Kosmische Klänge

Dresdner Musikfestspiele 2016 – Semyon Bychkov dirigiert das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam

Von Sascha Krieger

Wäre er nicht so bescheiden, müsste man Mariss Jansons in Amsterdam irgendwann ein Denkmal aufstellen. Am besten direkt vor das Concertgebouw, in dem er das dort ansässisge Orchester während der 12 Jahre als Chefdirigent zum in den Augen nicht weniger Experten besten der welt geformt hat. In Sachen Klangkultur und interpretatorischer Genauigkeit reichen bestenfalls noch die Berliner Philharmoniker an den „königlichen“ Klangkörper heran. Nun ist Jansons weg und so mancher in Amsterdam fürchtet, dass ich das Erreichte nicht halten lässt. Noch zumindest besteht keinerlei Grund zur Besorgnis, zieht man das Gastspiel im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele  um heran. Die unvergleichliche Mischung von geschliffenem Klang, höchster Klangdichte und größter Transparenz, so etwas wie die Quadratur des Kreises in der Welt orchestraler Musik, ist unüberhörbar nach wie vor präsent. Wenn man dann noch einen Dirigenten wie Semyon Bychkov am Pult hat, der wie kein zweiter in seinen Interpretationen Leidenschaft und Analyse zu paaren vermag, darf sich der Zuhörer auf Außergewöhnliches freuen. Das Publikum in der Semperoper zumindest wurde nicht enttäuscht.

Semyon Bychkov (Bild: Sheila Rock)

Semyon Bychkov (Bild: Sheila Rock)

Dabei wirkte das Programm auf den ersten Blick ein wenig sehr populär. „Russische Seele“ satt in Werken Tschaikowskis und Rachmaninows, da lässt es sich so richtig schwelgen. Nicht bei Bychkov und dem Concertgebouworkest. Das zeigt sich schon bei Tschaikowskis „Fantasie-Ouvertüre“ Romeo und Julia, die eigentlich eine symphonische Dichte im Lisztschen Sinne ist. Vom reduziert warmen, schlanken, fast existenzialistisch kargen Bläserchoral zu Beginn bis zu den unerbittlichen, durch extreme Verdichtung erreichten Kraftentladungen in den dem tödlichen Hass, den Menschen auf Menschen entwickeln können, gewidmeten Passagen durchmessen Dirigent und Orchester ein Ausdrucksspektrum, das kaum anders zu nennen ist als kosmisch. Jede Note zählt, jedes Instrument ebenso und doch tönt hier alles zusammen, vielfarbig und -stimmig und zugleich von nicht zu trennender klanglicher Einheit. Da sind nie: die klaren, glänzenden Streicher, die warmen, ins weite strebenden Holzbläser, die strahlend kraftvollen Blechbläser. Und doch sind da so viele Schattierungen und Ambivalenzen, scheint nichts sicher, der Frieden ebenso auf Sand gebaut wie der Hass. Jedes Detail ist auf feinste Weise und regelrecht plastisch herausgearbeitet, ohne das Klangbild als Gesamtheit in irgendeiner Form zu beeinträchtigen. Hier ist nichts übertrieben oder besonders dramatisiert, alles – die lyrische Innigkeit in unendlich zarten Gesangspassagen wie die erschütternden Kraftentladungen – kommen aus dem Inneren dieser Musik. Am Ende steht ein still trauernder, unendlich warmer Choral gegen einen bis ins brutale harten Schluss.

Hier setzen nach der Pause auch Sergej Rachmaninows Symphonische Tänze an. Von der Leichtgewichtigkeit, die man dem Komponisten so oft vorgeworfen hat, ist hier nichts zu spüren. Dicht, satt und ungeheuer farbenreich hebt der erste von ihnen an. Plastisch modelliert Bychkov die Melodieverläufe, lässt die Holzbläser hinaus streben ins Offene – fast vermeint man, bei einem Open-Air-konzert zu sein und die Natur spüren zu können. Wie zunächst sie, später auch die ungemein subtilen Streicher zu singen anheben, ist auf eine Weise bewegend, wie man sie im Konzertsaal nur selten erlebt. Umso härter die rhythmische Schärfe im weiteren Verlauf, die daran erinnert, dass die Idylle nur ein Wunschtraum ist. Sehr hart dann die Rhythmik in den beiden Folgetänzen. Im zweiten schälen Orchester und Dirigent die eigentümlichen Klangfarben (Solo-Geige, gestopfte Bläser, Altsaxophon) deutlich heraus und erzeugen eine Rätselhaftigkeit, die sich nicht auflösen will. Hier ist alles ambivalent und bleibt Fragezeichen. Erschütternd schroff dann das Schlussstück, von angenehmem Wohlklang keine Spur. Der Satz ist purer Kontrast, aufeinanderprallen des Disparaten, die Kraftentladungen von gewalttätiger Mach. Hier ist nochmal alles vereint: sehnsüchtiger Gesang und brutaler Konflikt. Und sie bleiben unversöhnt. Die Oberflächenspannung droht zu zerreißen, streckenweise scheint das Orchester fast zu rasen. Hübsche, angenehme Tanznummern? Weit gefehlt. Hier ist wie schon bei Tschaikowski ein Schlachtfeld menschlichen Strebens und Scheiterns zu erleben, unmittelbar und ungefiltert. Dafür aber von bestechender Klarheit und unvergleichlicher Klangkultur.

Orchester und Dirigent sind denn auch selbstbewusst genug, sich bei den beiden Stücken, die Star-Sopranistin Kristine Opolais zum besten gibt, nicht zu verstecken. Ein kurzes Lied von Rachmaninow und die Briefszene aus Eugen Onegin stehen auf dem Programm und Bychkov legt der Solistin ein festes, dichtes, volltönenendes und farbenreiches Fundament, das dem Gesang der lettischen Sängerin einen perfekten Klangraum erschafft, der ihr viel Platz gibt, sich darin zu bewegen. Und das tut sie mit traumwandlerischer Sicherheit. Rachmaninow ist mehr zum Aufwärmen, wobei sie die mühelos erscheinende Kraft ihrer Stimme schon einmal vorführen kann. Bei Tschaikowski ist sie dann ganz in ihrem Element. Das ungeheuer weite Ausdrucksspektrum von innigster Verzweiflung über enthusiasmierte Leidenschaft bis zu schmerzvollem Leiden durchwandert sie, ohne je zu Überdramatisierung oder gar Kraftmeierei zu neigen. Die stillen, zarten Sehnsuchtstöne beherrscht sie wie das kraftvolle Strahlen. Sie reduziert und hält doch nichts zurück. Ihre klare, kraftvolle, warme und äußerst variable Stimme spielt sie wie ein Meistersolist sein Instrument: mit höchster Virtuosität, aber immer im Dienst des zu erzielenden Ausdrucks. So eindrucksvoll ihr Gesang ist: Der „Star“ ist hier steht die Musik, nie die Vortragende. Womit sie auf perfekte weise zu diesem Orchester und diesem Dirigenten passt. Mit Rachmaninow und Nebenwerken sowie einem Gesangsstück Tschaikowskis lässt sich kein großes Musikerlebnis erschaffen. Die Wahrheit könnte nicht weiter entfernt sein.

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