Nahe am Leistungssport

Anna Vinnitskaya, Marek Janowki und das RSB spielen alle drei Klavierkonzerte von Béla Bartók in einem Programm

Von Sascha Krieger

Große Ereignisse, so sagt man, werfen ihre Schatten voraus. Vielleicht ist es so zu verstehen, dass das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und sein kürzlich zurückgetretener langjähriger Chefdirigent Marke Janowski gemeinsam mit der russischen Pianistin Anna Vinnitskaya ein Konzertprogramm entwickelt haben, das vor allem für die Solistin geradezu olympische Ausmaße hat. Drei Klavierkonzerte in einem Programm, und dann auch die nicht nur physisch ungemein fordernden drei Genrebeiträge Béla Bartóks – das ist schon nahe am Leistungssport. Immerhin gönnt man sich zwei Pausen, und trotzdem ist das Schwerstarbeit. Auch interpretatorisch. Das gilt vor allem für die ersten beiden, die, an der Oberfläche so ähnlich, denn doch erhebliche Unterschiede aufweisen. Bei Vinnitskaya dominiert ihre Verwandtschaft. Nachdem sie im Kopfsatz des ersten Konzerts die alles dominierende Rhythmik zu Gunsten einer zuweilen mäandernden Suchbewegung, die dem musikalischen Material, das sonst oft unter der perkussiven Kraft zu verschwinden droht, gar nicht schlecht tut, reduziert, findet sie schnell zu einem harten, dann eben doch überaus perkussiven Gestus, der sich durch ihr Spiel ziehen wird. Das auch subtil sein kann: Stark etwa der Beginn des zweiten Satzes, den sie gemeinsam mit dem hellwachen und hoch transparenten Orchester bis an den Rand der Fragmentierung bringt. Hier werden die Brüche sicht- und hörbar, die Bartóks Musik eben auch ausmachen. Die musikalischen Traditionen sind als Sicherheit spendende Formprinzipien obsolet geworden, die Gewissheit einer neuen Ordnung, die etwa die Schule um Schönberg antrieb, teilte er nicht.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Bild: Felix Broede)

Hier zeigt sich, dass Vinnitskaya, wie auch Janowski, über einen durchaus scharfen analytischen Blick verfügt, dem sie in diesem Marathon aber zu selten zu folgen vermag. Vor allem der Schlusssatz ist pure Energie und Rhythmik, von der prägenden Polyphonie des Satzes ist wenig zu hören, hier reduziert sich Bartóks Kraft weitgehend auf das Perkussive. Das Orchester setzt auf Transparenz, eine deutliche Heraushebung der unterschiedlichen Klangfarben – mal setzt Bartók nur auf Streicher und Schlagwerk, mal nur auf die Bläser – einen schlangen, durchsichtigen und ungemein variablen Klang. Dass kollidiert zuweilen mit dem Solopart, etwa gegen Ende des Kopfsatzes, und ordnet sich zu oft unter. Etwas affirmativer könnte der Klangkörper schon agieren.

Das zweite Konzert gerät hier zu einer Fortführung des ersten. Harte, treibende Rhythmik dominiert ihn, wobei Vinnitskaya klar die Führung übernimmt. Ihr Spiel ist mal sehr hart, dann wieder recht hallig, eine rote Linie nicht durchgehend erkennbar. Die Anstrengung, die ihr das abverlangt, ist mitunter hörbar. Das Orchester agiert transparent und nuanciert, wird aber stark vom Solopart dominiert. Das ist auch im langsamen Satz so, wo Vinnitskayas aggressives Spiel den Zauber des anfänglichen Schwebens der Streicher fast vergessen macht. Für Fragezeichen, für Brüche in der vorwärtseilenden Energie ist hier wenig Platz. Immerhin finden Solistin und Orchester in der zweiten Satzhälfte zu etwas wie einem Dialog, der im Schlusssatz wieder weitgehend verschwindet. Da driften sie auseinander: Vinnitskaya spielt hyperaggressiv, während das Orchester den Farbenreichtum der Partitur erkundet und bisweilen gar zur Unschärfe tendiert. Da passt es ins Bild, dass auch das Ende dahingehastet wirkt.

Die größte Herausforderung nach diesem „Vorspiel“ ist es dann, den komplett unterschiedlichen Charakter des dritten Konzert s zu finden, das statt vom Primat der Rhythmik nicht zuletzt von Bartóks Beschäftigung mit der Volksmusik lebt. Vinnitskaya tut sich spürbar schwer mit dem völlig anderen Charakter des Werks. Vor allem im Kopfsatz: Da ist ihr Anschlag zu hart, ihr Spiel zu aggressiv, die Umschwünge zu extrem, verliert sie sich zuweilen in Unschärfen, während das Orchester die Kontraste besser dosiert, die scharfen Kanten auch melodische Entwicklung zulassen. Vinnitskaya pendelt in der Folge zwischen perkussiver Rhythmik und melodischem Fluss, was ihrem Spiel eine gewisse Unentschiedenheit verleiht. Auch wenn sich gegen Ende etwas Schwung einstellt, fehlt dem Satz jegliche Andeutung von Leichtigkeit, die sein musikalisches Material eigentlich auszeichnet.

Auch im zweiten Satz spielt sich Anna Vinniskaya zunächst etwas fest, nähert sich ihr Spiel zuweilen einem Stakkato. Je gesanglicher das Material wird, desto besser findet sie sich darin zurecht, auch wenn ihr Anschlag die Härte nie ganz verliert. Das Orchester spielt nuanciert und durchsichtig, erzeugt zu Beginn einen lichten, sachten Streicherklang und akzentuiert gegen Ende die kantable Melodik mit behutsam glitzerndem Holzbläserklang. Das vor Energie berstende Finale gelingt beiden dann am besten. Vinnitskaya fühlt sich im treibenden, rhythmisch dominierten Spiel am wohlsten und Marek Janowski erlaubt dem über weite Strecken stark zurückgenommenen Orchester stärkere Verdichtungen und Kraftentladungen. Da funkeln die Klangfarben, stellt sich eine Vielgestaltigkeit ein, die dem Programm sonst weitgehend fehlt, ein musikalischer Kosmos, der auch zwischen den Zeilen Lesenswertes bietet. Solistin und Klangkörper treten in einen Dialog , erlauben sich ein wenig Dramatik und bringen das Werk zu einem explosiven Ende. Für den Zuhörer ist es das eines zwiespältigen Programms. So analytisch und nuanciert das Orchester spielt und so groß die Virtuosität der Solistin ist, so uneinheitlich ist doch die musikalische wie interpretatorische Qualität, zumal beide Parteien nicht immer zusammenfinden. Auch die unterschiedlichen Welten, in denen Bartóks Klavierkonzerte leben, erschließen sich nur punktuell. Eindrucksvoll ist insbesondere die Leistung der Solistin Anna Vinnitskaya allemal, doch wäre hier weniger wohl doch mehr gewesen.

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