„Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“

Theatertreffen der Jugend 2016 – Frankfurt Babel, Junges Schauspiel Frankfurt, Frankfurt am Main

Von Sascha Krieger

Im Alten Testament, genauer im Buch Genesis, findet sich die Geschichte des Turmbaus zu Babel. Die Menschen kamen zusammen, um gemeinsam einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reichen sollte. Gott wertete den Bau als Versuch der Menschen, sich ihm gleichzusetzen, und strafte sie, indem er ihre Sprache verwirrte, sodass sie sich nicht mehr verstanden. Frankfurt Babel, eine stückentwicklung von und mit Jugendlichen mit unterschiedlichstem Migrationshiontergrund und Geflüchteten, beginnt mit dieser Geschichte – und ihren Folgen. Sie erzählen vom Turmbau, aber ein jeder in seiner Sprache. Gestikulierend berichten sie, was wir nur selten verstehen und doch beginnt, je länger wir zusehen und zuhören, so etwas wie ein Verständnisprozess. Denn die, die dort stehen und oft vermeintlich ungehört sprechen, sind Widerständige. Sie widersetzen sich dem Diktat – das man heute nicht mehr einer unbedingt Gottheit andichten muss – uneins zu sein, vereinzelt, getrennt voneinander. Denn auch wenn sie einander nicht verstehen, nicht die gleiche Sprache sprechen: Sie erzählen die gleiche Geschichte, sie suchen die Verbindung zueinander.

Bild: Birgit Hupfeld

Bild: Birgit Hupfeld

Die Jugendlichen, die deutsch-philippinische oder griechisch-türkische Wurzeln haben, aus Marokko, aus Somalia oder Afghanistan geflüchtet sind, stehen auf Tafeln, auf denen mit Kreide eine Weltkarte entsteht. Ihre Herkunftsländern sind zunächst Inseln, doch finden schnell zueinander: Große Kreise umschießen die kleineren, Pfeile bezeichnet die Migrationsbewegungen, Namen und Persönliches laden die kalten Ländernamen auf. Die Welt wächst zusammen, weil sie es wollen. Auch wenn wir ihre Geschichten hören. Dies geschieht meist paarweise: Ein Spieler oder eine Spielerin erzählt von einem oder einer der anderen – über ihre Herkunft, darüber, was gerade in „ihrem Land“ passiert und über ihre Zukunftsträume. Da kommt es auch zu dem einen oder anderen Missverständnis, manches ist „lost in translation“, und doch wohnen wir Verständigung in ihrer überzeugendsten Form bei: dem Interesse am anderen, der selbstverständlichen Akzeptanz, dass uns viel mehr real verbindet, als uns angeblich trennt (was gegen Ende in kollektivem Whitefacing ein wenig arg plakativ symbolisiert wird).

Der Abend ist eine ungemein leichte, energiereiche, unterhaltsame Übung im Zuhören und Zusehen. Spielerisch werden Grenzen eingerissen, vermeintlich Trennendes als übergestülpt entlarvt und abgeworfen. Man sieht diesen optimistischen (jedoch nie naiven) Jugendlichen gern zu, wie sie aus ihrer vermeintlichen Sprachlosigkeit heraustreten, vor unseren Augen zu Individuen werden, deren Herkunft letztlich nur noch ein Aspekt ihrer Identität ist – unter vielen anderen. Und doch ist der Hauptakteur dieses Abends die Sprache: Murmelnd hebt sie an,, ergießt sich als glitzernder Ozean über uns, nimmt uns auf und trägt Spieler*innen wie Publikum auf ihren Schultern. Und verliert nie die Babel-Geschichte aus den Augen. Mit hartem, unerbittlichem Rhythmus skandieren sie mantraartig der Geschichte Ende, angetrieben durch den harten schlag einer Bassdrum. Der Klang wird härter schriller, rhythmischer, die Verbindung, die sie suchen, ist keine leichte Aufgabe, antrainierte Verhaltensmuster, feindselige Machtstrukturen, ideologische Ressentiments stehen ihnen im Wege, suchen sie zu trennen. Die Tafeln werden zu Barrieren, die auch Schutzschilde sein könnten. Am Ende werden sie abgelegt, das künstlich Trennende entsorgt. Am Ende werde alles gut, sagt eine Spielerin ganz am Schluss. Wenn es noch nicht gut sei, ist es eben noch nicht das Ende. Ein Anfang ist es aber sicher.

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