Der Machtspieler

William Shakespeare: Hamlet, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Roger Vontobel)

Von Sascha Krieger

In wenigen Wochen endet die siebenjährige Intendanz von Wilfried Schulz am Staatsschauspiel Dresden. Schon jetzt liegen dicke Bildbände im Kassenbüro aus, die Schulz‘ Amtszeit Revue passieren lassen sollen. Abschied liegt in der Luft und die Frage, was bleibt. Ein politisches Haus, das sich im Herzen der Pegida-Bewegung klar positioniert hat. Ein partizipatives Theater, das mit der Bürgerbühne Pionierarbeit geleistet und vielerorts Vorbildwirkung verzeichnet hat. Natürlich einige Regisseure, die zumindest Zeitlang als Speerspitze eines entschleunigten, sich zeit lassenden Theaters halten. Tilmann Köhler ist da zu nennen, in erster Linie aber sicherlich Roger Vontobel, dessen Don es bis zum Theatertreffen schaffte. Zu den Inszenierungen, an die man sich erinnern wird, gehört ohne Zweifel sein Hamlet von 2012. Eine Inszenierung, die vielleicht nicht so stimmig war wie sein Carlos, aber um einiges radikaler. Für alle, die Vontobel Konservatismus vorwerfen, sollte dieser Abend Pflichtprogramm sein.

Bild: Matthias Horn

Bild: Matthias Horn

Dieser Hamlet, verkörpert von Christian Friedel, wohl die wichtigste Schauspielerpersönlichkeit der Ära Schulz, ist kein grübelnder Gewissensbeißer. Vontobel deutet ihn um zum reichlich egomanischen Machtmenschen, bei ihm ist Shakespeares Rache- und Gewissensdrama ein Duell um Macht und die „Stimme des Volkes“. Die Grundsituation ist so einfach wie genial: Claudia Rohner hat ein Theatersetting auf die Bühne gebaut, das die Innenarchitektur des Staatsschauspiels aufgreift. In Logen sitzen der König und seine Frau sowie Mitglieder des Hofstaats. Davor performt Hamlet als Lead-Sänger einer fünfköpfigen Band – die Woods of Birnam, bestehend aus Friedel und dem Großteil von Polarkreis 18, sind längst selbst erfolgreich und traten kürzlich beim ESC-Vorentscheid an – ein Benefiz-Konzert für seinen toten Vater. Dessen grimmiges Antlitz prangt auf Bannern links und recht von der Bühne, eine klare Kampfansage an den Nachfolger. Wie auch das Konzert selbst. Von Synthie-Pop und Indie-Rock ausgehend wird es zunehmend härter. Metal-Klänge zeigen die Konfrontation an, bevor die berühmte Theaterszene, in der Hamlet den Onkel und Bruder-Mörder entlarvt zur aggressiven Rockopern-Arie mit Sprechgesang wird.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Machtkampf längst entbrannt. Claudius, den Torsten Ranft als leicht zu unterschätzenden hemdsärmeligen Choleriker spielt, merkt schnell, dass Hamlet das Gedenken an den Vater instrumentalisiert, um die Position des Königs zu schwächen. Der Mordvorwurf ist da fast nebensächlich, kommt er doch erst sehr spät auf, wie eine letzte Trumpfkarte, die Hamlet genüsslich ausspielt. Wer Macht will, braucht das Volk auf seiner Seite. Und so spielt das Publikum keine unwesentliche Rolle in diesem Duell. Hamlet umgarnt es in einer Mischung aus Rockstar und Volkstribun, aber auch Claudius ist kein Amateur. Irgendwann entert er die Bühne, umarmt und feiert Hamlet, um ihm geschickt das Rampenlicht zu entreißen. Wenn er dann ein Loblied auf Dänemark anstimmt, singt das Publikum begeistert mit. Natürlich wird auch Shakespeare-Text gesprochen. Hamlets Monologe sind Teil der Inszenierung, den berühmten Worten nähert sich Friedel mit einer Mischung aus Distanz und bewusster Umarmung. Die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Rollenspiel verwischen, weil er die Grenzen bewusst verschiebt. Authentizität ist eine wichtige Währung im Buhlen um die Gunst der Massen. Die Szenen entfalten sich zumeist während der Songs, Vontobel streut sie geschickt ein, zeigt einen zunehmend unruhiger werdenden Hofstaats ob der stärker werdenden Konkurrenz vor ihnen. Der Staat gerät zunehmend aus den Fugen. Das ist der Punkt, an dem der Herrscher den Fehdehandschuh aufnimmt und sich als ebenbürtiger Gegner erweist. Auch wenn Hamlet zu triumphieren scheint: Das stoisch professionelle Gesicht, das Horatio per Video einfängt, zeigt, dass der König hier keineswegs klein bei gibt.

