Analytische Schönheit

Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra mit Daniil Trifonov zu Gast in Berlin

Von Sascha Krieger

Zuletzt war sein Name immer wieder gehandelt worden, wenn eine wichtige Chefdirigentenvakanz zu besetzen war: Manfred Honeck, gebürtiger Vorarlberger und ehemaliger Bratschist der Wiener Philharmoniker, hat ihn geschafft, den Eintritt in die erste Liga der Dirigenten weltweit. Dabei ist das prominenteste Orchester, dem er bislang vorstand, das Pittsburgh Symphony Orchestra, das, wenn von den besten Orchestern der USA die Rede ist, meist erst nach den traditionsreichen „Big Five“ und den großen Westküstenorchestern aus Los Angeles und San Francisco genannt wird. Dabei waren unter Honecks Vorgängern hier Kaliber vom Schlage eines Lorin Maazel und eines Mariss Jansons. Ein musikalisches Leichtgewichts ist die selbst im eigenen Bundesstaat immer ein wenig im Schatten des noch renommierteren Philadelphia Orchestra stehende Institution nicht. Das zeigt sich auch in seinem erneut eindrucksvollen Berliner Gastspiel, das mit Ludwig van Beethovens Coriolan-Ouvertüre beginnt. Übrigens mit einem Berliner Gast, der ein alter Bekannter ist: Noah-Bendix-Balgley war bis 2014 Konzertmeister der Pittsburgher, bevor er zu den Berliner Philharmonikern wechselten. Jetzt sitzt er noch einmal am ersten Pult seines alten Orchesters.

Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra (Bild: Michael Sahaida)

Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra (Bild: Michael Sahaida)

Vom ersten Ton an herrscht Spannung. Honeck verknappt die Noten, verschlankt den Klang, setzt scharfe Kanten – alles ist hier Verdichtung, Konzentration. Schnell etabliert er die zwei Welten des Stücks: hier die explosive Härte von Verrat, Gewalt und Tod, dort die samtig weichen, unendlich klaren und von fast Karajanschem Schönklang erfüllten weiten Streicherbögen der Hoffnung, hier die extreme Verdichtung, dort der Weite fließenden Gesangs. Analytisch schärfer, klarer im Detail und zugleich mit einem klaren Blick für die Schönheit des Orchesterklangs lässt sich das Stück kaum spielen. Dass die Berliner Philharmonie – bei Gastkonzerten alles andere als üblich – restlos ausverkauft ist, liegt aber weniger an Dirigent und Orchester als an Daniil Trifonov. Unter den Fans des 25-jährigen Russen befinden sich Klavier-Legenden wie Martha Argerich und Alfred Brendel, vielen Experten gilt er als das größte pianistische Talent seit Jahrzehnten.

Mit dem zweiten Klavierkonzert Sergej Rachmaninows hat er sich ein echtes Virtuosenstück mitgebracht, aber eines, das in seiner Komplexität und Brüchigkeit nicht nur Glanz verlangt. Trifonovs Ausdrucksspektrum erweist sich tatsächlich als außergewöhnlich, sein Anschlag ist mal hart und aggressiv, im nächsten Moment perlen die Arpeggien glockenhell, dann wieder singt sein Instrument versonnen, zuweilen fast verloren in zartester Lyrik. Mühelos wechselt er den ausdruck von einer Note zur nächsten. Sein Ton ist zutiefst romantisch und trieft doch nicht vor Pathos. Wenn es eine Schwäche gibt, dann die, dass er, wie mancher Virtuose, ein bisschen dazu neigt, überzubetonen. In Berlin zeigt sich das, darin, dass er zuweilen die einzelnen Noten wie Monolithen nebeneinander stellt und dabei den Zusammenhang vergisst. Auf der anderen Seite ist er durchaus bereit, im Orchester unterzugehen, wie es zuweilen im Kopfsatz geschieht. Außergewöhnlich sein traumverlorener Zwischenwelt-Ton gegen Satzende. Da entschwindet die Musik fast in einer Traumwelt, in die wir ihr gern folgen wollen. Gleich darauf macht er gehörig Druck, eilt er voran, neuen Ufern entgegen.

