Das Leben ist ein schwebender Müllsack

F.I.N.D. 2016 – Dead Centre: LIPPY (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt irritierend. Autor und Regisseur Bush Moukarzel kommt auf die Bühne und begrüßt das Publikum – zum Nachgespräch eines Stückes, das es angeblich gerade gesehen habe. Schauspieler Dan Reardon tritt hinzu und man spricht über ein Stück, das die Zuschauer nicht gesehen, Szenen, die sie nicht einordnen können. Das Publikum muss versuchen sich zurechtzufinden, zu verstehen, was hier vorgeht, sich klar zu werden, dass Verständnislücken bleiben werden. Das Scheitern, das in jedem Versuch verstehen zu wollen immer schon inbegriffen ist, bildet das Zentrum von LIPPY, der dritten Produktion der irischen Theatergruppe Dead Centre. Die metatheatrale Ebene gehört zu den bevorzugten Ausdrucksmitteln der Gruppe – hier bildet sie den Ausgangs- und Einstiegspunkt in den 80-minütigen Abend. Die Illusion, dass das Theater erklärt, Verständnis und Erkenntnis produziert, den Zuschauer an die Hand nimmt und Antworten gibt: Die Ausgangssituation, die wie auch die ihrer neuesten Arbeit Chekhov’s Last Play, mit dem vermeintlich Improvisatorischen spielt, führt diese Erwartungshaltung genüsslich ad absurdum. Natürlich wird bald klar, dass hier alles gespielt ist, Teil des Stücks, der angebliche Tonmann ein Schauspieler, und doch ist da diese kurze Phase des Begreifens, während derer der Boden, auf dem der Zuschauer steht, unsicher, ambivalent ist. Und danach? Bleiben die Fragezeichen.

Bild: Jeremy Abrahams

Bild: Jeremy Abrahams

Schnell führt das Gespräch über das nicht gesehene – und nicht vorhandene – Stück zur Nebentätigkeit des interviewten Schauspielers. Denn Dan Reardon beziehungsweise die Figur, die seinen Namen trägt, ist Lippenleser und war als solcher involviert in die versuchte Aufklärung eines Selbstmordpaktes von drei Schwestern und ihrer Tante im irischen Leixlip unweit der Hauptstadt Dublin. Ein wahrer Fall, ein fiktives Szenario, Theater als Spiel und seine eigene Dekonstruktion: Von Beginn an türmen sich die Reflexions- und Realitätsebenen übereinander, bringen einander zum Einsturz, finden sich in einander wieder. Reardon spricht davon, wie sehr das Lippenlesen Interpretation ist, dass es letztlich der Lippenleser ist, der den Objekten seiner Tätigkeit die Worte in den Mund legt. Ihre und seine Worte verschmelzen, verschwimmen, die Wahrheit löst sich auf in Interpretation. Was als Interview beginnt und sich als eine Art Lecture Theatre fortsetzt, wird nach einem der für Dead Centre so typischen harten Brüche zu einem Re-Enactment, einer klassisch theatralen Spielsituation.

Sie beginnt als stummes Geisterspiel in gespenstischem Zwielicht. Hinter der bisherigen Videowand öffnet sich ein Raum, darin vier dunkle Gestalten, zahlreiche Müllsäcke, von denen vier in den Händen der Figuren zu schweben beginnen. Ein surreal poetisches Bild voller Rätsel. Es sind Rätsel, die sich nicht lösen lassen. Bald geht das Licht wieder an, die vier werden zu Tatortermittlern in Schutzanzügen, denen dann die vier Protagonisten der zuvor gehörten Geschichte entsteigen. Meist stumm und in Zeitlupe spielen sie das Warten auf den Tod. Perspektiven verschieben sich – so wird die Seitenwand irgendwann zum Fußboden – Stimmen emanzipieren sich von ihren Körpern oder die Darstellerinnen bewegen nur den Mund zu Off-Stimmen, der Lippenleser fällt in die Szenerie. Die Ebenen haben sich ineinander verkeilt, statt Äußerungen der zu Enträtselten verkeilen sich Interpretationen ineinander. Wer spricht? Wer erzählt? Wessen Worte hören wir? Irgendwann der nächste Bruch, ein Mund in Großaufnahme, ein langer Monolog über das Erinnern und Vergessen und die Sehnsucht nach dem Tod, aber auch über die Nicht(mit)teilbarkeit von Leben und Sterben. Beides sind einsame Beschäftigungen, die jeder allein durchzustehen hat. Der Andere ist nicht zu durchschauen, nicht zu verstehen. Oder andersrum: Wahre Kommunikation ist unmöglich und wird doch zwanghaft immer wieder versucht. Die Schwestern haben alle Dokumente zerstört, was die Übriggebliebenen nur noch mehr anspornt, ihre Geschichte zu erfahren.

Also interpretiert man sie, liest Lippen, erfindet Briefe, imaginiert besagten Bekenntnismonolog, der natürlich bewusst Samuel Becketts Ich-Entäußerung Not I zitiert. Das Theater als Ort des Scheitern jeglicher Verstehensversuche, als Spiegel einer Welt, deren Obsession, alles durchleuchten und durchdringen zu müssen, sich selbst unmöglich macht, weswegen wir Geschichten erschaffen müssen, die an die Stelle echter Erkenntnis treten. LIPPY ist ein verstörendes, überaus sperriges Labyrinth des Nicht-Verstehens, in dem Theater und Realität in ein ambivalentes Spannungsverhältnis treten, so undurchschaubar wie die zu entziffernde menschliche Natur. Man kann LIPPY vorwerfen, dass der Abend die behauptete Unmöglichkeit wirklicher Erkenntnis zu absolut setzt, in seiner Analyse der Durchdringung von Investigation und Interpretation, die sich auf alle Ebenen menschlicher Welterfahrung herunterbrechen ließe, ist er ebenso scharf wie in der fast trotzigen Selbstbehauptung des Theaters als Ort, der Fragen stellt und Antworten verweigert. Und der die Möglichkeit eröffnet, dass die Antwort in der Frage liegen könnte. Man weiß es nicht.

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