Ein Eklat und viele Fragen

Eröffnung des Theatertreffens der Jugend 2016 – Nach Gesine Danckwart: Wunderland, Theaterjugendclub „Sorry, eh!“ am Schauspiel Leipzig

(Update: 4.6., 21:50 – Weitere Reaktionen zum Vorfall während der Eröffnung wurden hinzugefügt.)

Von Sascha Krieger

Nein, jugendlich ist das Theatertreffen der Jugend eigentlich schon längst nicht mehr. Zum 37. Mal findet es statt, die Teilnehmer des ersten sind bereits auf dem besten Weg gen Rentenalter. Doch eines hat sich nicht geändert: Wenn junge Menschen Theater machen, geht es immer auch darum, seinen „Platz in der Gesellschaft zu finden“, wie Christina Schulz, Leiterin der Bundeswettbewerbe bei den Berliner Festspielen zur Eröffnung sagt. Das ist in einer Zeit, in der so manches umbricht  in unserer Gesellschaft, in der Gewissheiten hinterfragt und Identitäten neu bewertet werden, in dem sie sich auch entscheiden muss, wie sie sich der Welt gegenüber positioniert, ein verdammt weites Feld, wie es ein fiktionaler preußischer Adliger des vorletzten Jahrhunderts ausdrücken würde. In Zeiten von Flüchtlingszustrom und einer Renaissance von Rassismus und rechter Ideologie, von Willkommenskultur und Pegida ist der Platz, den es in der Welt zu finden gilt, unsicherer denn je, kommt der eigenen Positionierung eine noch größere Bedeutung zu, wird sie aber auch immer schwieriger.

Bild: Vincent Schulze

Bild: Vincent Schulze

Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass das Theatertreffen der Jugend, bei dem es um Austausch, Zusammenfinden, um das Miteinander des oft sehr Verschiedenen geht, gerade in diesem Jahr mit einem Eklat beginnt. Traditionell stellt jede eingeladenen Gruppen bei der Eröffnung in einem theatralen Trailer die Arbeit einer der anderen vor. Die Spieler*innen einer eingeladenen Gruppe nahmen sich in diesem Rahmen die Produktion One day i went to *idl der Akademie der Autodidakten des Ballhaus Naunynstraße, Berlin vor. Dabei spielten sie reichlich naiv und wenig reflektiert mit rassistischen Klischees, was zu offenem Protest der migrantisch geprägten Berliner Gruppe führte. Davon dass dies nicht intendiert war, ist auszugehen. Der Vorfall zeigt aber auch, wie wenig sich die Mehrheitsgesellschaft bewusst ist, wie tief rassistische Klischees und Vorurteile in das denken auch Wohlmeinender eingedrungen sind, wie fest verankert struktureller Rassismus auch in diesem Land ist. Damit muss man umgehen und es ist dem Festival zu gönnen, dass dies in geeigneter weise geschehen wird.

Ob es allerdings sehr hilfreich ist, wenn die Festspiele die Jugendlichen öffentlich vorverurteilen und an den Pranger stellen, ist zumindest fraglich. Da ist von einem „rassistischen Übergriff“, gar von einem „rassistischen Angriff“ die Rede und wird ausgeführt: „Mitglieder eines der eingeladenen Ensembles wurden in einem Beitrag während der Eröffnung des Treffens rassistisch beleidigt und in ihrer Würde gekränkt.“ Auch Ballhaus-Intendant Wagner Carvalho hält sich auf Facebook nicht zurück: Er spricht von „Rassismus in seiner reinsten Form“ und davon , dass das Ensemble „grausam rassistisch beleidigt worden“ sei. Abgesehen, dass das gegenüber Jugendlichen, denen eine Intention kaum zu unterstellen sein dürfte, sehr schwere verbale Geschütze sind, scheint ein echter Dialog, der zum Hinterfragen eigener Positionen führt, nach solchen Aussagen kaum möglich. Dass dieser absolut nötig wäre, wird keiner, der im Haus der Berliner Festspiele dabei war, bestreiten.