Riesig sein Spektrum im zweiten Satz: von zartesten Perlen bis zu greller Schärfe und dunklem Wühlen. Virtuos und seiner Fähigkeiten bewusst ist sein Spiel, eitel nicht. In der Kadenz entschleunigt er extrem, setzt Brüche in der vermeintlich heilen spätromantischen Klangwelt. Im Schlusssatz jagt er nochmals durch alle Ausdrucksmodi, bis an den Rand der Beliebigkeit, die er jedoch stets vermeidet. Farbenreich der Schluss, den er gemeinsam mit dem Orchester zu einem lebendigen, bewegten und durchaus ambivalenten Triumph führt. Überhaupt das Orchester: es ist ein kongenialer Partner Trifonovs, setzt gleich zu Beginn den Ton mit seinem dunklen, sehr russischen Streicherklang, der das ganze Werk durchzieht. Mit kampaktem, dichten Klang grundiert und akzentuiert Honeck Trifonovs Spiel, rückt aber auch immer wieder in die Rolle des Treibenden, Gestaltenden, der vor allem im Finale zum echten Dialogpartner wird. Da bremst das Orchester – wie zuvor Trifonov – wiederholt ab, geht in den Suchmodus, erschafft verrätselte Pianissimo, die sogleich wieder zu komprimierten Entladungen führen. Die Rachmaninowsche Klangwelt erweist sich als zerklüftet, sie steht an einer Schwelle, es zerreißt sie zuweilen fast. Unruhig ist das, die Einzelteile wollen nie recht zusammenkommen, es bleibt ein Rest. Das ist am Ende eine fast radikale Lesart des Werks, die Dirigent und Solist teilen. Den Beifallsstürmen, wie man sie so in Berlin selten hört, tut das keinen Abbruch.

Dann sind Orchester und Dirigent wieder allein und werfen sich in eines der populärsten Werke der Symphonik, Peter Tschaikowskys Symphonie Nr. 6, genannt „Pathétique“. Ihr treibt Manfred Honeck alles Pathetische aus. Der Orchesterklang ist klar, schlank und hochkonzentriert. Die dynamische Komplexität des Kopfsatzes arbeitet das Orchester fein heraus, ohne auf Schockeffekte zu setzen – der Wechsel von sechsfachem Pianissimo zu Fortissimo etwa ist eindringlich, aber nicht überwältigend. Das Orchesterspiel hat Zug, die Binnenspannung ist stets zu spüren, es ist ein Spiel aus Zurücknahme und Ausdünnung des Klangs und extremer, kraftvoller Verdichtung, aus Vergehen und Werden. Der Blick ist analytisch, das Spiel hochmusikalisch. Erneut verzaubern die Streicher, denen man anhört, dass hier einer am Pult steht, der einst Teil des berühmten Streicherklangs der Wiener Philharmoniker war. Das ist auch im der Gesanglichkeit verschriebenen zweiten Satz der Fall, in denen dichte Streicherbögen bald den Klangraum öffnen, die klaren Holzbläser Licht hereinlassen, die Musik zu atmen beginnt, ohne dass die analytische Strenge, die jedes thematische und dynamische Detail im Blick behält, je nachlässt. Im dritten Satz lässt Honeck ungewöhnlich viel Transparenz zu. Es wird dunkler und schärfer, die Stimmung aufgewühlt, die Blechbläser affirmativer. Der dominante Marschrhythmus hat viel Zug, aber auch echte ecken und Kanten. Der finale Jubel ist ein aggressiver, einer, der Gewalt in sich trägt.

Das finale Adagio ist dann auch kein gefühlig schluchzender Abschied, sondern eher ein knappes Auf Wiedersehen. Der Gesang ist klar, schlicht und illusionsfrei. Selbst die Streicher gewinnen jetzt an Ernst, werden wieder dunkler, schwelgen noch ein letztes Mal im Wissen um ihre Vergänglichkeit, während um sie herum alles ausdünnt, die klangliche Landschaft karger wird. Das Ende kommt zügig, kein langes Vergehen, eher ein nüchternes Verglühen. Der Kopf hat übernommen, das Herz folgt. Dem Tschaikowsky-Romantiker mag Honecks Lesart nicht recht schmecken, für den, der gern genau zuhört, bietet sie jedoch einiges. Klarheit und Wahrheit können eben auch hart sein und müssen die Schönheit purer Musik doch nicht beeinträchtigen. Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchester können beiden und sind damit sicher kein schlechtes Vorbild für „Wunderpianist“ Trifonov, der aufpassen muss, sich in seiner Virtuosität nicht zu verzetteln. Er sollte öfter in Pittsburgh vorbeischauen.

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Ein Gedanke zu „Analytische Schönheit

  1. Schlatz sagt:

    Ja, Trifonow hat echte Klasse.

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