Ein CSU-Ortsverein entdeckt das Internet

Theatertreffen 2016 – Henrik Ibsen (Bearbeitung: Dietmar Dath): Ein Volksfeind, Schauspielhaus Zürich (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Am Sonntag war mal wieder Theater und Netz. Zum vierten Mal versuchte sich die von nachtkritik.de und Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete Konferenz dem schwierigen Verhältnis der analogen Kunstform Theater mit einer längst vom Digitalen dominierten Gesellschaft widmen. Nicht besonders erfolgreich, weil die Macher vor lauter Extremismusangst in Deutschland das Thema aus dem Auge verloren und vor allem über Politik, ein bisschen über Netz und dann wieder über Theater debattieren ließen, aber immer schön fein säuberlich getrennt. Wie wichtig ein solches Format aber nach wie vor ist, zeigt drei Tage später das Theatertreffen. Da gastiert nämlich das Schauspielhaus Zürich mit einem Volksfeind, der sich in der Bearbeitung Dietmar Daths aufmacht, Demokratie und Meinungsmache im Internetzeitalter nachzuspüren. Und dabei exemplarisch das – schon reichlich widerlegte – Klischee bestätigt, Theatermacher verstünden das Internet nicht. Was offenbar auch für manchen Theaterkritiker zu gelten scheint – anders ist die Einladung des abends zum Theatertreffen kaum zu erklären.

Das Haus der Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2016 (Bild: Sascha Krieger)

Das Haus der Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2016 (Bild: Sascha Krieger)

Nun ist es ja bekanntlich so, dass das, was wir nicht verstehen, Angst macht. Die Globalisierung etwa, die Intransparenz eines Finanzsystems, dessen Finger überall hin reichen und das sich nicht um nationale Eigenheiten schert. Oder eben das Internet, der Katalysator der globalen Vernetzung, der die Welt so klein gemacht hat, wie es unsere Weltsicht immer schon war. Natürlich passt dieser Volksfeind in die Zeit, eine in der im US-Vorwahlkampf ein erklärte „Sozialist“ die „Milliardärsklasse“ für alles Übel der Welt verantwortlich macht und in Deutschland der Chor jener, die Politik und Medien und Wirtschaft grundsätzlich für böse halten, immer weiter anschwillt. Und seltsame Allianzen produziert: Auf besagter Konferenz hat gerade Volksbühnen-Chefdramaturg Carl Hegemann dafür plädiert, den Begriff „Lügenpresse“ nicht den Rechten zu überlassen, weil das, was er bezeichnet, auch aus seiner Sicht längst Realität sei. Demokratie war in Deutschland schon populärer. Demokratie, so schreit uns auch der Abend immer wieder entgegen, sei längst gekauft und sei gesteuert von gesichtslosen multinationalen Konzernen, die alle Fäden in der Hand haben und sie sofort abschaffen könnten, wenn sie ihnen nichts mehr nutzt.

Immerhin gehört ihr der mit Abstand stärkste Teil des Abends: Da hat Kurarzt Dr. Stockmann eine Bürgerversammlung einberufen, um seine Erkenntnisse zu präsentieren. Bei Dath sind das diese: Ein multinationaler Konzern hat die blühende Online-Demokratie des namenlosen Kurstädtchens finanziert, im Gegenzug zu umfassenden Fracking-Rechten, die, so hat Stockmann herausgefunden, Boden und Wasser der Stadt nachhaltig vergiften. Weil aber die Stadt ohne das Konzerngeld pleite wäre und sich die teure Demokratie nicht mehr leisten könnte, wird Stockmann zum Aussätzigen. Und so übernimmt die Stadtelite kurzerhand Stockmanns Versammlung. Stadtchef und Arzt-Bruder Peter und Softwareunternehmer (!) Aslaksen spalten das Volk, in Form des Publikums, in dem sie versuchen, so viele wie möglich ins Foyer zu führen, während drinnen Stockmann zurückbleibt. Draußen betört man die Zuschauer mit netten Partizipations- und Umfragespielchen, währen im Saal Stockmann zum populistischen Demagogen aufsteigt. Gewonnen haben beide: Der Hassprediger kriegt Applaus, die glatten Meinungsmanipulatoren vergnügtes Lächeln. Mehrheiten haben beide, die Demokratie funktioniert so gut , dass sie sich selbst auflöst. Dass sich demokratische Entscheidungen manipulieren lassen, ist nicht neu, dass nicht zuletzt die direkte Demokratie dazu tendiert, Ergebnisse zu zeitigen, die dem demokratischen Geist gerade nicht entsprechen auch nicht. Doch selten wurde diese Manipulierbarkeit so anschaulich und eindringlich seziert und vorgeführt wie hier.

