Die Fragenstellerin

Martha Argerich feiert ihren 75. Geburtstag mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

In der Pause gibt es Geburtstagskuchen, die Besucher dürfen Karten schreiben und kaum hat die Staatskapelle die Bühne der Berliner Philharmonie betreten, erklingt ein „Happy Birthday“, in das nicht nur das Publikum freudig einstimmt, auch die Jubilarin selbst steuert ein paar Verzierungen bei. Martha Argerich, die Spielfreudige, Junggebliebene, die Meisterin des Ausdrucks, die Melodiezauberin und Klanganalytkerin, die bescheidene Virtuosin, wird 75. Ihr lebenslanger Freund Daniel Barenboim schenkt ihr ein Geburtstagskonzert und sie tut, was sie am liebsten macht: Sie spielt. Zunächst das zweite Klavier in Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate für zwei Klaviere D-Dur KV 448. Barenboim übernimmt das erste und natürlich überzeugt die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich mal die Bälle zuspielen, mal ein fast orchestrales Unisono abliefern, dann einen Farbeinreichtum aufs Parkett zaubern, wie ihn sich Mozart nicht schöner hätte vorstellen können. Dabei sind die Unterschiede deutlich: Barenboims Spiel ist fester, sachlicher, knapper, klar bis zur Überdeutlichkeit. Argerichs dagegen fließt, sie sucht die Zwischenwerte, in Ausdruck, Metrik, Dynamik, ihr Spiel ist subtiler, variabler, gedämpfter. Spielen sie gemeinsam ergänzen sie sich ideal, bei den Themen, die zunächst er, dann sie spielt, überzeugt ihre Version zumeist mehr. Barenboim wird es ohne Zweifel verschmerzen, das ist schließlich ihr Tag und ihre Bühne.

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

Ihre Variabilität, ihr Ausdrucksreichtum verblüfft noch immer. Da ist keine Kraftmeierei, auch den virtuosesten Passagen wohnt eine Leichtigkeit inne, die nie auf Kosten der Ernsthaftigkeit geht. Das Leichte und das Schwere – bei Martha Argerich gehören sie stets zusammen. Vor allem die langsamen Sätze beeindrucken an diesem Abend. Schon beim Mozart ist ihr Spiel suchend, tastend, erkundet sie jede Note, lauscht ihr hinterher, bringt ihr Spiel zum Schweben. Das setzt sich im Adagio von Ludwig van Beethovens Klavierkonzert B-Dur op. 19, gemeinhin als sein zweites bekannt, fort. Hier ist ihr Spiel ungeheuer lyrisch, sinnend, zuweilen sich fast in den musikalischen Gedanken verlierend und dabei stets vollkommen gesanglich. Das gilt auch für das Largo in Beethovens Klavierkonzert C-Dur op.15, offiziell, wenn auch nicht chronologisch, sein erstes. Da horcht sie jeder Note hinterher, tastet sich vorsichtig voran, lyrisch, glockenhell, nachdenklich. Fast zerfällt die melodische Struktur unter ihrem analytischen Blick, bringt sie ihr Spiel bis an den Rand der Dekonstruktion. Das Orchester folgt ihr mit behutsamem Spiel, schlankem und lichtem Klang, vorsichtig auftretend auf dem Weg durch den fragilen musikalischen Kosmos.

So sehr die langsamen Sätze das Herz dieses Konzertnachmittags bilden, so wenig sind die schnellen reine Füllmasse. Zwingend schon der spannungsreiche Dialog der beiden Solist*innen im Finalsatz der Mozartsonate, ungeheuer schwungvoll dann der Kopfsatz des B-DurKonzerts, dem Argerichs melodisches Spiel eine faszinierende Leichtigkeit verleiht. Kontrastiert wir sie durch die Kadenz, die Argerich durchaus sperrig nimmt, streckenweise dramatisch auflädt, auch wenn sie das Singen nie ganz unterlässt. Hier wie anderswo sucht die Jubilarin die Bruchstellen dieser Musik, knipst den Fragemodus an, lässt den Zweifel ein. Und doch unterbricht sie nie den musikalischen Fluss, baut die Brüche vielmehr ein in ein Werden und Vergehen, das immer auch ecken und Kanten kennt. Extrem zügig, stark rhythmisch geprägt und doch ungeheuer musikalisch gestaltet sie das Finale, das Orchester folgt ihr auf leichten Sohlen.

Wunderbar zart gelingt den Streichern der Beginn des C-Dur-Konzerts, ebenso die gleich darauf folgende kraftvolle Verdichtung. Das Spiel der Kontraste zelebriert Barenboim am Anfang wie am Ende des Werks: Da lässt er auf eine berückend zarte, unsicher tastende, sich dem Vergehen annähernde letzte Solopassage Argerichs eine explosionsartige orchestrale Kraftentladung folgen, die ebenso kurz wie heftig ist. Viel Zug ist in den Ecksätzen, das Orchester gibt einen energischen Takt vor, an dem sich das Spiel Martha Argerichs vielfarbig und ausdrucksstark entlangrankt. Mal ist sie die treibende Kraft, mal umspielt sie orchestralen Strom. Da ist ein Miteinander, ein blindes Verständnis, wie man es auch bei diesem Werk nicht jeden Tag erlebt. Spielwütig und von Energie berstend dann das Rondo-Finale, dem die Staatskapelle einen offenen, lichten Klang verleiht, bei dem die Holzbläser eine Schlüsselrolle spielen. Der Satz eilt fröhlich seinem Ende entgegen, als Argerich spürbar auf die Bremse tritt. Die freudige Energie zerfällt regelrecht unter dem fragenden Blick der Solistin. Stark der Kontrast zwischen der lebendigen Kraft des konzentrierten Orchesterklangs und dem vorsichtigen Tasten der solistischen Suchbewegung, dem fragend brüchigen Gesang des Soloinstruments, dessen Zartheit der affirmativen Gewissheit des Orchesters entgegensteht. Es ist ein Konflikt der nicht gelöst wird. Wer aufhört Fragen zu stellen, sagt man, höre auf zu leben. Diese Gefahr, so zeigt dieses Konzert auf eindrucksvolle Weise, besteht bei Martha Argerich noch lange nicht.

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