Stadt der Toten

Nach Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Ein hoher, weiter, leerer weißer Raum. Ein Alles-ist-möglich-Ort, einer des Dazwischen und des Immer-schon-Danach. Verschiebbare Wände und Decken aus Neoröhren erhellen ihn, tauchen ihn in gleißendes, nüchternes kaltes Licht. Ein Kreuz an der Rückwand entflammt in aggressivem Rot. Im Interview auf der Website des Deutschen Theaters deutet Sebastian Hartmann an, sein Bühnenraum wäre ein Kircheninneres. Er kann auch eine Leichenhalle sein oder der Warteraum vor der Himmelspforte. In jedem Fall ist er ein Raum des Todes, des schon Gewesenen und längst Vergangenen. Ein Ort, an dem sich trefflich über die Vergeblichkeit alles Lebens und Strebens verhandeln lässt. Und das tut Hartmann ausgiebig, viereinhalb Stunden lang. Die Vorlage gibt ihm Berlin Alexanderplatz, Alfred Döblins Großstadt- und Weltpanaroma, dieser Meilenstein modernen Erzählens, auf Papier gebannte Welterfahrung im Zeitalter kognitiver Zersplitterung. Döblin bedient sich ausgiebig Montagen- und Collagentechniken, um die fragmentierte Welt zumindest in Bruchstücken einzufangen und eine Geschichte zu erzählen, die ebenso wenig mehr individuell wie linear sein kann.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Hartmann schwebt deutlich erkennbar vor, diese Erzähltechnik auf die Bühne zu bringen. So fokussiert er nicht wie andere Adaptionen des Romans primär auf die Geschichte des Franz Biberkopf, die Döblin dann doch als narratives Zentrum in den Mittelpunkt seines Romans stellt, sondern versucht den anderen Figuren ebenso Raum zu geben wie Döblins Exkursen weit über jegliches realistisches Grundgerüst hinaus. Vor allem den christlichen Elementen gibt Hartmann viel Raum: Hiob (Michael Gerber) erscheint gleich mehrfach, beim zweiten Mal verwandelt er sich mitten in der Szene in Abraham, der gerade dabei ist, seinen Sohn Isaak zu opfern. Mehr Eindruck macht das Spiel mit der Hauptfigur der christlichen Religion selbst. Benjamin Lillie ist bei Hartmann für die erbärmliche Nacktheit der Existenz zuständig. Er navigiert durch die Schlachthof-Szenen, ein weiteres Leitmotiv in Hartmanns Inszenierung. Er entreißt sich Laute todgeweihter Schweine und schreit die Erkenntnis von der ultimativen Sinnfreiheit des Lebens heraus. Dabei ist Nacktheit wörtlich gemeint: Seit Woyzeck weiß mann, dass, wenn Lillie bei Sebastian Hartmann spielt, der Konstümbildner wenig Arbeit hat. Im dritten Teil des Abends wird diese verkörperte bloße Existenz dann zu Jesus. Er hängt am Kreuz, bevor ihn Wiebke Mollenhauer abnimmt und sie sich in einer ausgiebigen Sexszene übereinander hermachen, während hinter ihnen der Gekreuzigte in einer Art eingefrorenem Videotriptychon verklärt wird und beide in größter Extase vom Schlachten erzählen – Leben und Tod sind eines (dafür steht auch die Schwarz-Weiß-Ästhetik des Abends), Ekstase und Leiden ebenso. Ganz neu ist der Gedanke nicht, doch gelingt Hartmann hier ein drastisches, plastischen, körperliches Bild großer Intensität.

