Der verloren gegangene Kontinent

F.I.N.D. 2016 – Milo Rau: The Dark Ages, Residenztheater, München (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Es sind fröhliche Bilder, die uns Milo Rau zu Beginn von The Dark Ages, dem zweiten Teil seiner Trilogie zu Zustand, Befindlichkeiten und Komplexen dieses seltsamen Kontinents namens Europa zeigt. Eine Hochzeitsgesellschaft, strahlende, feiernde Menschen verewigt in die leicht verschneiten Bildern und verwaschenen Farben einer Videoaufnahme aus den frühen 1990er-Jahren. Vor den Bildern sitzt Sudbin Musić, ein bosnischer Menschenrechtsaktivist, der mit 18 knapp einem Massaker in seinem Heimatort entging und anschließend ein serbisches Konzentrationslager überlebt hat. Jetzt hilft er ehemaligen Leidensgenossen bei ihrer schwersten Aufgabe: weiterzuleben. Er sitzt in einem Nachbau seines Büros, voller Akten, Bücher, Bilder, Karten, Erinnerungsstützen und erzählt mit ruhiger Stimme und traurigem Blick vom Entwurzeltwerden, von den fröhlich Feiernden, von denen kaum einer noch lebt, von dem Tag, an dem er hätte sterben sollen und durch einen Zufall gerettet wurde, vom ermordeten Vater, dessen Bergung aus einem Brunnen er Jahre später beiwohnte und dessen Schädel er in den Händen hielt, von der Heimatlosigkeit des von einem Flüchtlingslager zum anderen Weitergereichten.

Bild: Thomas Dashuber

Bild: Thomas Dashuber

In The Dark Ages geht es um den Verlust von Heimat, der tatsächlichen wie der inneren, um die Leere, die folgt, wenn  dem Menschen der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Wie schon in The Civil Wars, dem ersten Teil der Europa-Trilogie, erfolgt die Bestandsaufnahme über persönliche Geschichten der Darsteller*innen, außer Musić allesamt professionelle Schauspieler*innen und Theatermacher*innen. So wie Vedrana Seksan, ebenfalls gebürtige Bosnierin, die von Jahren in der belagerten Stadt Sarajevo berichtet, Jahren ohne Strom, Gas, Heizung, einer Journalistenkarriere als Teenager im bitterkalten Fernsehstudio, einem Leben im Ausnahmezustand. „Manchmal frage ich mich, was eigentlich die besseren Zeiten waren“, sagt sie einmal. Ein Gedanke, den sie mit der Serbin Sanja Mitrović teilt, die gesteht: „Ich hatte die beste Zeit meines Lebens während des NATO-Bombardements.“ Der Krieg ist das eine, der Verlust des Sinnzusammenhangs das andere. Die Heimat, die sie kannten, existiert nicht mehr, sie ist so zersplittert, wie sie selbst in aller Welt zerstreut sind. Sie beginnt langsam, die Entwurzelung, etwa mit der Auflösung der Mädchengang, weil die Eltern der anderen den Umgang mit der serbischen Freundin verbieten.

Das Ausreißen der Wurzeln kennen auch die beiden Ensemblemitglieder des Residenztheaters, die das Quintett vervollständigen: Manfred Zapatka hat als Kind den zweiten Weltkrieg überlebt, aber die Familie verloren. Der aus dem Krieg zurückkehrende Vater war ein Fremder, die Familie zerbrach später an Erbstreitigkeiten. Ein Baum ohne Wurzeln fällt irgendwann. So auch bei Valery Tscheplanowa: Als Kind nach Deutschland emigriert, stellte die Mutter sie in den Vorgarten, um im Kontakt zu deutschen Kindern die Sprache der neuen Heimat zu erlernen. Was sie lernte, war das Schweigen. Es war der Zwischen-den-Welten-Wanderer Dimiter Gotscheff, der die schüchterne Jungschauspielerin entdeckte. Der mittlerweile Verstorbene erscheint kurz im Video, als Irrgänger des untergegangenen Europas in seiner Hamletmaschine aus dem Jahr 2007. Ein Ersatzvater, während der eigene zum Phantom wurde. Auch er erscheint per Video, stumm, rätselhaft lächelnd. Auch er ein Magier des Schweigens, ein Verlorengegangener wie sie alle auf dieser Bühne. Überhaupt die Väter: Der Verlust des Vaters ist ein Leitmotiv des Abends und spielt in jeder der Geschichten eine Schlüsselrolle. Er steht für das verlorene Fundament, das Herausgerissensein aus der Welt.

Milo Rau lässt den Geschichten der fünf viel Zeit und Raum, den das erzählte in seiner konzentrierten Sachlichkeit mühelos zu füllen imstande ist. In ihnen wird das individuelle wie kollektive Trauma von Entwurzelung und Heimatverlust sicht- und spürbar, da, wo es wirklich schmerzt: im Erleben des Einzelnen. In seiner Trilogie versucht Milo Rau, die jüngere europäische Geschichte aus den kleinen, mal banalen, mal tragischen Geschichten heraus zu schreiben , die Wunden, an denen der Kontinent noch heute leidet, die Narben, die jederzeit wieder aufbrechen können, greifbar zu machen. Das gelingt so lange er die Darsteller*innen erzählen lässt. Doch er sucht auch die formale Strenge, das narrative Korsett, die Distanzierung durch Einpassung des Erzählten in eine feste Struktur. Dem dienen die fünf Kapiteln mit aufs Universelle abzielenden Titeln wie „Versuch über das Böse“ oder „Die Lebenden und die Toten“, die brüchig pathetische Musik der Bosnierin und Serbin in Schlüsselerlebnissen vereinenden Band Laibach, die etwas plumpen  oder die Rückseite des Bühnenbild, ein steinerner Zwitter aus Rednerpult à la Reichsparteitagsgelände und anonymem Kriegermahnmal.  Die strukturierenden Eingriffe sollen die individuellen Geschichten ins Allgemeine wenden und haben doch nur den Effekt, die Unmittelbarkeit des erzählten und erinnerten aufzuweichen. Sie sind auch gar nicht nötig, die Geschichten, erzählt ohne jedes Pathos, in ruhigem, sachlichem, fast nüchternem Ton, führen den Zuschauer, der eher ein Zuhörer ist, weit hinaus über das Individuelle, lassen ihn blicken in den Abgrund, an dem Europa gebaut ist. Hier wäre weniger mehr gewesen. Eindringlich und schmerzhaft erhellend ist der Abend aber auch so.

 

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