Trotzige Bengel im Nebel

Friedrich Schiller: Wallenstein, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Betritt man den Saal A der Berliner Schaubühne, ist der draußen gerade explodierende Berliner Frühling vergessen. Nebel wabert durch den Raum, hier blüht und erwacht nichts mehr. Stickig ist es, kein Platz für Hoffnung. Bald geht es los, das typische Wummern der dunklen Klänge Bert Wredes, schmale Lichtkegel erhellen den Raum nicht, sondern schälen bestenfalls einzelne Figuren, oft nur schemenhafte Bruchstücke aus der Dunkelheit, weiter als bis ins Zwielicht geht es nicht. wir schreiben Jahr 15 des Dreißigjährigen Krieges und der kaiserliche Feldherr Wallenstein steht vor dem Ende. Oder besser: Er sitzt. Breitbeinig, ein Fleisch gewordenes Klischee männlichen Machtbewusstseins.  Von der Decke baumelt eine blutverschmierte Pferdehälfte, an der sich gleich zu Beginn ähnlich besudelte Leiber laben. Der Krieg als Entmenschlichungsmaschinerie, als Perpetuum mobile von Machterhalt und sinnlosem Leiden. Michael Thalheimer gelingt ein ebenso klares wie brutales und höchst eindringliches Anfangsbild. Der Zuschauer ist gut beraten, genau hinzuschauen, denn er wird davon zehren müssen, drei pausenlose Stunden lang.

Bild: Katrin Ribbe

Bild: Katrin Ribbe

Denn der Abend ist eigentlich vorbei, wenn Schillers Text einsetzt. ab jetzt wird deklamiert, es werden Pläne geschmiedet und Intrigen gesponnen. Krieg ist Politik und Politik ist schmutzig. So weit die äußerst komplexe Moral. Überhaupt Schillers Text: Er wird heruntergerattert, ausgespuckt, betont angestrengt von der Rampe geschleudert. Er ist harte Arbeit, die aber eine mechanische bleibt. zuweilen glaubt man, der Text sei der feind und es gelte, ihn zu vernichten. Was dem sträflich unterforderten Ensemble auch gut gelingt. Nach der zehnten immer gleichen – und stets gleich geführten und klingenden – Debatte über Loyalität und Verrat und Gerechtigkeit schaltet der Zuschauer ab, gesellen sich Schillers Worte dem Dauerdröhnen Wredes hinzu. Hintergrundgeräusch, mehr nicht.

Denn alles ist ja von Beginn an klar. Ingo Hülsmann gibt den Wallenstein als testosterongeschädigten Choleriker, als selbstmidleidigen Waschlappen, als egomanisch Rasenden, der nicht selten an ein Kleinkind in der Trotzphase erinnert. Natürlich geht es ihm bei seinen Ränkeschmieden nicht um Frieden, sondern um Machterhalt und Bestätigung seiner Männlichkeit. dafür kann man dann auch schon mal ganz Europa ins Elend stürzen. Der Rest der Personnage ist nicht besser, alles Intriganten, Heuchler und Machtspieler, bei denen sich nur die Größe des Würstchens, das sie darstellen müssen, unterscheidet. Gut, da gibt es ja noch die Frauen, aber bei ihnen sieht es nicht besser aus. Ganz im Gegenteil: Regine Zimmermann gibt die Gräfin Terzky als reichlich karikatureske Zicke, Marie Burchards lebensunfähige Herzogin wankt von einem Nervenzusammenbruch zum nächsten und Alina Stieglers Thekla verbringt den Großteil des Abends damit, gekränkt an der Rampe zu stehen. Die Frau als Intrigantin oder Opfer. Man will es eigentlich nicht glauben. Bleibt Max Piccolomini, der zwischen widerstreitenden Loyalitäten hin- und hergerissene Gegenspieler Wallensteins. Mit ihm kann Thalheimer gar nichts anfangen, also darf der bemitleidenswerte Laurenz Laufenberg seine Texte mit ungefiltertem Pathos ins Nichts schicken, schaut dazu schön ernst und leidenschaftlich.

Der Zuschauer reibt sich verwundert die Augen: Das hier ist Thalheimer, der begnadete Verdichter und Offenleger der Essenz des von ihm behandelten Stoffes, der Reduzierer, der es schafft, die komplette Orestie auf eineinhalb hoch intensive Stunden einzudampfen? Hier sind es drei und von Intensität ist nach dem Eingangsbild nichts mehr zu stören. Stattdessen wird bis zur Ermüdung von der Rampe gesprochen und meist gebrüllt, Konfrontation bebildert, indem sich die Darsteller*innen extrem nahe kommen, die Figuren in plakative Posen verfrachtet, zuweilen ein leicht karikierender Ton verwendet, etwa wenn abwechselnd Hülsmann und Ulrich Hoppes kaiserlicher Gesandter Questenberg Bruno Ganz‘ Hitler-Charakterisierung in Der Untergang zitieren. Wenn mal etwas versucht wird, was über das Herauskotzen von Schillers Worten hinausgeht, hat es meist die gedankliche Tiefe eines leeren Blatts Papier. Krieg ist schlecht, aber unvermeidlich, denn noch schlechter als der Krieg ist der Mensch. Politik ist mindestens genauso böse, sie kommt ja vom Menschen. Selten freut man sich so sehr auf die Berliner Nacht wie nach dieser Theaterverweigerung. Die Pappenheimer (die im Stück tatsächlich vorkommen) mit ihren kindischen Ränkespielen lässt man gern zurück im Nebel.

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