Chronologisches Nacherzählen ist seine Sache übrigens nicht. Wie auch, wenn das Leben nicht mehr als linear erfahren wird? Es hat keinen Anfangs- und Endpunkt, sondern dreht sich im Kreise wie das animierte Räderwerk, das Tilo Baumgärtel einmal auf die Rückwand projizieren lässt. Andere seiner Schwarz-Weiß-Animationen sind da plumper, etwa der nahtlose Übergang des Schlachthofs in die Berliner Mietskasernenlandschaft der 1920er-Jahre. Überhaupt bleibt die Videoebene diesmal eher illustrativ, mitunter fast ein Fremdkörper. Eine zentrale Rolle kommt ihr nicht zu. Doch zurück zu Leben, Tod und Zeit: letztere spielt eine Schlüsselrolle an diesem Abend: Immer wieder mischt Hartmann die Zeitebenen, wie er es auch bei denen der Narration tut. Epischem und Dramatischem gibt er dieselbe Gleichzeitigkeit wie Vergangenem und Gegenwärtigem. Moritz Grove übernimmt über weite Strecken die Erzählerrolle und er dringt tief ein in die Szenen. Er initiiert, kommentiert, steuert sie und wird darüber selbst zur Ein-Mann-Bühne des Konflikts zwischen Leben und Dod, dem bloßen Festhalten an der Existenz und der aktiven Lebensgestaltung. Hinzu kommt ein Chor, der Distanz schafft und eine weitere, überzeitliche Reflexionsebene einzieht. Auch Vergangenheit und Gegenwart passieren zeitgleich, etwa wenn Reinhold Franz‘ geliebte Mieze ermordet und gleichzeitig Franz daneben steht und die Vorgeschichte dieser Begegnung spielt. Alles hängt mit allem zusammen, Entscheidungen haben Konsequenzen, Ursache, Wirkung und narrative Reflexion stellt Hartmann auf eine Ebene.

Das führt zu ganz großartigen Momenten, von denen Katrin Wichmanns trotzige Lebensbehauptung im Tod ihrer Figur vielleicht der eindringlichste ist. Sie selbst gehört längst dem reich des Todes an: Am Anfang entsteigt sie einer sargähnlichen Stahlkiste, die ihr Zuhause ist. Überhaupt die Todesthematik: Stark beispielsweise die Eingangsszene, in der Markwart Müller-Elmau Gabriele Heinz die Füße wäscht und ihr zuhört, nur um dann loszugehen, ihr eine Grabkerze zu kaufen. Plötzlich ist der Stuhl leer, später entflammt die ganze Bühne als Grabkerze. Andere Miniaturen misslingen, so wird eine mindestens halbe Vergewaltigung zur Lachnummer und irritiert eine sehr klischeehafte Parodie des Stereotyps eines geschwätzigen und geschäftigen Juden in seiner Verweigerung einer überzeugenden ironischen Brechung. Will Hartmann hier provozieren oder hat sein Reflexions-Akku gerade den Geist aufgegeben? Überhaupt der Tonfall: Hier tut sich Hartmann schwer, was auch an der Figur des Biberkopf liegt. Andreas Döhler gibt sie im ersten und dritten Teil (dazwischen bringt Felix Goeser etwas mehr Ernst hinein) als berlinernde Knallcharge, die seine existenzielle Verzweiflung viel zu oft nur andeutet und am Ende den Schluss, Biberkopfs hilflose Konfrontation mit dem Tod ein wenig implodieren lässt. Das ist denn doch ein bisschen zu krachledern und schiebt viel zu oft die anderen Stränge zur Seite. Dank Döhlers Spielwut dominiert Biberkopf dann eben doch die Bühne.

Hier liegt das Grundproblem des Abends: Er ist exzellent gedacht, das Grundmotiv der – am Ende vom Tod Almut Zilchers mit Vehemenz vorgebrachten – Akzeptanz des Todes als Grundvoraussetzung des Lebens, das nur gelebt werden kann, wenn man seine Sinnfreiheit begreift, manifestiert sich in starken Bildern und atmosphärisch dichten Momenten. Das Zusammenspiel von Spiel und Reflexion, das Ineinandergreifen der Zeitebenen, die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart erzeugen eindringliche Miniaturen großer philosophischer Kraft. Nur finden sie nie zusammen. Der Abend braucht lange, um seinen Rhythmus zu finden und bricht auch in Folge immer wieder auseinander. Wo es Döblin gelingt, unterschiedlichste Tonfälle und Perspektiven zu einem großen literarischen Mosaik zu vereinen, herrscht bei Sebastian Hartmann vor allem Stückwerk. Viel zu oft und zu lange kann sich der Zuschauer zurücklehnen und das boulevardeske Treiben gutgelaunt verfolgen, zu dominant ist das Dröhnen von Döhlers Biberkopf, als dass sich eine echte Polyphonie, wie sie Hartmann zweifellos anstrebt, ergeben könnte. So liegt hier der Zauber – und davon gibt es einigen – im Detail, in einigen intensiven, Epik und Dramatik verschränkenden Bildern und Szenenfragmenten, die dem Raum weit öffnen, in dem sich Tod und Leben treffen. Ein Raum, der hier Berlin heißt. Ihn zu durchschreiten, gelingt dem Abend nicht.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Stadt der Toten

  1. […] überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: