Ein Sprachkurs für Europa

Nach Jaroslav Hašek: Kauza Schwejk / Der Fall Švejk, Wiener Festwochen / Theater Bremen / Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Josef Schwejk, der Held des Weltbestsellers des tschechischen Romanciers Jaroslav Hašek ist längst zum Synonym geworden: für den einfachen Mann, der ins große Weltgetriebe gerät und alles tut, um unbeschadet wieder herauszukommen, und der dabei mit Witz und Schläue die Lächerlichkeit der Kriegs- und Heldenrhetorik der Mächtigen entlarvt. Er ist der „kleine Mann“, der Überlebenskünstler, der Stachel im Fleisch der Narrative von Gut und Böse, ein Eulenspiegel des 20. Jahrhunderts. In  der Bearbeitung des tschechischen Regisseurs Dušan David Pařízek bleibt er abwesend. Hier spricht er nicht, hier wird über ihn gesprochen. Und vor allem gerichtet. Die Handlung? Ein General will den vermeintlich Fahnenflüchtigen hängen lassen, ein Kadett versucht, zumindest den schein des Rechtswegs zu wahren, drei Tchech*innen, eine Art Verteidigerin und zwei Zeugen, sowie ein ungarischer Zeuge der Anklage verkomplizieren die Sache. am Ende ist kein Schuld- oder Freispruch gefallen, die Lage aller Beteiligten im Schwebezustand.

Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

Wir befinden uns im Herz der Bürokratie: Gesetzesextrakte, Dienstanweisungen und Vorschriften hängen von der Decke und werden immer wieder per Overhead-Projektor an die rückwärtige Leinwand geworfen. Davor tobt der Disput: Hier der cholerische Machtmensch (mühelos zwischen charmantem Wiener Schmäh, despotischem Brüllen und eisiger Kälte wechselnd: Martin Baum), der Hängen als notwendiges und legitimes Disziplinierungselement betracht, ein hemmungsloser Rassist und Anti-Semit, der aus seiner Ünberlegenheitsrhetorik die Legitimation für einen Krieg nach innen wie außen schöpft, der sonst jeglichen Sinn verloren hat. Dort das kleine Würstchen Biegler, den Peter Fasching mit einer charakterlichen Biegsamkeit ausstattet, dass es den Zuschauer fröstelt. Er beginnt als beflisseneer Speichellecker und endet als Hassrhetoriker, der mit einem später Karriere machenden österreichischen Weltkriegssoldaten nicht nur den Vornamen Adolf gemeinsam hat. Ihnen gegenüber stehen die Soldaten Marek und Vanek (Satiriker mit versteinerten Gesichtern: Vladimír Javorský und Jirí Cerný), subversive Spötter, durch die Schwejk auch dann anwesend ist, wenn man ihn ausschließt. Dazwischen hängt Oberleutnant Lukášová, die Ivana Uhlírová als dauerangespannte Verfechterin von Menschenwürde und (tschechischer) Identität spielt, die gleichzeitig der brutalen Machtmechanik nicht zu entkommen vermag.

Diese spielt Pařízek genüsslich aus. Fink faltet Biegler zusammen, lehrt Lukášová das Salutieren, quält und erniedrigt sie und ihre Landsleute und stoppt den Kadetten nicht, wenn er versucht, das Gleiche zu tun. Wenn das alles nicht hilft, hetzt er Tschechen und Ungarn aufeinander, in einer Art Stellvertreterkrieg, der schnell vergessen lässt, wo der eigentliche Gegner steht. Die Geburt des Krieges aus der Bürokratie: So ließe sich der Abend vielleicht zusammenfassen. Menschenleben zählen nichts, alle sind Marionetten, selbst die, die wie Fink meinen, die Fäden in der Hand zu halten. Jeder dürstet nach Macht, die sich ausschließlich darin zeigt, jemanden treten zu können. Ob der eifrige Karrierist Biegler oder die stoischen Entlarver Marek und Vanek: Manipulativ sind sie alle, auch wenn sie sich natürlich nicht über einen Kamm scheren lassen, denn die Hierarchie bleibt klar: Oben die deutsch-österreischischen „Herrenmenschen“, unten die tschechischen Lakaien. Nur bleibt die Frage, wie es aussähe, wären die Rollen vertauscht, unbeantwortet. Oder auch nicht.

Von Einheit Europas ist hier zumindest nichts zu spüren. Stattdessen werden Ressentiments gepflegt und geschürt, und das beileibe nicht als Einbahnstraße, machen die am unteren Ende der „Nahrungskette“ durchaus eifrig mit. So ergehen sich die „Vertreter“ der unterschiedlichen Nationalitäten auch selbst im Ausstellen von Klischees (der schlaue, gewitzte Tscheche ist natürlich ein ebensolches) und wenden sich nur zu gern dem leichteren „Gegner“ zu, vergessend, dass er eigentlich ein Verbündeter sein sollte. Auch das Publikum lässt sich nur zu gern hinreißen, dem freundlichen Gesicht der Menschenverachtung auf den Leim zu gehen (durch Mitklatschen) oder die Konflikte beim ersten schönen Schein zu vergessen. So in einer Schlüsselszene, der vermeintlichen Pause, in der die Darsteller erst gemeinsam Musik machen und sich dann unters „Volk“ mischen, Freibier und Gulasch ausgeben, nur um die nette Harmonie gleich darauf als zynischen Schachzug zu entlarven. Aber eben auch als Hoffnungsschimmer: Denn ist es nicht dieses unverkrampfte Miteinander, das am ende dafür sorgen würde, dass wir nicht mehr in erster Linie darauf achten, was uns trennt. Die „Pause“ als optimistischer Gegenentwurf.

Dušan David Pařízeks Schwejk-Abend, wenngleich ein wenig zu lang und geschwätzig geraten, zeigt auf reduzierte wie virtuose Weise, wie sich Konflikte, Wut und Ressentiments schüren, halten und instrumenatalisieren lassen. Der erste Weltkrieg passt da ebenso ins Bild wie die Gräben, die sich derzeit angesichts des Flüchtlingszustroms auftun. Auch die Geburt des Wutbürgers aus der künstlichen Erschaffung beliebiger Feindbilder lässt sich beobachten. Ein Schlachtfeld ist die Sprache: Den ganzen Abend hindurch werden Aussprachen korrigiert, meist von Fink, später auch von Biegler. Wer die Macht über die Sprache hat, dem gehört jene über das denken und letztlich auch über das Handeln. Immer wieder einzelne Wörter wiederholen zu lassen, lenkt von dem ab, was der Belehrte zu sagen hätte, die Sprache wird zur tyrannischen Machtkeule, das kultivierte Nichtverstehen zum Instrument, das den Status Quo erhält. Wobei Kauza Schwejk / Der Fall Švejk die individuelle Verantwortung nicht leugnet, die Entschuldigung vom Rädchen im Getriebe nicht gelten lässt. Die Fäden, an denen wir hängen, ließen sich schon durchtrennen. Aber so ist es natürlich einfacher. Da folgt man auch einem Adolf.

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