Wenn er das Popularitätsduell nicht gewinnen kann, vielleicht hilft ja die große politische Kunst des Aussitzens. Leider muss dies erst einmal das Publikum erproben, denn nach der Pause fällt der Abend merklich ab. Das liegt vor allem daran, dass Vontobel seiner theatralen Grundkonstruktion nicht zutraut, den ganzen Abend zu tragen. Also verschwinden Band und Konzertbühne und werden von einem roten Teppich ersetzt, auf dem nun der Albtraum von Shakespeare-Bearbeitungen an Stadttheater abläuft: Es wird ohne erkennbare Ironie deklamiert und mit einigem heiligen Ernst vom Blatt gespielt, dass die Scharte kraft. Wenn Schlegels Übersetzung zuvor durch ihre Mischung aus Vertrautheit und Künstlichkeit einer rein literarischen Sprache der Konzertsituation einen großartigen Resonanzboden bereitete, klingt sie nun schal und mechanisch. Das scheint auch Vontobel zu merken und so ändert er nochmals den Tonfall. Während er die Totengräberszene eindrucksvoll versemmelt, zieht er im anschließenden Begräbnis eine surreale Ebene ein – samt Zombie-Band, deren nun akustische Musik nach den abgründigen Varieté-Nummern klingt, die Tom Waits einst für Robert Wilson schrieb.

Das Theater ist verschwunden und auch der Sternenhimmel leert sich bald. Zurück bleibt Hamlet, der sich gerade die Schlussszenen imaginiert hat und nun erwartet, dass die Anderen in seinem Plan mitspielen. Doch die denken gar nicht daran und ignorieren ihn einfach. Wenn man, so das Kalkül, den Gegner nicht ausstechen kann, dann funktioniert es vielleicht mit Totschweigen. Doch Hamlet ist nicht gewillt, die Kontrolle aus der Hand zu geben, will nicht hinnehmen, dass sein Rivale sich entschlossen hat, sein Spiel nicht mehr mitzumachen. Nachdem seine zunehmend verzweifelten Beschwörungen „Sie kommen jetzt zum tödlichen Duell“ ungehört verhallen, muss er den Schluss des Stückes allein bestreiten. Friedel wirft sich mit Inbrunst in die lächerliche Farce einer Ein-Mann-Katastrophe, die nur lächerlich ist, weil ihr der Bedeutungsboden entzogen wurde. Der König hat neuer Spielregeln gesetzt. am Ende erscheint die Theaterbühne wieder, Claudius ist fest verankert als Mittelpunkt seiner Getreuen und spricht die Sätze des Fortinbras. Er hat das Machtspiel gewonnen, weil er verstanden hat, worauf es ankommt: Die Regeln selbst zu definieren, sodass man das Spiel zu spielen in der Lage ist, bei dem man die besten Chancen hat. Der Rest ist nicht Schweigen, er ist die Festigung des Status Quo. Am Ende vergisst man gern den Leerlauf nach der Pause und reibt sich verwundert die Augen, wie gegenwärtig Hamlet  sein kann. Und wie großartig dieser Christian Friedel ist: als Schauspieler, als Sänger, als Komponist und als Rampensau, die, und da schaudert der Zuschauer ein wenig, ohne weiteres das Zeug hätte zum populistischen Volkstribun. Gut nur, dass dies dem sensiblen Künstler vollkommen fremd ist.

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