Der harte Weg in die Stille

Dresdner Musikfestspiele 2016 – Herbert Blomstedt dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden

Von Sascha Krieger

Musikfestspiele boomen. Landauf landab wird gefestivalt, dass auch der aufmerksamste Beobachter schnell den Überblick verliert. Klassik- und Kulturfestivals als attraktive Marken für Künstler und als Touristenmagnet stehen auf der Agenda vieler Stadt- und Regionalmarketer ganz weit oben. Die Crux dabei ist, dass dies den Wettbewerb um attraktive Künstler und damit auch zahlungswillige Besucher nicht erleichtert, aus der Masse herauszustechen, fällt zunehmend schwer. Die Dresdner Musikfestspiele haben dieses Problem nicht mehr. Einer Initiative unter anderem des renommierten Cellisten Jan Vogler entspringend –Dresdner Musiker verstehen sich traditionell stark als Kultur- und Stadtförderer, man denke an Prof. Ludwig Güttler – hat sich das Festival einen festen Platz im Musikkalender erarbeitet und die „Lücke“ zwischen den Osterfestspielen und jenen im Sommer für sich reserviert. Auch in diesem Jahr ist die Liste der gastierenden Künstler eindrucksvoll: Mit den Symphonieorchestern aus Boston und Pittsburgh sind zwei führende US-Orchester da, überhaupt haben sich die Dresdner einen festen Platz in den Tourneekalendern amerikanischer Klangkörper gesichert. Mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchestra ist das laut einer Kritikerumfrage des Gramophone Magazine im Jahr 2008 weltbeste Orchester zu Gast und selbst aus Singapur gibt es Besuch. Da stört es nicht weiter, dass das Motto mit „Zeit“ in diesem Jahr ein wenig beliebiger ausfällt als sonst. Mitbringen sollte man Zeit aber in jedem Fall, denn zu erleben und vor allem zu hören gibt es viel.

Herbert Blomstedt (Bild: Martin Lengemann)

Herbert Blomstedt (Bild: Martin Lengemann)

Dabei hat der geneigte Besucher zuweilen die Qual der Wahl. Zum Beispiel diese: Boston Symphony Orchestra in der Frauenkirche (im Mittelpunkt Mahlers Neunte, die das Orchester tags zuvor schon in Dresden spielte) oder die Sächsische Staatskapelle in der Semperoper? Die zeit kann eben eine knappe Ressource sein. Falsch sind beide Entscheidungen nicht. So steht in der Semperoper Herbert Blomstedt am Pult. Von 1975 bis 1985 Chefdirigent des Orchesters leitete er am Ende seiner Amtszeit das erste Konzert am 40 Jahre nach Kriegsende wiedereröffneten Haus. Ein Moment, in dem sich Vergangenheit und Zukunft trafen. Die Wahl des diesjährigen Programms ist keine zufällige: Vor 100 Jahren starb Max Reger. Die Dresdner gehörten von Beginn an zu den hartnäckigsten Förderern des Komponisten, der den Traditionalisten zu sperrig, den Neuerern zu konservativ wahr. Das gilt insbesondere für sein Klavierkonzert, ein wahrer 40-minütiger Kraftakt. Zu seinen wenigen Fürsprechern zählte der große amerikanische Pianist Rudolf Serkin, dessen Sohn Peter den Staffelstab übernahm und das Werk nun mit Blomstedt, der reger ein frühes musikalisches Erweckungserlebnis verdankt, aufführt.

Dass das Konzert pure Anstrengung ist, fällt an diesem Abend immer wieder auf. Es ist Schwerstarbeit und hört sich mitunter auch so an. Wie in einem Steinbruch hämmert Serkin das musikalische Material aus dem Werkblock heraus, sein Anschlag hart, sein Spiel überaus detailscharf. jede Note ringt er dem Koloss ab, kongenial unterstützt von einem Orchester, das ihm überall hin folgt, ihm aber auch einen sicheren Boden bereitet und als Resonanzkörper agiert. Sein Klang ist dicht und schlank, sein Spiel von kompromissloser Klarheit, Blomstedts Dirigat präzise und streng. Gemeinsam schlägt man sich durch das Dickicht, hält die Spannung, vermittelt den Eindruck sich aufstauender Energie, die ein Ventil sucht und nicht recht findet. Sie lesen Regers Musik als eine suchende, fragende, welche die Gewissheit sicherer Antworten verloren hat. Immer wieder bricht die Suche ab, vor allem Serkin gelingen diese Momente des Innehaltens und der Neuorientierung eindrucksvoll. Die Ecksätze sind voller Kraft, die kein Ziel finden kann, erfüllt von einem fast verzweifelt antreibenden Grundgestus, der am Ende nicht weiter ist als am Anfang. Zeit ist hier zirkulär, der fortschritt eine Illusion. Das Werk entstand kurz vor dem ersten Weltkrieg.

Da klingt der langsame zweite Satz wie ein versonnenes Lamento, eine zunehmend resignierende Suchbewegung, in der Serkin, einer der zurückhaltenderen und sachlicheren Vertreter seiner Zunft, jedem Ton nachzuhören scheint. Die dichten Streicher und hellen Holzbläser spenden Wärme und Zuversicht, doch die Wahrheit liegt im zögerlichen Tropfen von Serkins Spiel. Sein Anschlag ist glasklar, die töne, die er seinem Instrument entlockt, wissen um ihre Vergeblichkeit. je länger der Satz dauert, desto mehr scheinen sie auseinanderzufallen, mitunter scheint es, man höre Tönen zu, die einander suchen. Das Orchester teilt die zarte Verlorenheit des Soloparts, gemeinsam verlieren sie sich am Satzschluss in der ewigen suche nach etwas, von dem sie nichts mehr wissen. Sollte sich die Frage gestellt haben, warum man dieses schwere Werk viel öfter zur Aufführung bringen sollte, beantwortet sie dieses Largo.

„Zeitlos“ dann das zweite Werk des Abends, Ludwig van Beethovens siebte Symphonie. Und doch spielt die Zeit eine Schlüsselrolle in Blomstedts Interpretation. Zunächst verlangsamt er sie, nimmt den Kopfsatz in sehr moderaten Tempi. Auffällig sind die große Strenge und die extreme Scharfkantigkeit des Kopfsatzes. Der Klang ist von einer Klarheit, dass sich der Vergleich zum HD-Fernsehen aufdrängt, alles ist einen Tick deutlicher, als man es kennt. Er ist hochkonzentriert und schlank, aber nicht intransparent. Auch hier findet Blomstedt eine Suchbewegung. Die Einleitung zerbröselt regelrecht vor dem „Vivace“ betitelten Hauptteil, dessen erste Inkarnation sich fast zögerlich hervortastet, bevor er sich in durchaus harter Strenge als beinahe abweisenden Monolithen präsentiert, der nichts von tänzerischer Folkloristik hat. Die Siebte entstand inmitten der napoleonischen kriege in einem Schlachtfeld namens Europa. Blomstedts Interpretation ist dies durchaus anzuhören. Stark der Gegensatz zwischen den lichten, tänzelnden, Frieden rufenden Holzbläsern und der unerbittlichen Kraft des Restorchesters. Da bleiben die Holzbläser einsame Rufer. Dominierend Instrument ist die Pauke, die auch die beiden Schlusssätze vorantreibt und strukturiert. Der dritte donnert nach einer langen Pause hervor, ein Neubeginn, der den Kriegsschatten plastisch verdeutlicht. Hier ist nichts gebremst, sogar das Trio ist so schnell und knapp gespielt, dass es kein wirkliches Verschnaufen ermöglicht, sondern bestenfalls ein kurzes Luftholen. Immer wieder verdichtet Blomstedt den Klang, was zu fast explosionsartigen Kraftentladungen führt. So lebendig das alles pulsiert, so ernst ist die Sache auch. Treibend und explosiv ist denn auch das Finale, die Spannung kaum auszuhalten, das Drama spürbar. Der finale Kraftausbruch bietet keine Lösung. Die Spannung bleibt

Emotionales Kraftzentrum der siebten ist traditionell das an zweiter Stelle stehende Allegretto. Bei Blomstedt folgt es pausenlos auf den Kopfsatz, ist es keine Oase der Ruhe und Reflexion. Umso lyrischer zeigt es sich dann. Wenn die zweiten Geigen das Marschthema aufnehmen, legt sich eine stille, innige Traurigkeit über die musikalische Szenerie, wie man sie in diesem Satz selten hört. Ganz behutsam, verletzlich zart lässt Blomstedt das Orchester spielen, während die kraftvolleren Crescendi von eher sachlichem ernst sind. Er will nicht überwältigen, sondern berühren, den Verlust, den Beethoven hier komponiert hat, fühlbar machen. Das gelingt ihm, auch weil er den lyrischen Momenten distanzierte Strenge an die Seite stellt. Hier herrscht kein emotionaler Wettkampf, sondern ein Nebeneinander von Fühlen und Verstehen. Sacht tastet sich die stille Trauer hinein in eine lange Stille. Später wird sie von tosendem Applaus und stehende Ovationen erfüllt. Sie sind hochverdient.

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