Eine weite Spielwiese

Theatertreffen 2016 – Clemens Sienknecht und Barbara Bürk nach Theodor Fontane: Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk)

Von Sascha Krieger

Angenehm ist sie ja, diese warme, tiefe Stimme, die uns an die Hand nimmt und uns führt, hinein nach Großen-Cremmen, den Sitz der Familie von Briest, ins hinterpommersche Kessin, wo die Tochter des Hauses mit ihrem älteren Gatten lebt, und nach Berlin, zweites und letztes Heim des Paares, bevor es zur Katastrophe kommt, die am Ende zwei Menschen das Leben kosten wird. Man kennt die Geschichte der viel zu jung verheirateten Effi, der eine schon lange vergangene Liebe zum Verhängnis wird, vor allem aber natürlich die verknöcherten Moralkonventionen der wilhelminischen Zeit. Theodor Fontanes Effi Briest hat Schüler*innen-Generationen jahrzehntelang gequält und die Frage abverlangt: Was hat das alles mit uns zu tun. Bei den langjährigen Marthaler-Mitstreitern Barbara Bürk und Clemens Sienknecht ist die Antwort ebenso eindeutig wie unbefriedigend: erst einmal nicht viel. Und so muss die so angenehm klingende Stimme – es ist die Gert Westphals auf einer alten Aufnahme des Romans – einiges erleiden. Immer wieder wird die Nadel des Plattenspielers über die LP gejagt, Westphal von einem Satz in einen weit entfernten gezerrt, die Geschichte zu Soundbites reduziert, kurze Schnipsel, Remix-Material.

Bild: Matthias Horn

Bild: Matthias Horn

Wie passend, dass wir uns in einem Ton- bzw. Rundfunkstudio befinden. „Radio Briest“ sendet hier, ein Hitsender aus den – unverkennbaren – 1970er-Jahren. Pseudomoderner Plüsch, ein greller Stilmix, Hawaii-Hemden, Albtraum-Frisuren – alles da. Wir befinden uns in einer Folge der reihe „Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur“. Effis Geschichte wird in Häppchen gegeben, dialogisch eingesprochen oder illustrativ zu Westphals Regieanweisungen angespielt. Dazwischen wird immer wieder musiziert, Siebzigerjahre-Popware von Rock (Rolling Stones) über Soul (James Brown) und frühem Hip Hop (Sugarhill Gang) bis hin zu Country und Gospel. Ganz am Ende, Effi ist gerade verschieden, gibt es noch ein klassisches „Lux aeterna“ aus der traditionellen Totenmesse. Mitunter werden die 70er-Klamotten gegen wilhelminische Kostüme ausgetauscht, um die Authentizität hochzutreiben. alles für die Quote. Im Radio? Ach, egal, es ist, wie ein weiser Mann sagen würde, „ein weites Feld“.

Über das die sechs Darsteller*innen – unter ihnen Sienknecht selbt, der im hochgeschlossenen Kleid Mutter Luise von Briest gibt – lustvoll und mit augenzwinkerndem Zerstörungswillen jagen. Herrlich, wenn die Spieler*innen versuchen, den Szenenanweisungen der Westphal-Aufnahme zu folgen und dabei zunehmend irritiert reagieren. Oder wenn Effi (Ute Hannig in einer Frisur, die an die frühe Angela Merkel erinnert) sich den musizierenden Herren hinzugesellt und dafür ein aggressives „This is a man’s world“ entgegengeschleudert bekommt. Prägnanter lässt sich die Wand der Moralheuchelei, gegen die Effi läuft, nicht charakterisieren. Doch nein, Effis Briest wird hier nicht neu aufbereitet. Vielmehr wird der Stoff zur Spielwiese, macht man eine schöne, unterhaltsame Radioshow daraus. Alles ist bekanntlich Entertainment, warum nicht die sensationelle Fremdgeh-Story auch? Der fontanesche Ernst trifft auf das Liebespathos der Popmusik und gebiert schreiend komische Kinder. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, irgendjemanden lächerlich zu machen, auch wenn der eine oder andere Lacher auf Kosten einer Figur gehen mag.

Bürk und Sienknecht reißen Fontanes Roman einfach von seinem verrosteten Sockel herunter, lesen quer, picken sich Details heraus, die sie remixen, auß ihren Zusammenhängen reißen und sie in neue – oder gar keine – stellen. Das Ergebnis ist ein hochkomischer, ironischer, spielfreudiger Abend, der nichts anderes will, als Fontanes texte freizusetzen, in die freie Wildbahn oder die moderne (nun ja, nicht mehr ganz so moderne, wir sind hier schließlich in der Schrankwand-Welt des Marthaler-Universums) zu entlassen und ihnen dabei zuzusehen, wie sie sich darin verirren, ratlos herumrennen und orientierungslos irgendeine Richtung suchen. Um Relevanz geht es Bürk und Sienknecht nicht, vielmehr darum, den Blick freizugeben, Effi Briest dem Klassenzimmermuff zu entreißen. Und wenn der einzig mögliche Ort eine niveaufreie Radioshow ist, warum nicht. Das Radio ist für die „Digital Natives“ ja schon fast so vergangen wie der wilhelminische Salon. Und gleich präsent, denn das Internetzeitalter ist ja auch eines der Gleichzeitigkeit. Doch genug des Interpretierens. Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie ist wenig mehr und bestimmt nicht weniger als ein Heidenspaß, ein kurzweiliges Zwerchfelltraining, das Fontanes Buch entstaubt und herumwirft, ohne seine Essenz – den verzweifelnden Kampf eines Individuums ums eigene Leben – zu diskreditieren. Es ist nur vielleicht nicht immer ganz so ernst. Und selbst wenn, ein bisschen Spaß muss sein. Deutschlehrern – und Claus Peymann, wie man hört – wird das nicht gefallen, vielen anderen schon. Und vielleicht ist es nicht einmal eine schlechte Idee, Schulklassen ins „Radio Briest“ einzuladen.

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Ein Gedanke zu „Eine weite Spielwiese

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