Operation am offenen Herzen

Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Wagner und Bruckner

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das Konzert bereits Teil eines persönlichen Vorbereitungsprozesses für Andris Nelsons: Im kommenden Jahr wird er in Bayreuth den Parsifal dirigieren, Richard Wagners letztes vollendetes Werk, seine Abschiedsoper. Und wenn Nelsons jetzt Vorspiel und Karfreitagszauber mit den Berliner Philharmonikern aufführt, scheint es zuweilen, als imaginierte er sich bereits in die Bayreuther Weihestätte hinein. Und so kommt es vielleicht, dass diesmal alles ein bisschen größer und mächtiger ist, als man es gemeinhin vom enthusiastischen Tiefenschürfer Nelsons kennt. Das Parsifal-Vorspiel etwa eröffnet mit einer sehr dichten, durchaus massigen Streicherdecke und führt in eine Interpretation, die der Anweisung „Sehr langsam“ mit vorauseilendem Gehorsam zu begegnen scheint. So schleppend und regelrecht träge und zugleich in weiten Teilen bleischwer, so ganz ohne lichte Momente und irgendeine Form elegischer Leichtigkeit hört man diese Musik selten. Woher Nelsons die Eingebung nimmt, hier derart viel Schärfe einzustreuen, erschließt sich ebenso wenig. Der „Karfreitagszauber“ gelingt nur punktuell besser. Auch ihn lässt der Dirigent sehr langsam und muskulös spielen. Er zieht weite Bögen, erlaubt den Streichern streckenweise das Breitwandformat und erzeugt einen eher trägen Fluss, den lediglich die Holzbläser hin und wieder aufzuhellen vermögen. Vom Zauber einer erwachenden Natur und dem Staunen darüber, teilt sich dem Zuhörer nichts mit.

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Keine guten Vorzeichen also für Anton Bruckners dritte Symphonie, die nicht nur deshalb als „Wagner-Symphonie“ bekannt ist, weil er sie dem bewunderten Meister widmen durfte. Aber Nelsons hat sich längst als Spezialist für die symphonischen Mammutwerke der Spätromantik etabliert (in einigen Tagen wird er auch in Deutschland mit „seinem“ Boston Symphony Orchestra Mahlers Neunte spielen) und bewiesen, dass er es vermag, in die oft undurchsichtigen Komplexitäten dieser Überwältigungswerke einzusteigen und sie dem Zuhörer auf alles andere als anbiedernde Weise zugänglich zu machen. An diesem Abend jedoch geht der Lette einen anderen Weg: Er „befreit“ die Dritte von jeglichem Anschein eines „roten Fadens“, reduziert seine narrative Richtung auf ein Minimum. Stattdessen schneidet er den symphonischen Körper auf und zeigt uns, woraus er besteht. Er knallt die Komplexität des Werks und seine innere Disparatheit mit einer Konsequenz auf die Bretter der Philharmonie, dass das Publikum erst einmal zurückweicht. Eine Operation am offenen musikalischen Herzen. Nelsons erlaubt uns, näher heranzutreten. Und siehe da: Es gibt Erstaunliches zu entdecken.

Der Kopfsatz beginnt mit bestechender Durchsichtigkeit: Jedes Detail ist zu erkennen, jede Stimme zu hören. Das ist zuweilen am Rande der Unschärfe, so viel geht da gleichzeitig vor. Millionen Farben flirren durch den Saal, ein musikalischer Kosmos tut sich auf, den zu durchschreiten unmöglich ist. Er enthält Leben von einem Reichtum, dass es sich gar nicht erfassen lässt, aber auch explosionsartige Kraftausbrüche, lange, kaum auszuhaltende Momente vollkommener Stille, mächtige Verdichtungen, schmerzerfüllte Schärfe und ungeheuer lichte Naturgesänge, er umfasst innere Einkehr und spannungsreiche Dramatik. Ein Mammutsatz, den Nelsons nochmals größer macht, gerade weil er so tief hineingeht und seine komplexe Struktur und die unzähligen Bausteine, aus denen er gemacht ist, ans Licht holt.  Hier ist nichts poliert, sondern alles unmittelbar, von einer Rauheit, die mitunter verblüfft. Nelsons lässt die Philharmoniker den Kontrastreichtum der Msuik klar herausarbeiten, aber verweigert das verbindende Narrativ. So haben wir wenig mehr als die musikalischen Keimzellen, aus denen wir selbst ein ganzes machen müssen.

Ein irritierender, aber auch ungemein anregender Ansatz, den Nelsons konsequent durchzieht. So wirkt der langsame Satz erstaunlich unruhig, wird entstehendes Fließen immer wieder aufgebrochen, ist hier nichts Oberfläche, sondern agieren stets mehrere Ebenen gleichzeitig. Diese Musik ist auch in vermeintlichen Ruhephasen immer aufgewühlt und voller Widersprüche. Das Scherzo ist purer Kontrast. Hier das treibend bedrohliche Pochen der tiefen Streicher, dort ein fahler, sich selbst nicht geheurer Walzer, am Ende ein Satzschluss voll aufgestauter Energie. Die sich auch im Finale nie ganz abbaut. Dieses kommt erstaunlich aggressiv daher, wie auch die vorherigen Sätze immer wieder durch streckenweise regelrecht schmerzende Schärfe auffielen. Alles ist aufgewühlt, die musikalische Vielfalt, der Kosmos an Stimmen und Klangfarben liegt unkommentiert und ungefiltert vor uns. Die Episoden hält kein Narrativ zusammen, am Ende schreit das Blech, während es strahlt und die finale Kraftentladung klingt nicht wie ein letztes Wort. Es scheint, als seien wir noch lange nicht fertig mit diesem Werk, das der Begriff „Wagner-Symphopnie“ nicht einmal beginnt zu beschreiben. Große Kunst besteht auch darin, den Rezipienten zu überraschen, Erwartungen zu unterminieren, den Anhänger vor den Kopf zu stoßen. In diesem Sinn ist Andris Nelsons ein ganz Großer.

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2 Gedanken zu „Operation am offenen Herzen

  1. Donnerwetter, sehr fundierte und detaillierte Kritik.
    Kann es sein, dass wir in Block B nebeneinander saßen?

  2. Da ich in Block B (Reihe 5) saß, ist das zumindest nicht ausgeschlossen. Und vielen Dank fürs Lob.

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