Ein Diktiergerät namens Mama

Bonding – Eine Zwangsgemeinschaft, Jugendclub von GORKI X „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Maxim Gorki Theater/Studio Я, Berlin (Spielleitung: Suna Gürler)

Von Sascha Krieger

Die vielleicht wichtigste und prägendste Beziehung, die wir in unserem Leben führen werden, ist vielleicht die zwischen Eltern und Kindern. Sie ist die erste, die uns lehrt, mit anderen Menschen umzugehen, die den Menschen als soziales Wesen begründet. Und sie spielt eine Schlüsselrolle beim Erwachsenwerden, im Prozess von Individualisierung und Identitätsfindung, beim Eintritt in ein Leben, das erstmals vor allem ein eigenes ist. Dieser vielanalysierten und totgequatschten menschlichen Urbeziehung widmen sich jetzt dreizehn junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren im Jugendclub des Maxim Gorki Theater. Bonding – Eine Zwangsgemeinschaft heißt der gut einstündige Abend im Studio des Theaters. Natürlich sind „Dia Aktionist*innen“, wie sich der Club nennt, nicht die erste junge Theatergruppe, die sich dieses Themas annehmen, und sie werden auch kaum die letzte sein. Mit der Originalität des behandelten Stoffs können sie also kaum punkten, mit ihrer Sichtweise darauf schon.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Grundlage des abends bildeten – auch das ist nicht neu – Interviews mit den eigenen Eltern, in denen sie diese ausfragten über das Elternsein, aber auch die eigene Kindheit, sodass stets zwei Eltern-Kind-Beziehungen thematisiert werden, die Eltern auch das eigene Kindsein mitreflektieren. Auf der Bühne werden nun die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zum Sprachrohr der Eltern. Sie sprechen Interviewaussagen nach, die über von der Decke hängenden Diktiergeräten eingespielt werden, oder agieren die Gespräche mit den Eltern aus. Dazu führen sie Gruppenchoreografien aus und erschaffen Bilder der Nähe, des Klammern, des einander Stützens, aber auch der Abwehr. Es gibt choreografische Versuche des sich Einpassens in eine Welt, die man gerade erst kennenlernt, und des als Individuums aus ihr Hervortretens, es gibt Konfrontationen und Wettstreits über die coolsten Eltern.

Vielstimmig komplementieren, kommentieren und konterkarieren die lebendigen Bilder das Gesagte, die zu hörenden Geschichten, deren erste Rezipient*innen die Darsteller*innen selbst sind. Sie reagieren auf das Gehörte, ziehen im Weitergeben Ebenen des Zweifelns, der Ablehnung, aber auch der Zustimmung, des Nichtverstehens ein. Immer wieder stößt das Gehörte und Gesagte auf Unverständnis, etwa die elterlichen Versuche, das Kind von den eigenen Eheproblemen abzuschirmen oder die Bereitschaft der Elterngeneration, überkommene Rollenmuster einfach anzuerkennen anstatt dagegen zu rebellieren. Der Abend bezieht keine Position, gibt beiden „Seiten“ Legitimität, schlägt sich auf keine von ihnen. Denn auch die Eltern waren ja Kindern, aufgewachsen in erheblich autoritäreren und gewalttätigeren Umfeldern als der eigene Nachwuchs. Wenn sie mantrahaft wiederholen „Ich will darüber nicht reden“, tut sich ein Graben auf, den Kind und Eltern nur durch die Akzeptanz des Anderen und seines Andersseins überwinden können.

Ernstes mischt sich mit Banalem, Grundsätzliches mit den vielen kleinen, oft hochkomischen Nervereien im Alltag. Dabei steht das, was erzählt und hinterfragt wird, weniger im Zentrum als der Prozess dieses Fragens selbst. Die Schwierigkeit, den anderen zu verstehen, und akzeptieren zu können, wie das Gegenüber zu einer vollkommen anderen Perspektive als man selbst kommen kann, zieht sich wie ein roter Faden durch den vergnüglichen Versuchsaufbau. Diese Schwierigkeit ist in den Abend strukturell eingebaut: Indem die Jungen zu den Vermittlern, Sprechern und Akteuren der Elterngeneration werden, wird der Verständnisprozess ein innerer, spielerischer, körperlicher. Wenn wir den Darsteller*innen zuschauen, sehen wir den Beziehungskomplex in all seiner heiteren Alltäglichkeit und bitterernsten Allgemeingültigkeit. was wir nicht bekommen ist Antworten, zu oft enden die Befragungen im Ungenauen, in Abwiegelung, Beschönigung, Vagheit oder kompletter Ablehnung. Vielleicht sind die Antworten auch gar nicht so wichtig, womöglich sind die Frage das entscheidende – die an die Eltern und die an sich selbst. Und die (nicht neue) Erkenntnis, dass die wichtigste Auseinandersetzung beim Weg ins und durchs Leben die mit sich selbst ist.

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