Tanz den Tolstoi

Gob Squad: War an Peace, Münchner Kammerspiele / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Von Sascha Krieger

Es ist alles sehr schön freundlich bei Gob Squad. Die vier Darsteller*innen (an diesem Abend Sean Patten, Tatiana Saphir, Laura Tonke und Bastian Trost), gehüllt in seltsam fleischfarbene Kleider im Stil des späten 19. Jahrhunderts stellen einige Zuschauer einzeln vor und begrüßen sie zu ihrem Salon. Drei der so Präsentierten dürfen gleich vorn am Bühnenrand an einer Tafel Platz nehmen. Gemeinsam geht es hinein in die Tolstoische Welt der Salons – der Abend ist eine Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden – und des schönen Scheins. Man plaudert – etwa darüber, ob man seine Partygäste nach dem Kriterium auswählen sollte, ob sie den Gastgeber gut aussehen lassen; Laura Tonke testet das gleich mit ihrem chilenischen Gesprächspartner und kommt zu der Schlussfolgerung, dass er akzeptabel sei als Gast. Dabei übt und exemplifiziert man die von Tolstoi vorgeführte „Kunst des Gesprächs“, liest sich ein wenig aus dem Buch vor. Ein wunderbar leichter, spielerischer Beginn, der über Sein und Schein, über die Realitsverweigerung einer Gesellschaft, die sich selbst genügt, während um sie herum die Hölle losbricht. Der Frieden, der hier zu sehen ist, wurde erkauft mit dem Sterben der anderen, er ist ein Frieden des Wegschauens. Vollkommen unzeitgemäß ist ein solcher Blick nicht.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Der Krieg, er ist hier Futter für die Unterhaltung. Ein echtes (?) Schwert aus den napoleonischen Kriegen sorgt für wohligen Schauder, die wichtigsten Figuren erscheinen wie in einer Modenschau auf der ambivalenten Bühne (Romy Kießling), in deren Mittelpunkt ein mit weißen Vorhängen drapierter Pavillon ist, der auch an das Zelt in einem Heerlager erinnert. Das Publikum misst gemeinschaftlich den eigenen Puls – Hurra, wir leben noch! – während sich Zar Alexander und Napoleon streiten, wer denn der bessere Entertainer sein. Dazu wird Harfe gespielt, er erklingt pathetische Filmmusik und Bastian Trost tanzt Tolstois „Tanz der Geschichte“ mit einem Band aus der Rhythmischen Sportgymnastik. Alles ist Entertainment, vor allem der Krieg, der zur Heldengeschichte verklärt ist. das Sterben wird ausgeblendet. Oder Tolstois Geschichtsphilosophie vom Menschen als Rädchen im Weltgetriebe (unzulässig vereinfacht), die auch zum cleveren Mitmachspiel wird. Gob Squad visualisiert, veranschaulicht, spielt – und macht dabei ungeheuer Spaß. Dabei nimmt das Kollektiv in Kauf, dass die Schraube zuweilen etwas zu weit gedreht wird. Die Gegenwart auf den Gegensatz von Katzenvideos (scheinheiliger „Frieden“) und den IS-Terror (Krieg) zu reduzieren, ist natürlich ein wenig zu einfach und plump.

Ansonsten ist der Abend eine einzige Assoziationskette, eines führt zum nächsten – Gewalt, exemplifiziert in einem Duell und karikiert als Apfeless-Wettbewerb führt über die Apfel-Metapher zur Frage nach dem Warum von Kriegen zum Philosophieren über Ursachen im allgemeinen zur Willkür des Todes zur Frage, wie wir sterben wollen, zu Lenin, den Großvätern und zur Perversion moderner Prominenz, die von Ronald Reagan (Krieg) bis zu One Direction („Frieden“) reicht. Der Grundgestus ist ein ironischer, in seiner Grundfreundlichkeit hinterhältiger. Denn das harmlose Spiel, der freundliche Ton, das gelöste Gelächter ziehen uns schnell hinein, machen uns – und unsere drei Repräsentanten an der Festtafel – zu Komplizen der Realitätsverweigerung und der ewigen Fortführung des blutigen Geschichtstanzes. Am ende bleiben die Bäume, stille Zeugen, welche die verstummte Menschheit – oder das, was von ihr übrig ist – an die Hand nimmt. Der Abend ist streckenweise etwas schlicht geraten, hat mit so mancher Länge und noch mehr Redundanz zu kämpfen und erzählt uns wenig Neues. Aber so, wie er es erzählt, ganz ohne Zeigefinger und zu beginn fast unbemerkt, zeigt er dann doch Wirkung. Er erzeugt ganz theatral Erkenntnis durch pures Spiel, er nimmt uns in die Pflicht und regt an nachzudenken, ob unser Glück nicht bitter erkauft ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Abend Tolstoi gefallen hätte.

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