Wir sind Ich

Theatertreffen der Jugend 2016 – One day i went to *idl, akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße, Berlin*

Von Sascha Krieger

Kurze Vorbemerkung: Die Gruppe von One day i went to *idl war bei der Eröffnung des Theatertreffens der Jugend von einem rassistischen Zwischenfall betroffen. Sie hat sich nach langen Diskussionen entschlossen, weiter am Festival teilzunehmen. Die Vorstellung ihres Stücks fand daher wie geplant statt. Die Rezension bezieht sich auf die Videoaufzeichnung einer früheren Vorstellung.

Gerade hat ein ehemaliger Oranienplatz-Flüchtling von seinem Protest berichtet und uns seine Anklage entgegengeschleudert, die im schlichten Appel gipfelt: „Wir wollen leben! Wir wollen frei sein!“, da fährt ihm ein anderer in die Parade. „Ich habe andere Probleme“, ruft er und macht sich daran, die Bühne zu verlassen. Es ist einer dieser Momente, an dem uns die Schubladen um die Ohren fliegen, in die wir Menschen so gerne stecken. Äußerlich scheinen sie viel gemeinsam zu haben, die beiden jungen Männer mit afrikanischen Wurzeln. Doch schaut man genauer hin, könnten die Leben, die sich zu führen versuchen, kaum unterschiedlicher sein. Der eine ist dauerhaft auf der Flucht, wird ab- und ausgewiesen und kommt wieder, weil er nicht anders kann. Der andere, hier aufgewachsen, fühlt sich zugehörig. Aber er ist es eben nicht: Auf den deutschen Pass wartet er nach wie vor und in unseren Augen, denen der Mehrheitsgesellschaft, ist er vom Flüchtenden nicht zu unterscheiden. Und wer von uns schaut – oder hört – schon genauer hin?

Bild: Ute Langkafel / MAIFOTO

Bild: Ute Langkafel / MAIFOTO

An diesem Abend haben wir kaum eine andere Wahl. 13 junge Menschen mit unterschiedlichsten arten von Migrations- und Fluchthintergründen treffen sich auf der Bühne und machen ihr Leben hörbar. Dir Klammer bildet „One day i went to *idl“, ein Rap-Song und YouTube-Phänomen, in dem ein in England lebender Geflüchteter trotzig und humorvoll von seinem Leben als „Illegaler“ erzählt. Am Anfang wird aus dem Song rezitiert, am Ende füllt die mitreißend-wütende Musik die Bühne. Dazwischen hören wir den 13 zu, wie sie erzählen, mal in berichtender Prosa, dann wieder als Rap, wie hören Gedichte und Spoken Word Performances. Es sind Fluchtgeschichten und solche von Krieg und Verfolgung, aber auch Alltägliches und immer wieder die Frage nach der Identität.

Dir sich auch über die Sprache definiert. Man spricht deutsch, französisch, englisch, ein baylonisches Wirrwarr, das jegliche Einordnung in Schubladen schnell konterkariert. Irgendwann wird versucht, die Darsteller*innen nach Sprache zu sortieren. Das geht natürlich schief. Unser Blick, der zunächst Gleiches sieht, wird herausgefordert, gezwungen, Unterschiede wahrzunehmen, Individuen zu sehen, die eben nicht Typen repräsentieren – den Bürgerkriegs- oder Armutsflüchtling, den Afro-Deutschen.Die Musik dient als Ausdrucksmittel und als Weg der Befreiung. Irgendwann lösen sich die verkrampften Körper und beginnen zu tanzen – gemeinsam, jeder für sich, im gleichen Rhythmus und doch ganz individuell. Die drei Videoschirme hinter ihnen zeigen immer wieder grelle Montagen, Spielandeutungen illustrieren die Geschichten, hier ist nichts schwarz oder weiß, aber alles bunt.

Natürlich spielt der Abend mit Klischees: Hip Hop gilt nicht nur in diesem Land als die Musik der (post)migrantischen Jugend, Afrikaner haben Rhythmusgefühl und LOebensfreunde auch unter widrigsten Umständen, man kennt das. Was soll’s, scheinen die Performer*innen zu sagen. In One day i went to*idl haben Stereotype keine Chance, bleibt der Zeigefinger unten. Hier wird nicht propagiert, hier wird gelebt. Die 13 jungen Frauen und Männer lassen uns ganz kurz an ihrer Wirklichkeit teil haben, ohne Pathos, aber auch ohne Angst vor Klischees. Das ist zuweilen fast ein bisschen zu harmlos, hat seine wiederholungsbedingten Längen und ist mitunter nicht übertrieben komplex. Aber es atmet, es lebt, mit all den Widersprüchen und Unschärfen, die das mit sich bringt. Der Abend ist im besten Sinne alltäglich und unspektakulär. Seht her, sagt er, so ist das. Unser Leben. Tragisch, schmerzvoll, witzig, banal, langweilig. Wir sind keine Migranten, Flüchtlinge, Schwarze, weiße, Kroaten, Iraner, Afro-Deutsche. Wir sind Ich. Egal in welcher Sprache.

*Rezension auf Basis einer Videoaufzeichnung

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Ein Gedanke zu „Wir sind Ich

  1. […] vor. Die Spieler*innen einer eingeladenen Gruppe nahmen sich in diesem Rahmen die Produktion One day i went to *idl der Akademie der Autodidakten des Ballhaus Naunynstraße, Berlin vor. Dabei spielten sie reichlich […]

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