rechten Ränder in Europa, in Tagen, da öffentlich wieder gesagt wird, was wir vor nicht langer zeit glaubten, überwunden zu haben, da der rechte Mob die Straße beansprucht, Gewalt übt, Terror sät, eine Frage, die gestellt werden muss. Nicht nur, aber gerade von denen, die heute jung sind und in der Welt werden leben müssen, die sie heute zulassen.

Bild: Lena Sponholz

Bild: Lena Sponholz

Die Tanztheatergruppe des Schweriner Goethe-Gymnasiums hat sich dieser Frage gestellt. Die 19 Mädchen und drei Jungen wollen wissen, was es heißt, Widerstand zu leisten, nicht auf der großen politischen Bühne, sondern ganz unspektakulär im Alltag. Zwei Gruppen stehen einander zunächst gegenüber auf der leeren Bühne. Sie treten einzeln in den Raum und suchen nach einer Position für sich, eine Position gegenüber Welt, den anderen, uns Zuschauern. Die ist mal trotzig, mal resignativ, mal nachdenklich. Sie wechseln Posen und Positionen und mit ihnen ihre Stellung gegenüber der Welt – und ihren Blick auf selbige. Schnell bilden sich Gruppen und schnell passiert, was passieren muss: es gibt Ausgrenzung, einzelne finden sich einer feindseligen Gruppe gegenüber. Da gibt es nur einen Ausweg: mitzumachen, sich der sich formierenden martialischen Marschformation anzuschließen, ein Teil der Masse zu werden. Doch die Sicherheit ist trügerisch. Die Totalitäre Mehrheit braucht Feinde, Gegner, ASuszugrenzende. so zerfällt die Einheit schnell wieder in Mobbingszenen und kulminiert die Logik der Macht in eine nachgestellte Massengefangennahme der vielen durch wenige.

Die stärkste Waffe, die das Individuum hat, ist eben seine Existenz als Individuum, als Einzelner, als nicht in der Masse Aufgehender. Spielerisch suchen die Spieler*innen das Individuelle, Eigene, zeigt sich die Freiheit ganz trivial im alltäglich, darin, zu tun, was man tun will. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger. Der weg zum Individuum ist ein steiniger. Immer wieder werden sie zurückgeworfen, treffen auf unsichtbare Hindernisse und versuchen doch voranzukommen. Es kommt zu Konfrontationen, aber auch zu Momenten der Nähe, zum Zusammenstehen gegen eine Übermacht. Ist der einzelne ausreichend oder braucht er andere, um stark zu sein? Lohnt sich der einsame Kampf überhaupt? Irgendwann steht ein umschlungenes Paar inmitten wütend an ihnen Reißender, die Zweierbeziehung ist der Feind der homogenen Menge. Annäherung und Abstoßung wechseln sich ab, Widerstand erweist sich als schwerer, immer wieder durch Rückschläge gekennzeichneter Prozess, der Selbstfindung, bei der nicht nur wichtig ist, wer man zu sein glaubt, sondern auch, wo man steht und mit wem. Am Ende sehen wir Pantomimen des Todes und des Abschiednehmens, hören wir die Worte Sophie Scholls. Wer sich in den Strom stellt, sollte wissen, dass das Konsequenzen haben kann. Am Schluss steht Sophie Scholls Traum: das Kind im weißen Kleid, das alles Unheil überlebt. Das Kind ist die Idee. dann wird es dunkel. Und ist doch so hell.

*Rezension auf Basis einer Videoaufzeichnung

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: