Hund ohne Boden

Nach Michail Bulgakow: Hundeherz, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Lilja Rupprecht)

Von Sascha Krieger

Michail Bulgakow schrieb seine Erzählung Hundeherz im Jahr 1925. Erscheinen konnte sie in seiner russischen Heimat erst mehr als 60 Jahre später, 1987, mitten im Tauwetter der Perestroika. Dafür gab es natürlich Gründe: Es ist die Geschichte von einem Wissenschaftler, der einen herrenlosen und misshandelten Hund mit nach Hause nimmt, ihm Hypophyse und Hoden eines Menschen, genau genommen eines verstorbenen Alkoholikers, einpflanzte, um herauszufinden, ob sich damit der Organismus des Tieres verjüngen ließe. Das Ergebnis ist ein anderes: Der Hund wird komplett vermenschlicht und nimmt am Ende gar den Charakter des unfreiwilligen Spenders an. Bulgakows Verleger und der von ihm konsultierte – und später von Stalin ermordete – Lew Kamenew, damals einer der drei mächtigsten Männer  der Sowjetunion, verstanden die Anspielung sofort: Zu den großen Visionen des jungen Sowjetstaates gehörte die Erschaffung des „neuen Menschen“, eine Art „Übermensch“, intelligenter, fähiger, vernunftbegabter, rundum optimierter als der als ungenügend eingestufte Homo Sapiens. Ein Traum, den später auch ein anderes totalitäres Regime träumte, auch wenn die Mittel zur Erreichung des Ziels andere waren. Diese Idee karikierte Bulgakow, führte sie ad absurdum, machte sie lächerlich. Veröffentlichen ließ sich das im Jahr drei der Ära Stalin natürlich nicht.

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Aus der Welt ist sie bis heute nicht: Sie findet sich wieder im Selbstoptimierungswahn der Gegenwart. Tagtäglich versuchen Millionen Menschen sich zu verbessern, mental wie körperlich, die Grenzen des Menschseins immer weiter auszudehnen. Auch die Versuche, beispielsweise auf genetischem Weg, vermeintliche Schwächen und Fehler der Spezies Mensch zu „korrigieren“, gehören keineswegs der Vergangenheit an. Genügend Anknüpfungspunkte also für Lilja Rupprecht, die Bulgakows Erzählung jetzt auf die Bühne der Box, der kleinsten Spielstätte des Deutschen Theaters, bringt. Doch nein, um Vergegenwärtigung geht es ihr nicht, genauso wenig wie um eine Einbettung in den historischen Kontext der Vorlage. Stattdessen macht sich Rupprecht daran, die Geschichte mit soviel theatralem Aufwand wie möglich nachzuerzählen. Natali Seelig spielt den Hund Bello, der zum Menschen Bellow wird, mit ebenso rustikalem wie routiniertem Enthusiasmus. Ihr gehört der erste Teil, der auch bei Bulgakow aus der Sicht des Hundes erzählt ist. Dazu spricht sie grimassierend in ein Mikrophon, während die Begegnung mit dem Professor (ein reichlich unterforderter Helmut Moshammer) aus Hundesicht auf die Rückwand der hölzernen Wohnungs- und Untersuchungszimmerandeutung (Bühne: Anne Ehrlich) projiziert wird.

Es wird viel mit Live-Video gespielt (Moritz Grewenig), die Szenen zwischen Bühne und Video aufgesplittet, was die Differenz zwischen existenzieller Wahrheit (das Schicksal des Hundes) und menschlicher Hybris (das sich per Video verewigende Forscher-Team) vorführt. Doch auch das verpufft schnell, scheint es doch wichtiger, den nächsten Regiekniff auszuprobieren, als eine stringente Haltung zum verwendeten Stoff zu entwickeln. Das zeigt sich auch in der Operations- und Transformationssequenz: Da findet sich ein dreifacher Bello zuckend und vom Moloch der verderbten Moderne fabulierend vor einer Art Sog-Projektion, wird später die Bühne bis zur Erschöpfung gedreht, während aus dem operierten Hund ein unangenehmer Mensch wird, ein perverser Kreislauf anstelle des intendierten Fortschritts. Nur fehlt diesen durchaus aufwendigen Illustrationen und schlüssigen Bildern eben das Fundament, spielt die Geschichte im luftleeren Raum, auch wenn die stalinistische Hausgemeinschaft Druck auf den freigeistigen Arzt auszuüben beginnt. Das scheint auch die Regisseurin zu merken und hastet gegen Ende zunehmend dem ende entgegen. Die Geschichte wird hektisch heruntergespult, erschöpft sitzen die selbsternannten Menschheitserneuerer vor der nun projektionsfreien Holzwand, bar jeder Visionen und Illusionen – auch das ein Bild, das wirken könnte, hätte es einen ideellen Bezugspunkt.

Was bleibt, ist eine zunächst virtuos, wenn auch in seinen viel zu frühen Perspektivwechseln und der verkrampften Effekthascherei inkonsequent erzählte und überhastet zu Ende gebrachte Geschichte, die uns nichts zu sagen vermag. Da ist der generöse Griff in die Regietrickkiste mit Live- und sonstigem Videoeinsatz, illustrierender Musikbegleitung und cleverer metatheatraler Szenenaufspaltung wenig mehr als Selbstzweck. Anknüpfungspunkte an die Gegenwart werden ignoriert, der ideologische Ballast der Entstehungszeit abgeworfen. Nur bleibt dann eben nichts als bedeutungsentleertes Vakuum. Lilja Rupprechts Hundeherz ist solides und äußerst aufwendiges Kunsthandwerk, das sich bestenfalls um sich selbst dreht. Eine vertane Chance und nicht die erste in dieser Spielzeit am Deutschen Theater.

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