Dass an diesem Eröffnungsabend auch Theater gespielt wurde, trat da fast in den Hintergrund. Zu Unrecht: Wunderland, die auf einem postdramatischen text Gesine Danckwarts basierende Inszenierung des Jugendclubs des Schauspiels Leipzig, ist junges Theater at its very best. In Wunderland geht es um die verwirrende Überforderung , der sich junge Menschen im Labyrinth postmoderner Städte gegenübersehen. Da geht es um das Finden eigener Identität, den Umgang mit dem ständig mit medialen Vorlagen zu vergleichenden Körper, um Geschlechterrollen und die beziehung zu sogenannten anderen Geschlecht, um die prekäre Arbeitswirklichkeit junger Menschen, um Sehnsüchte und Enttäuschungen, um die Einsamkeit inmitten einer anonymen Masse, die Leben vorgaukelt und doch so selten einlöst. Ein Überforderung in sich tragendes Wirrwarr an Erwartungen, Forderungen, Rollenvorgaben, ein Dickicht, in dem sich der einzelne kaum zurechtfinden kann. Vom Finden des eigenen Platzes ganz zu schweigen.

Die Leipziger*innen denken gar nicht daran, Licht ins Dunkel bringen zu wollen. Sie bebildern und bespielen des Überforderungskosmos stimmen- und farbenreich in Form einer extrem körperlichen und äußerst musikalischen Collage aus Rhythmus, Bildern und Sprache. Sie agieren auf einem erhöhten Bühnenquadrat, das den Absturz stets mitdenkt. LED-Anzeigen im Hintergrund prügeln dem Ensemble verzerrt die medialen Bilderwelten ein, denen sie zu entsprechen haben. Das chorische Sprechen und Agieren, so oft im jungen Theater als Stilmittel eingesetzt, wird hier zum Grundmotiv. Die Gesellschaft, die uns sagt, wie wir zu sein haben, kollektiviert das Individuum, das hineinpassen will und sich anpassen soll, doch von dem man zugleich erwartet, es möge individuell und einzigartig sein. Individualismus als Massenphänomen: Die Darsteller*innen finden ungemein starke Bilder des Zusammenkommens und Auseinanderdriftens, der Vereinzelung, die in ihrem medialen Konsensstreben dann doch oft genug zur Individualität als Markenstrategie führt. Genüsslich werden Klischees von männlichem Machoverhalten und weiblicher Koketterie vorgestellt und als leere Hüllen gesellschaftlicher Rollenkorsetts entlarvt, führen grotesk verstellte Stimmen und roboterhafte Bewegungen die Absurdität als substanziell verkleideter gesellschaftlicher Werbe- und Glücksversprechen vor.

Das ist ungemein temporeich, ungeheuer komplex – und den Zuschauer bewusst verwirrend – und oft hochkomisch. Und dann wieder ungeheuer berührend. Etwa gegen Ende. Da spricht eine Spielerin leise über eigene Sehnsüchte und Wünsche. Langsam beginnen die anderen, vorsichtig und unsicher, ihren Bewegungen zu folgen, ein fragiles Ballett irgendwo zwischen dem Drang zur Anpassung und der Solidarität mit dem Streben nach echter individueller Identität. Es ist dieses Dazwischen, diese ständige Ambivalenz, mit der sich dieser Abend herumschlägt und in dem er die Lebenswirklichkeit postmoderner Jugend in einer zeit, in der gleichzeitig alles und nichts  möglich erscheinen, verortet. Die jungen Spieler*innen zwischen 16 und 23 machen diese Zwischenwelt sicht-, hör, spür- und erfahrbar. Es ist eine Welt, in der alles flirrt, nichts stabil erschein, tausend Farben funkeln und sich nie recht greifen lassen. Der Abend verheddert sich in tausend Fragen und weiß nicht, wo Antworten zu finden wären. Das heißt nicht, dass er die Suche aufgäbe, denn manchmal ist die Lösung schon, überhaupt Fragen zu stellen. Das tut der Abend eindringlich und eindrucksvoll. Und gibt – ungewollt – sein Statement zu dem, was davor passierte. es erscheint dem Rezensenten passender als die Worte der Festspielleitung.

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Ein Gedanke zu „Ein Eklat und viele Fragen

  1. […] Vorbemerkung: Die Gruppe von One day i went to *idl war bei der Eröffnung des Theatertreffens der Jugend von einem rassistischen Zwischenfall betroffen. Sie hat sich nach langen Diskussionen entschlossen, […]

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