Doch, ach, es ist nur ein lichter Moment an einem Abend, der sich ansonsten damit begnügt, seiner schlichten Weltsicht zu frönen, mit Internet-Buzzwords auf einem Reflexionsniveau um sich zu werfen, wie man sie sich in einem oberbayerischen CSU-Ortsverband in den Nullerjahren hätte vorstellen können. Warum Stockmann seine Erkenntnisse nicht einfach auf Facebook oder Twitter postet oder selbst mit der Handykamera ein YouTube-Video aufnimmt, erschließt sich nicht. Dass auch im Netz die Macht der globalen Player zunimmt, ist bekannt, nur ist diese eben von komplett anderer Natur, als das, was Dath und Pucher darstellen. Die Informationsunterdrückung funktioniert eben nicht mehr – statt dessen lässt sich Unliebsames in der Flut des Informationsüberschusses wegspülen. Hier jedoch ist alles noch schön hierarchisch – das Web 2.0 in der Welt von 1882. Man will es eigentlich nicht glauben. Da kann die Lokalzeitung noch so sehr zur Online-Demokratieplattform (die übrigens zwischendrin auch gern mal Blog genannt wird) mutieren, mit der digitalen Welt von 2016 hat das wenig zu tun. Die stellt man sich so vor, dass alle nur noch per Smartphone miteinander kommunizieren, das medial vermittelte Gespräch wird denn auch in etlichen Varianten per Handy, Tablet und Videowand durchgespielt. Dazwischen wird roboterhaft getanzt, es gibt Kraftwerk-Rap-Mixe mit angenehm simplifizierenden Kommentaren zur Effizienz der schönen neuen Welt. man denkt an Schülertheater und vergisst dabei, dass letzteres dann doch schon um einiges weiter ist.

Da schwingt denn auch der Pauschalisierungshammer ins Leere. Denn alles ist nett monolithisch: Die Politiker sind korrupt, das Internet unterzieht uns einer Gehirnwäsche, die Demokratie ist eine Illusion, die Bürger dumm und verblendet. Da kann auch Markus Scheumann nichts mehr tun, um seinem Stockmann noch irgendeine Form von Profil zu verleihen. er ist mal überzeugter Whistleblower, mal geifernder Populist, am Ende eine Karikatur eines Zusammengebrochenen, aber die Bruchstücke kommen nicht zusammen. Immer noch besser als die Abziehbilder, die sonst die Bühne bevölkern und die verschiedenen Ebenen der Korrumpierbarkeit mit konsequenter Subtilitätsverweigerung darstellen. Was auch für Brabara Ehnes‘ Bühne gilt, einen rein funktionalen weißen Raum mit Schaltkreisdeko (!) und einer Miniaturstadt, die am Ende aus dem Boden gehievt wird und ihren Untergrund (!) preisgibt. Oft wird dem Theater vorgeworfen, es hätte jeden Bezug zur Realität verloren. Will man diesem Narrativ – das gern auch als Argument bei Budgetkürzungen eingesetzt wird – entgegentreten, sollte man einen solchen Abend vielleicht nicht zum Theatertreffen einladen. nachtkritik.de und Heinrich-Böll-Stiftung, übernehmen Sie!

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