Die Leere der Landstraße

Peter Handke: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße, Burgtheater, Wien / Berliner Ensemble (Regie: Claus Peymann)

Von Sascha Krieger

Handke inszeniert Peymann. Das war mal eine Erfolgsformel. Über viele Jahre hinweg war Claus Peymann so etwas wie Peter Handkes Urafführungs-Stammregisseur. Wenn sich beide jetzt noch einmal zusammentun, schwingt natürlich ein Stück Nostalgie mit. Nicht zuletzt am Wiener Burgtheater, wo Peymanns hcohumstrittene Intendanz im Lichte seiner Nachfolger nicht wenigen wie die gute alte Zeit erscheint, eine Zeit, in der die Burg den Theaterdiskurs im deutschsprachigen Raum mitbestimmte, eine Relevanz, die das Haus längst eingebüßt hat. Weil aber auch ein Peymann gern auf Nummer sicher geht, ist die Inszenierung von Handkes neuestem Text eine Koproduktion mit dem Berliner Ensemble. Hier, da darf sich der Intendant sicher sein, liegt man ihm nach wie vor zu Füßen, eine Erwartung, die der Schlussapplaus der Berliner Premiere durchaus erfüllt. Leicht macht es sich Peymann allerdings nicht und das hat vor allem mit der Vorlage zu tun. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße ist so lang, wie sein Titel erraten lässt, was selbst Textverfechter Peymann zu großzügigen Kürzungen veranlasst. Es ist ausuferndes Stück, das in unzählige Richtungen schießt und sich jedweder knapper thematischer Kategorisierung entzieht.

Bild: Monika Rittershaus

Ich und seine Unbekannte, dahinter die „Unschuldigen“ (Bild: Monika Rittershaus)

Es ist die „Geschichte“ eines Mannes, der nicht eins ist. Dieser „Ich“ ist zweifach: Er unterteilt sich in ein „episches“ und ein „dramatisches“ Ich, ist Erzähler wie Akteur, repräsentiert Theater und dessen Dekonstruktion, Handeln und dessen Reflexion, er ist zu sich selbst in Distanz, ist zugleich in und außer sich. „Ich“ ist gestrandet oder geblieben an einer Wegbiegung einer namenlosen Landstraße inmitten eines Nirgendwo, die „letzte freie Straße“, wie er einmal sagt, eine, „auf der noch nie ein Heer marschiert ist. Es ist seine Straße und er will sie verteidigen, gegen die „Unschuldigen“, die Außenwelt, zu der er zwar den Kontakt sucht und ersehnt, ihn aber gleichzeitig abwehrt. Es geht um vieles in diesem 180-Seiter: um das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, um Zugehörigkeit und Einordnung, um Abgrenzung und Distanz. Es geht um die Kunst: Ich ist ein Künstler, Poet, Handkes Alter Ego, ein Fantasieerschaffer. Er ist Prospero, aber auch Caliban, einer der sich die Welt erträumt und unter ihrer Last stöhnt, der  Liebe durch Fantasie erschafft und dem Hass durch sie zu entgehen sucht. Die Landstraße ist natürlich auch Bühne, das Theater als utopischer, als gedanklicher Raum der Freiheit immer mitgedacht. Und es geht und Krieg und Frieden. Die Landstraße, sie ist auch ein utopischer Raum, ein Nirgendwo, außerzeitlich und außerweltlich, eine Insel – imaginierten, erträumten – Friedens innerhalb einer alles andere als friedlichen Welt. Die „unschuldigen“, sie sind Gesellschaft und Welt in all ihrer Ambivalenz, ihrer Vielgesichtigkeit, ihrem Dazwischen im Spektrum von Gut und Böse.

Peymann nimmt in seiner Inszenierung dieses Grundmotiv der Ambivalenz auf und missversteht es als Unentschiedenheit, als Haltungslosigkeit, als die Beliebigkkeit des Anything Goes. Das fängt beim „Ich“ an: Die Unterscheidung der beiden Ich-Versionen gibt er schnell auf. Christoph Nell gibt beide als eine Figur, versucht gar psychologische Nachvollziehbarkeit, was angesichts der Vorlage nicht zu schaffen ist. Die abstrakte Ich-Trennung hebt er auf, was seine Leistung nicht schmälern soll: Sein irisierendes, flackerndes Spiel der Möglichkeiten, sein zitterndes Wandern zwischen Hoffnung und Angst, seine Gleichzeitigkeit von Sehnen nach Zwischenmenschlichkeit und schroffem Einsamkeitverlangen sind beeindruckend und tragen den Abend über so manche Längen. Den Text erhellen kann er nicht. Dass etwa unter den „Unschuldigen“ ein Doppelgänger des Ich ist, er sich also in der Gesellschaft wiederfindet, geht komplett unter.

Peymann verpasst dem Text einen clownesken Grundton, der ihn ironisiert und wenig übrig lässt. Zumal er nichts auswählt, sich auf keines der vielen Themen fokussiert. So bleibt alles halbverschwommen, wie von weitem betrachtet durch ein nicht scharf gestelltes Fernglas. Statt auf Prosperos Insel – der Bezug ist im Text vorgegeben – verortet Peymann „Ich“ in einem beckettschen Nirgendwo und stellt gegen ende seinem Vladimir-Wiedergänger einen Estragon in Form von Martin Schwab Anführer der „Unschuldigen an die Seite, was Schwabs Rolle zum Einsturz bringt und die Zitathaftigkeit des Textes de-instrumentalisiert. Hier wird zitiert, aber es gibt keinen Bedeutungsrahmen mehr, innerhalb dessen das geschehen könnte. Peymann mag das Plakative, insbesondere, wenn es um die Unschuldigen geht. Als weißgekleidete Zeitlupennachtwanderer sind sie die Ge3scheiterten, die Toten und Opfer vergangener Illusionen. Als buntgekleidete Handytelefonierern stehen sie für die sinnentleerte Gegenwart, als schlotternde Prozession in Schwarz kommen sie als Flüchtlingszug daher. Welch ein Material für eine Meditation über die Ambivalenz unserer Welt, doch hier bleibt es zweidimensionales Puppenhandwerk.

Karl-Ernst Herrmanns Bühne bebildert das Ungefähre perfekt. Zwei geschwungene Linien deuten die Landstraße an, Lichteffekte schälen sie eindrücklich heraus und lassen sie am Ende wieder verschwinden. Ansonsten ist die weiße Schräge offen für alles und akzentuiert doch nur ihre Leere, weil Peymann sie nicht füllt. Wo der Zuschauer vor der Pause zumindest noch versuchen kann, den Text nach seinen Brüchen, seinen offenen Enden, seinen Richtungsvorschlägen zu befragen, zerfällt der Abend anschließend komplett. Das Spiel wird weitgehend abstrakt, die Textfetzen bleiben rätselhaft und machen doch nicht mehr neugierig auf ihren Gehalt. Prospero ist gegangen, Caliban ist tot und Godot kommt nicht mehr. Nur wir, die Zuschauer, sind noch da? Warum? Vielleicht um dem exzellenten Ensemble zu applaudieren. Neben Nell und Schwab sind hier vor allem die unwirkliche Feenhaftigkeit der Unbekannten Meret Beckers (die die Rolle von Regina Fritsch, die sie in Wien gespielt hat, übernimmt) und die karikatureske Schärfe der personifizierten repressiven Gesellschaft zu nennen, die Maria Happel ihrer „Unschuldigen“-Anführerin verleiht. Für drei Stunden ist das dann aber doch etwas wenig.

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