Europa im Spiegel

Nach Federico Fellini: Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Beier) – eingeladen zum Theatertreffen 2016

Von Sascha Krieger

Federico Fellinis Film E la nave va (deutsch: Fellinis Schiff der Träume) ist ein Abgesang auf das alte Europa, ein in Realitätsverweigerung und Selbstgerechtigkeit erstarrter Kontinent, der blinden Auges in die Katastrophe steuert und sich dabei auch noch auf der guten Seite wähnt. Fellinis Film spielt am Vorabend des ersten Weltkriegs: Eine bunte Künstlergesellschaft hat sich zur Seebestattung einer Operndiva versammelt, als das Schiff serbische Schiffbrüchige aufnimmt, die sich als fliehende Nationalisten entpuppen. Am Ende werden diese einem österreichisch-ungarischen Kriegsschiff übergeben und der Luxusdampfer geht unter. Nicht wenige meinen, dass Europa auch heute wieder am Scheideweg steht, der Kontinent, wie er in den letzten siebzig Jahren wieder aufgebaut wurde, dem Untergang geweiht sei. So ist es wohl zu erklären, dass so manches deutschsprachiges Theater Fellinis Film als Vorlage wiederentdeckt. Karin Beier hat am Deutschen Schauspielhaus den Anfang gemacht, was ihr eine wohlverdiente Einladung zum Theatertreffen eingebracht hat. Sie reinterpretiert Fellinis Weltkriegsparabel vor dem Hintergrund der so genannten Flüchtlingskrise und Europas Unfähigkeit, die behaupteten eigenen Werte zu verteidigen.

Gastiert im Mai beim Theatertreffen 2016: Schiff der Träume (Bild: Matthias Horn)

Gastiert im Mai beim Theatertreffen 2016: Schiff der Träume (Bild: Matthias Horn)

Die operndiva ist bei ihr ein Dirigent, die Trauergesellschaft sein einander und ihm in inniger Hassliebe verbundenes Orchester. Zunächst sehen wir diesem bei den Versuchen zu, die eigene Erstarrung, die Beier in einem starken Anfangsbild symbolisiert: einer nach dem anderen werden fast regungslose Figuren ins Licht gerückt, um musikalische Fragmente zu produzieren, die schon lange keinen Zusammenhang mehr finden können. In der Folge zickt man sich an, ergeht sich in kleinlichen Machtkämpfen, bevor am Ende alle Hemmungen fallen und die letzten Reste Zivilisationsfassade abbröckeln. 90 Minuten geht das so, 90 Minuten, in denen eigentlich nichts passiert, in denen sich die Figuren geistig wie körperlich verrenken. Grobe Scherze auf Kosten einer Servicekraft mit Sprachfehler (großartig wie immer: Lina Beckmann) setzen das Niveau und sorgen auch im Publikum für Gelächter, das mehr als einmal die Grenze zur Hysterie überschreitet. 90 Minuten intellektuelle Prätenziosität, die eigentlich vollständige Leere ist, und in ein passt Sekunden komplett zusammenfällt, wenn Beckmanns Figur in einer unbeobachteten Sekunde  die lächerlichen Überflüssigen (im Sinne Tschechows) parodiert. Was sie selber auch schon reichlich gemacht haben, insbesondere Josef Ostendorfs polternde Giftschleuder, Charly Hübner kalter komplexbeladener Ersatzdirigent und Julia Wieningers Zynikerin, die beweist, dass der Wiener Akzent auch vollkommen uncharmant sein kann.

Dieser erste Teil ist eine bittere, groteske, schmerzhafte Farce, ein satirisches Fest existenzieller Langeweile inmitten von Johannes Schütz‘ Bühnenbild, dessen Hauptelement ein Kasten bestehend aus dreimal vier Raumquadraten ist. Wohlgesetzte Ordnung, klare Abgrenzung, erstickende Enge. Die Ordnung Europa ist die eines Gefängnisses. Eines jedoch, aus dem man nicht ausbricht. Im Gegenteil. Unfähig, die Realität überhaupt als existent anzuerkennen, kann sie sich der Schiffsgesellschaft nur nähern, in dem sie einbricht in ihr Gefängnis. Und das tut sie: Figuren wie Publikum haben sich längst eingerichtet im wohligen Selbstbeweihräuscherungsspaß, als plötzlich ein paar schwarze Männer über die Bühne laufen, um sogleich wieder zu verschwinden. Gerade noch ist das Gesellschaftsporträt in (Alb)Traumhafte gekippt, hat Ostendorf im roten Kleid Christina Aguileras „Beautiful“ gesungen und sind Clownsfische über die Bühne geschwebt, da rückt die Gegenwart den in ihrer Wirklichkeitsblase Verschanzten auf den Leib. Sofort übernehmen die „Eindringlinge“, gespielt von fünf Darstellern ivorischer Herkunft, das Kommando. Und schnell brechen die Ressentiments auf, entpuppt sich der verständnisvolle Konsens der Hilfsbereitschaft als dünne Fassade, hinter welcher der blanke Rassismus aufscheint. Verständigungsversuche sind nichts weiter als neokolonialistische Anmaßung, etwa wenn die Flüchtenden in eine Aufführung des Opus Magnum des Verstorbene eingebunden werden.

