Das Huhn des Absurden

Forced Entertainment: Real Magic, PACT Zollverein, Essen / Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Leitung: Tim Etchells) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Ein Mikrofon, drei Darsteller*innen. Eine(r), der Moderator, steht am Mikro, eine(r) sitzt links auf einem Stuhl, die Augen verbunden, und muss erraten, woran der oder die dritte, rechts stehend, denkt, das Wort auf einem Pappschild gen Publikum haltend. Das ist die Grundkonstellation von Real Magic, dem neuen Abend des britischen Kollektivs Forced Entertainment. Abgesehen von drei kurzen „Tanz“-Einlagen passiert etwa eineinhalb Stunden lang nichts anderen. Drei Versuche hat jeder, dann werden die Rollen gewechselt. Doch egal in welcher Konstellation, die drei geratenen Wörter sind immer die gleichen: zuerst „electricity“, dann „hole“, am Ende „money“. Und sie sind immer falsch, denn zu erraten sind im Wecsel: „caravan“, „algebra“ und „sausage“. Unzählige Male geht das so, der Ausgang ist immer der gleiche: drei falsche Antworten, Kandidat oder Kandidation ist raus, weiter geht’s. Schauplatz ist ein schmaler grüner Teppich, um ihn herum sechs vertikale Leuchtstoffröhren in einem angedeuteten Halbkreis. Das Skelett eines Fernsehstudios oder eines Zirkuszelts. Die einstige Illusionswelt ist noch zu erahnen, aber hat ihre Funktion längst verloren. Eine Showbiz-Variante von Becketts kahlem Baum.

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Eingeladen zum Theatertreffen 2017: Real Magic (Bild: Hugo Glendinning)

Die Assoziation kommt nicht von ungefähr: Wie bei Beckett sind die Figuten hier gefangen in einer Welt, aus der sie offenbar nicht entkommen können. Ja, sogar die Existenz einer Außenwelt ist mehr als fraglich. Und so sind sie – wie die Einwohner des Beckettschen Universums – zurückgeworfen auf die Wiederholung des Immergleichen, existiert die Möglichkeit einer Weiterentwicklung nicht mehr. Nur dass ihr Raum in der Leere des Kosmos oder ihr kahles Fleckchen im Nirgendwo eben eine Bühne ist, eine, deren Zuschauer nurmehr aus der Konserve kommen. Applaus und Gelächter wird eingespielt, streckenweise in enervierend großer Häufigkeit, gern auch in unpassenden Momenten. Die Absurdität der menschlichen Existenz, wie Beckett sie dachte: Tim Etchells und Forced Entertainment transportieren sie direkt in die Gegenwart sinnfreier Unterhaltung, medialer Dauerberieselung und einer Gesellschaft, die einschaltet um abzuschalten. Konsequent und dauerhaft.

Doch der menschlicher Überlebenswille ist nicht kleinzukriegen. Und so beginnen sich Variationen einzuschleichen in die unerbittliche Reihe des Immergleichen. Mal wird das Spiel lustlos heruntergerattert, dann wieder emotional zelebriert, das Tempo zieht an und bremst wieder ab bis fast zum Stillstand, der Moderator ist mal smarter Gameshow-Master, mal lauter Variuieté-Anpreiser, mal gelangweilter Roboter. Ähnlich sieht es mit den Kanditat*innen aus, die sich mal mit vollem Einsatz hineinwerfen, nur um gleich wieder apathisch dazusetzen. Die drei wollen, dass sich etwas ändert, aber sie haben nur das enge Korsett der Spielhandlung. Also werden sie subversiv, ziehen das Geschehen im Hühnerkostüm ist Lächerliche, legen die Leere des Geschehens in Unterwäsche dar, ziehen die einzelnen Rundenbis zur Unerträglichkeit in die Länge, etwa mit unendlich erscheinenden Assoziationskaskaden zu den geratenen Wörtern. Auch offener Widerstand wird versucht, indem den Kandidaten die Lösung eingeflüstert oder ihnen das Schild ins Gesicht gehalten wird. Doch das hilft alles nicht. Am Ende liegen Richard Lowdon, Claire Marshall und Jerry Killick doch immer falsch. Aus der Absurdität der bloßen Existenz gibt es kein Entrinnen.

Gegen Ende zieht Verzweiflung ein, nimmt die Enttäuschung über jede falsche Antwort beinahe tragische Züge an, legt sich eine lähmende Resignation über die Szenerie. Der Hühnertanz, der zunächst zu überdrehter Zirkusmusik als willkommene Ablenkung eingestreut wurde, wird am Ende zum schmerzlichen Geistertanz zu kargen Geigenklängen. Die im Hamsterrad der Spaßgesellschaft Gefangenen werden zu Opfern ihrer eigenen Realitätsverweigerung. Am Schluss stecken sie so tief in ihrer Parallelwelt, dass sie nicht mehr herauskommen. Eine Welt, in die sie natürlich gelockt wurden, in die sie sich aber eben auch locken ließen. Natürlich steckt hier ein gerüttelt Maß an Gesellschaft- und Medienkritik, ist die bizarre Gedankenlese-Show Metapher für eine Gesellschaft, die sich längst nur noch um sich selbst dreht, in immer enger werdenden Kreisen narzisstisch weltverneinender Selbstbespiegelung, die sich in sich einschließt und die Scotten dicht macht. Diese Sicht kann man teilen oder auch nicht. Was bleibt, ist ein Abend, der so intensiv ist wie radikal, eine höchstmögliche Konzentration der Absurdität (post)moderner Existenz. Aber eben auch eine subversiv komische Feier menschlichen Behauptungswillens Am Ende sind Vladimir und Estragon eben auch hier die (letzten?) Überlebenden. Und hatten Spaß dabei.

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2 Gedanken zu „Das Huhn des Absurden

  1. […] ermüdet. Wie schon in Real Magic gezeigt, läuft sich jede Mechanik irgendwann tot, wenn sie nicht von der Stelle kommt, ihr Ziel, […]

  2. […] Forced Entertainment: Real Magic / PACT Zollverein, Essen / HAU Hebbel am Ufer, Berlin, Regie: Fo… […]

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