„Das Drama rausnehmen“

René Pollesch: I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Es ist ja eigentlich, um mit einer sächsischen A-Capella-Band der 1990er-Jahre zu sprechen, alles nur geklaut. Den wieder einmal wunderbaren Stücktitel I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung hat René Pollesch von Twitter, das Figurenensemble aus dem, will man der Kritik glauben, desaströsen Kiffer-Film Half Baked, das Bühnenbild ist 15 Jahre alt und von Bert Neumann. Mit der Rollenden-Road-Schau schwärmte die Volksbühne damals aus in die Stadt, drei der mit orangefarbenen Planen bedeckten Wagen bilden jetzt hier ein improvisiertes „Zuhause“, vor dem man sich in den Karamasow-Sitzsäcken fläzt oder auf den oft bei Hausherr Frank Castorf zu sehenden weißen Plastik-Gartenstühlen sitzt. Da ist es schon wohltuend, dass der Inhalt des Abends zwar auch dem Recycling-Prinzip folgt, sich aber vor allem über Polleschs eigenes Schaffen hermacht. Irgendwie versprüht der 90-minütige Abend, er sei durch Zusammenklauben von Überbleibseln früherer entstanden und zwar in reichlich Cannabis-induzierter Trägheit.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Womit wir bei dem sind, was hier in langen eineinhalb Stunden, sagen wir, verhandelt wird. Denn gekifft wird tatsächlich reichlich, während man über Polleschs Lieblingsthema der vergangenen Jahre elaboriert: die Liebe. Für René Pollesch ist und bleibt sie ein nicht zu begreifendes Mysterium. Warum verliebt man sich? Wie geht das und wozu ist das gut? Und warum fühlt es sich nie so richtig an. Kathrin Angerer beginnt den Abend, indem sie über Inkompatibilitäten berichtet: Wenn sie von Zuhause oder Zukunft spricht, sieht ihr Gegenüber sie verständnislos an, erzählt sie. Beide Konzepte haben für den Anderen keinerlei Bedeutung. An ein Zueinanderkommen ist nicht zu denken, Empathie scheitert, bevor sie beginnt, von Symbiose sprechen wir lieber gar nicht erst. man sitzt auf einer Couch, selbst ein Hybrid zwischen Sitzen und Schlafen, zwischen Privatheit und Zusammensein, Öffentlichem und Privatem. Aus diesem Dazwischen kommen sie nicht raus, auch nicht in Hasch-inspirierter Zeitlupe.

Also probiert man etwas anderes, eine Strategie, die man, so hören wir immer und immer wieder, wohl im westafrikanischen Burkina Faso (wo der schmerzlich vermisste Volksbühnen-Berserker Christoph Schlingensief einst ein Opernhaus bauen wollte – Selbstreferenzialität ist an diesem Haus schon lange eine eigene Kunstform) praktizert wird: sich gegenseitig beleidigen, um Spannung abzubauen. Also streuen die vier Darsteller*innen Schimpfwörter in ihre wiederholungsschwangeren Wortkaskaden, fallen sich immer wieder ins Wort, sodass irgendwann nur noch Sprachfetzen bleiben und jede Kommunikationsbehauptung sich selbst in die Fersen steigt. Aber nein, auch das funktioniert nicht. Die Spannung bleibt, die Distanz sowieso, also wird fleißig gekifft. Es fallen so wunderbare Sätze wie „Die Zeit ist kein Fluss, sondern eine Ansammlung von Teichen und Tümpeln“ und so herrliche Banalitäten wie „Liebe ist Handeln“. Irgendwann merkt man auch auf der Bühne, dass etwas Bewegung allen Beteiligten gut täte, also fährt man Fahrrad oder rennt zu den Klängen von Bruce Springsteens schmerzerfüllter Jugenderinnerungsballade Backstreets in den Rang, um den anderen die Bong abzujagen. Von der Stelle kommen sie nicht und der Abend ebenso wenig.

Natürlich ist alles hier: die Pollesch-typische assoziative und sprachmächtige Dekonstruktion des nicht hinterfragten Alltäglichen, die Autopsie (post)moderner Befindlichkeiten mit all ihrer Absurdität, der heilige Ernst, mit dem sich die Darsteller*innen – neben Angerer die Pollesch-„Veteran*innen“ Inga Busch und Trystan Pütter und der Filmschauspieler Samuel Schneider (der noch am immer etwas pseudopathetisch nölenden Pollesch-Ton arbeiten muss) – in die Untiefen der texte stürzen, aber irgendetwas fehlt. Vielleicht liegt es daran, dass alles, was hier doziert und debattiert wird, längst schon gesagt ist, oder daran, dass der Autor Pollesch einen besseren Tag hat als der Regisseur Pollesch. Wo an seinen Abenden oft eine reichlich anarchisch sabotierende Spiel- und Bildebene dem Dauerwortschwall Paroli bietet, wird hier einfach nur geredet, mal vor den Wagen, mal – per doppelter Videowand übertragen – darin. „Wir müssen hier irgendwie das Drama herausnehmen“, sagt Kathrin Angerer einmal. Das zumindest gelingt Pollesch an diesem Abend zu gut. Natürlich ist er trotzdem über weite Strecken kurzweilig, hinterlässt er, wenn keinen roten Faden, doch so manches diskursive Ende. Aber er wirkt eben auch ein wenig energiearm, scheint sich selbst seiner Existenzberechtigung nicht ganz sicher, und dreht sich um sich selbst bis über die Grenze zur Beliebigkeit hinweg. Es spricht für René Pollesch, dass auch seine schwächeren, routinierteren Abende immer sehenswert bleiben. Und doch bleibt da die Sehnsucht, man hätte es mit einem seiner stärkeren zu tun. Die Liebe bleibt und sie wird – natürlich – enttäuscht.

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