Ganz von dieser Welt

Andris Nelsons gastiert mit dem Boston Symphony Orchestra und einer phänomenalen Neunten Mahlers an seiner zukünftigen Leipziger Wirkungsstätte

Von Sascha Krieger

Wenn am Ende im Saal des Leipziger Gewandhauses noch jemand sitzt, ist das nicht zu erkennen. Die Reaktion auf den ersten Auftritt des designierten Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons seit seiner Ernennung als triumphal zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. In Leipzig liebt und verehrt man seine Chefdirigenten, aber erst, wenn sie sich der großen Fußstapfen würdig erwiesen haben, die sie zu füllen angetreten sind. Der 37-jährige Nelsons braucht knapp 90 Minuten, ein Werk und ein Gastspieldirigat, um aus dem freundlichen aber zurückhaltenden Anfangsbeifall einen Begeisterungssturm zu entfachen, wie ihn auch die Herren Chailly und Blomstedt nicht jeden Tag erleben. Die Messlatte für sein ersten Programm als „Designierter“ mit dem Gewandhausorchester in drei Wochen hat er nicht niedriger gelegt. Es wird Nelsons, der mit jedem Blick, jeder Geste, jedem Lächeln eine fast kindliche Begeisterung für das, was er tut, verrät, nicht anfechten.

Andris Nelsons (Bild: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Bild: Marco Borggreve)

Dabei hat er es sich nicht leicht gemacht für das erste Leipziger Gastspiel des Boston Symphony Orchestra, dem er seit 2014 vorsteht, überhaupt. In Gustav Mahlers neunte Symphonie, seine letzte Vollendete, die sich natürlich messen muss mit den großen „Neunten“ vor ihr, vor allem mit Beethovens und Bruckners, ist soviel hereininterpretiert worden, sie galt lange als Mahlers Abschiedsgruß, als vertonte Todesahnung, als tief persönliches Statement eines Komponisten, der stets die Welt umfassen wollte und nach dem der Musik wenig anderes übrig blieb, als den kompletten Bruch zu versuchen. Hätte es Schönberg und die „Neue Musik“ gegeben, wenn Mahler auf dem von der Wiener Klassik gestarteten Weg weniger radikal und weit fortgeschritten wäre? Natürlich ist auch die Neunte alles andere als ein privates Testament Mahlers. Ein Abschiedswerk ja, aber eines, welches das Persönliche, Individuelle vom ersten Takt an transzendiert.

Dabei ist Mahlers Musik unter Nelsons‘ Dirigat von Anfang an ganz von dieser Welt. Schon die zersplitterten Fragmente, aus denen sich erst Stück für Stück ein Bild ergibt, sind klar umrissen und von plastischer Unmittelbarkeit. Der Blick ist kein kosmologischer oder gar religiöser, sonder ein zutiefst menschlicher auf das Werden, Streben, Scheitern und Vergehen, das wir alle teilen. Und was ist da in diesem ersten Satz für ein Reichtum: das graduelle erblühen des Orchesterganzen, das hinaus will in die weite Welt, das tastende Zusammenfinden der Instrumentengruppen, die vielstimmige und vielfarbige Aufgewühltheit der bewegteren Passagen, das fahle, verlorene schweben der Streicher nach dem ersten großen (Aus-)Bruch, das filigrane Licht, das den Gesangspassagen entströmt, die Gleichzeitigkeit von Offenheit (Streicher) und Unruhe (die „störenden“ Blechbläser). Dieser erste Satz ist wahrhaft universell, er umfasst den ganzen Kosmos und lässt sich daher auch nicht recht fassen. Nelsons versucht nicht, ihn einzufangen, er will sich ihm nähern, ihn von Nahem anschauen, er lenkt unseren Blick auf das eine oder andere Detail und lässt ihn genau dadurch fühlbar, erlebbar werden. Die Welt, die er uns zeichnet, ist eine der Gegensätze. Da ist helles, optimistisches, Streben ins Weite und dunkles, bedrohliches Brodeln, und beide sind gleichzeitig, bedingen einander. Kein Leben ohne Tod, kein Tod ohne Leben. Der Satz endet freundlich, hoffnungsvoll, voller Licht, tief atmend, wissend, dass jeder Atemzug der letzte sein könnte.

Die Mittelsätze der Neunten gehen oft unter, wenn es um die Bedeutung und Wirkung des Werks geht. Nicht so bei Nelsons. Für ihn sind sie ein Paar, das zusammengehört. Hier die scharfe Rhythmik, die zerklüfteten und stets scheiternden Versuche, das Leben ohne den Tod zu denken, des Scherzo, seine Gleichzeitigkeit von Hell und Dunkel, der (Ab-)Bruch als strukturelles Grundprinzip. Dort die Dringlichkeit des Vorwärtswollens, der Kontrastreichtum, das wiederholte Gegen-die-Wand-Laufen, der aufgewühlte Untergrund, der das ganze Werk in Nelsons‘ Lesart durchzieht. Das Leben ist ein Kampf, ein Scheitern, der hellen Momente sind wenige und sie verfliegen schnell. Und doch, so sagt uns diese ambivalente und doch so lebendige, plastisch unmittelbare Musik, ist es das alles wert. Denn das Ziel mag der Tod sein, aber Voranzugehen, mit Neugier und Offenheit, macht ihn erträglicher.

Die ganze Meisterschaft Nelsons‘ zeigt sich dann auf engstem Raum zu Beginn des Finalsatzes. Dicht ist die initiale Streicherdecke, körperlich, lebendig, und doch droht sie zugleich zu entschwinden, sich aufzulösen, zu Erinnerung zu werden. So unprätenziös und subtil, wie die Bostoner, die übrigens durch eine klangliche Durchsichtigkeit und ein einen elegant hellen Streicherklang überzeugen, die man ihnen kaum zugetraut hätte, diese Bewegung – das Thema von Werden und Vergehen en miniature – ausspielen, ist atemberaubend. Der Satz ist ein Gegen-, Mit- und Nebeneinander von untergründiger, dunkler Unruhe, und heller, ins Weite strebenden Zuversicht, eine Folge von Auf-, Aus- und Abbrüchen. Mal strebt das in fast filmischen Breitwandformat hinaus in die Welt, dann zieht sich das Gewebe in innerlichem Gesang mit zartester Subtilität zusammen. Der Satz strebt zunehmen dem Stillstand zu, doch wohnt selbst dem zwischenweltlichen Schweben der Streicher stets eine spürbare Spannung inne. Immer wieder hebt es an, bricht ab, versucht sich erneut. Die Hörner ziehen hell und klar ein letztes Mal in die Welt, bevor die Musik den Rückzug antritt. So nuanciert, zart, geduldig und zugleich so plastisch und pulsierend, hat man den berühmten „ersterbenden“ (Spielanweisung Mahlers) Schluss vielleicht noch nie gehört. Hier haucht sich ein Leben aus, unsentimental, alltäglich, zutiefst tragisch. Am Ende herrscht etwa eine halbe Minute lang vollkommene Stille. Das Ende. Es wird ein neuer Anfang sein. Völliges Schweigen und tosender Applaus: Auch dieses Gegensatzpaar gehört in das Universum dieses Abends. Willkommen, Maestro Nelsons.

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