Die wohlmeinende Mehrheitsgesellschaft hat nur zwei modi operandi den Flüchtenden gegenüber: Bevormundung und Angaffen des „Exotischen“. Ob sie ihre „werte“ den Gestrandeten aufzuzwingen versuchen oder sich in einem grotesken Verbründerungsritus diesen regelrecht anbiedern: Der kolonialistische Blick auf das vermeintlich Fremde bleibt intakt und er ist immer einer der Selbstüberhöhung. So weit so klar, doch so leicht will es uns Karin Beier nicht machen. Der wirksamste Teil des Abends besteht in seinem virtuosen und zunehmend ambivalenten Spiel mit rassistischen Klischees und Vorurteilen. Die „Afrikaner“ sprühen vor Lebensfreude, ihr Vortrag und Spiel ist voller Energie und „Vitalität“, sie performen, rappen und tanzen (das vor allem). Die „afrikanische Lebensfreude“, die unbändige „Energie“, das Rhythmusgefühl, all diese Klischees und Vorurteile, spielen die Performer genüsslich aus. wie Rattenfänger ziehen sie nicht nur die Trauergemeinde, sondern vor allem das Publikum in den Bann. Dass das nicht in purer Affirmation besagter Klischees passiert, kann dem unaufmerksamen Zuschauer durchaus entgehen, sind die Hinweise gewollt subtil eingestreut. So wird der vermeintliche Bewegungsdrang ein-, zweimal zum verkrampften Zwang, aus dem sich der „Tänzer“ kaum zu befreien vermag, und weist einer der Darsteller halblaut darauf hin, dass er Schauspieler sei, kein Flüchtling. Aber nein, er ist ja Schwarzer, also arm, unterprivilegiert, Flüchtling. Zuweilen weiß man nicht, was schlimmer ist: Der offene Hass der sich überlegen Fühlenden (vor allem Katrin Wehlisch erschüttert in einer Szene ungefilterten Ressentiment-Ausbruchs samt ritualhafter Selbstkasteiung), der neokolonliastische Gestus der Möchtegernhelfer oder das unreflektierte Lachen von Teilen des Publiukums.

Auch wenn der Abend so manche Länge hat – das dann doch etwas unterkomplexe und sanft ironisierte Lecture Theatre nach der Pause etwa – ist der Spiegel, den er uns, den Wohlstands- und Kulturbürgern, deren verzerrten Entsprechungen auf der Bühne wir gezwungen sind zuzuschauen, ein ebenso unnachgiebiger wie präziser. Mann kann Karin Beier vorwerfen, dass das Spiel mit Klischees, Rollenzuweisungen und Vorurteilen zuweilen zu subtil, die Ambivalenz zu weit getrieben ist, weil sie dem Zuschauer die Option gibt, sich zurückzulehnen und das, was er sieht, nicht zu hinterfragen, doch sind die Störer, die Stachel im Unterhaltungsfleisch doch klar genug gesetzt, dem Publikum die Entscheidung abzuringen, wie es mit dem Gesehenen umgehen soll. Es ist ein Abend, der Fragen stellt, viele Fragen, nach der Basis und der Zukunft Europas, den Motivationen, zu helfen oder es nicht zu tun, den vielbeschworenenen „europäischen Werten“ und danach, wie sehr wir rassistische Überzeugungen und kolonialistische Überlegenheitsgefühle wirklich abgeschüttelt haben. Die Antworten verweigert er, geht irgendwann  in einer Art Probensituation zu Ende, bricht einfach die Illusionsbehauptung und sich selbst ab, lässt uns allein, mit der Entscheidung, ob wir die gestellten Fragen annehmen und wenn ja, wie wir uns ihnen stellen. Wir können auch einfach unreflektiert weiterlachen. Nein, Karin Beiers „europäisches Requiem“ macht es uns nicht leicht. Darf es auch nicht.

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2 Gedanken zu „Europa im Spiegel

  1. […] Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem nach Federico Fellini / Deutsches Schauspielhaus, Hamb… […]

  2. […] an dessen Ende der zu Grabe Getragene wieder aufsteht und singt. Da braucht es schon wie in Schiff der Träume eine Einäscherung, um sicher zu gehen, dass die Toten nicht wiederkommen. Die Vergangenheit lebt, […]

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