„Wann ist ein Mann ein Mann?“

Theatertreffen der Jugend 2016 – EHRLOS, Parallele Welten III, Theater Bielefeld

Von Sascha Krieger

„Wann ist ein Mann ein Mann?“, fragte Herbert Grönemeyer schon vor dreißig Jahren. Wie sich die Frage auch heute noch stellt und wie schwierig es ist, sie zu beantworten, damit befasst sich Ehrlos zeigen, ein Abend von und mit Bielefeldern aus mehreren Generationen und mit unterschiedlichsten Herkünften. Da werden erst einmal männliche Verhaltensmuster abgefragt, etwa, ob Männer weinen dürfen oder wie sie sich Frauen gegenüber verhalten sollten. Entspricht die Antwort nicht einem modernen westlichen Rollenverständnis, antworten die anderen Spieler*innen mit einer Art Fehlersignal. Einfacher macht das die Beantwortung der Frage nicht, denn die Mehrheitsgesellschaft ist nicht die einzige, in der ein Junge wie Baris Solmaz lebt. Da gibt es noch eine andere Rollenvorgabe: der Mann als Ernährer, Beschützer, Bestimmer. Viel ist von den patriarchalen Strukturen türkischstämmiger Familien die Rede. Wir sehen ein Mädchen im Kopftuch und ihren tyrannischen Vater, hören von ihrer Rebellion und davon, wie gering der Anlass manchmal sein muss, aus dem Gewalt gegen Mädchen verübt wird, wie wenig es braucht, die „Familienehre“ zu verletzen.

Bild: Björn Klein

Bild: Björn Klein

Darum, was diese Ehre ausmacht, soll es hier gehen. In türkischen Familien dreht sich alles um die „Reinheit“ der Frau, in russischen um die Trinkfestigkeit. Und in den (bio)deutschen? Der junge Christian Held ist der „Quotendeutsche“ an diesem Abend und wundert sich schon über die Frage. Ehre? Was hat das mit ihm zu tun? Ist das nicht eine vollkommen veraltete Idee? Also weiter zwischen abblätternder Tapete, orientalischem Wandteppich und röhrendem Hirsch. Ein Quiz wird veranstaltet, Bibel- und Koranzitate sollen erraten werden und – Überraschung: Die harschesten Worte stammen natürlich aus der Bibel. Nette musikalische Zwischenspiele strukturieren den Abend zur Nummernrevue und machen irgendwann vor allem eines klar: So richtig kommt das hier nicht von der Stellen. Der Patriarchalismus traditioneller türkischer Familienstrukturen ist nichts neues, dabei sollte es eigentlich um die Frage gehen, was das mit Jugendlichen macht, die zwischen zwei Welten aufwachsen und wie sich die Mehrheitsgesellschaft dazu verhält. Das geschieht, aber eben nur in Ansätzen: Da werden in einer schönen Szene die unterschiedlichen Einstellungen zur Beschneidung vorgeführt, was darin resultiert, dass sich die „Deutschen“, in ihrem Rettungsethos enttäuscht – der zu Beschneidende ist nämlich von dem Ritus begeistert – mit der üblichen „Die-sind-halt-anders“-Rhetorik abwenden.

Die bikulturell aufwachsenden männlichen Jugendlichen sind gefangen in dieser Zwischenwelt, man zerrt an ihnen von beiden Seiten, was auch in einer spannenden Figurenspaltung resultiert, wenn es darum geht, Haltung zu zeigen gegenüber der „Familienehre“ und der Lieb zur Schwester. Eine Bruderhälfte steht zum Vater, die andere zur Schwester. Ein eindringliches Bild. Dass aber zu sehr allein steht an einem Abend, der ganz tief in die Themenkiste greift. Da geht es um Homosexualität und Altersdiskrimination, werden überkommene Geschlechterbeziehungen und Erziehungsmethoden den heutigen gegenübergestellt, löst sich der Abend zunehmend auf in zuweilen starken Miniaturen, etwa wenn zwei Frauen unterschiedlicher Generationen über ihre weibliche Identität sprechen, während sie zunehmend aggressiv von Männern herumgeschubst werden. Aus der schlichten Gegenüberstellung traditionelle türkische Familie schlecht, westliche Gleichberechtigung gut kommt das nicht heraus.

Das ist natürlich alles richtig, aber eben auch ein wenig platt. Viel zu lange werden patriarchale Macht- und Gewaltrituale abgespult, viel zu sehr verbleibt das an der Oberfläche. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft ist nur scheinbar tolerant? Patriarchale Gewalt ist schlecht? Christlicher Fundalismus ist auch nicht gut? Die moderne Arbeitswelt ist brutal zu Älteren? Danke, wissen wir alles. Ehrlos eilt von Thema zu Thema, arbeitet seine Checkliste ab und hat dabei einen erstaunlich eindimensionalen Blick. Von dem Zusammenprall zweier – oder besser: vieler – Welten bleibt da wenig übrig, von der Lebenswirklichkeit junger Menschen, die nirgendwo ganz dazugehören, auch und gerade weil die westliche Mehrheitsgesellschaft sie nie ganz als die ihren akzeptiert, ebenso. Dafür ist er Abend auch zu leicht – inhaltlich wie formal. Eine nette, unterhaltsame Aneinanderreihung halbentwickelter Szenen, die bestenfalls an der Oberfläche kratzen und Tiefe suggerieren, indem sie plakativ Probleme ausstellen. Ist es ein Abend, der Verständnis fördert, der hinterfragt, zum Nachdenken auch über eigene Positionen einlädt? Leider nicht und was schlimmer ist: Er tut eher das Gegenteil.

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