Wir Unvollkommenen

Sasha Marianna Salzmann: Meteoriten, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Sie sind die Außenstehenden, die schief Angeschauten, die wohlwollend Willkommengeheißenen oder offen Ausgestoßenen, die Nichtangekommenen, sie stets oder gar nicht Ankommenwollenden. Udi, Roy, Serösha, Üzüm und Cato heißen sie, sie sind Syrer, Israeli, Russe, schwarze Deutsche mit türkischen Wurzeln, schwul, lesbisch, Transgender, irgendwas dazwischen oder nicht von alledem. Sie lassen sich nicht einbinden, nicht kategorisieren, sie gehören nicht dazu, nicht in ein Deutschland, das gerade fahnenschwenkend den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft feiert oder, wie es einer von ihnen ausdrückt, die Wiederkehr als Weltmacht. In Sasha Marianna Salzmanns Stück – das die Autorin gerade ihren offiziellen Namen um den Vornahmen Sasha erweitert hat, passt gut zum Thema – geht es um Identitäten, ethnische, nationale, sexuelle, vor allem aber individuelle, um das recht, sich das eigene Ich so zu definieren, dass es genau zu dem passt, der man ist, einzigartig, nicht einzuordnen. Aber eben auch darum, wie  schwer, ja, vielleicht unmöglich es ist, dies für sich zu definieren. Denn was ich heute bin, werde ich morgen womöglich nicht mehr sein. Und doch gibt es die Erwartungen, jene , der Gesellschaft, in  der man lebt und von der man zugleich kein Teil ist, die der Familie, der Herkunftgemeinschaft(en), die eigenen,  sich oft und gern widersprechenden.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Salzmanns Figuren sind Grenzgänger*innen, im Spannungsfeld zwischen Integrationssehnsucht und trotziger Selbstbestimmung. Die Pole bilden Üzüm, lesbisch, schwarz, deutsch, türkisch, die mit schwarz-rot-goldener Gesichtsfarbe ihre Zugehörigkeit propagiert und doch stets in der ersehnten Gemeinschaft allein steht. Thelma Buabeng spielt sie in Hakan Savaş Micans Uraufführungsinszenierung als verkrampft-daueroptimistische Zeitbombe der Verzweiflung. Am Anderen Ende ist Roy, schwul, Syrer, von Mehmet Ateşçi als spöttisch lächelnder, schlitzohrig-charmanter Lebenseinforderer angelegt, auch er stets vorm Zerbersten. Dazwischen oder daneben stehen Thomas Wodianka als brachial Liebessuchender gewollt naiver und todtrauriger Israeli Udi, Dmitrij Schaads dauernervöser, tief zerrisssener, mit sich selbst und dem Familienerbe nicht klarkommender Russe Serösha und Cato, deren Identität so viele Aspekte hat, dass nicht einmal das „Trans“-Label ausreicht. Bei Mareike Beykirch wird die Figur zur stillen Verlorenen, die doch viel eher bei sich ist als die lärmend Selbstbewussseinsspieler um sie herum.

Salzmanns Text ist ein wilder Ritt durch die Komplexität und Absurdität menschlicher Identitätsversuche und Einordnungsmechanismen.  Als Folie setzt er Ovids Metamorphosen den vermeintlich (post)modernen Selbstfindungsexperimenten entgegen. Denn das, was diese Figuren umtreibt, ist nichts Neues. Es findet sich beispielsweise in der antiken, sich beispielsweise bei Plato findenden Theorie der erzwungenen Trennung der Geschlechter, die hier in Monologen vorgestellt wird und die besagt, dass es ursprünglich nur ein Geschlecht gab, das Männliches und Weibliches umschloss. Eine Vollkommenheit, welche die Götter aufbrachen, um den Menschen gefügig zu machen. Ganz am Ende erzählt Cato, von der wir gerade hörten, dass sie einem brutalen Hassverbrechen zum Opfer gefallen sei, von Hermaphroditos, der jene Vollkommenheit erlangte, nur um von den sich dadurch minderwertig fühlenden Menschen nicht nur getötet, sondern ausgelöscht und einverleibt zu werden, auch narrativ und ideologisch, denn als Geschichte, als Mythos ist er/sie beherrschbar. Die Gewalt, die daraus entsteht, dass sich Menschen ihren Schubladen entziehen, sie ist beileibe kein neues Phänomen. Salzmanns Stück ist komplex, chaotisch, pulsierend, tieftraurig und hochkomisch. Es beschreibt nicht nur die menschliche Verwirrung, es versucht sie auch in sich zu integrieren, zu seinem strukturierenden Merkmal zu machen.

Bei Hakan Savaş Mican wird der Text ungemein lebendig. Das liegt natürlich am grandiosen Ensemble, aus dem diesmal vielleicht der kompromisslose Mehmet Ateşçi ein klein wenig herausragt, aber auch an einer Regie, die virtuos mit Nähe und Distanz, mit Farce und Tragödie spielt, in einem Moment scharfe Karikaturen moderner Selbstfindungsabsurditäten und grotesker Beziehungsverkomplizierungen zeichnet, nur um im nächsten berührende Porträts tiefster existenzieller Verzweiflung zu malen. Die spielerisch slapstickhaften Auseinandersetzungen zwischen Roy und Udi bleiben ebenso haften und sind genauso eindringlich wie Seröshas verzweifelter Gewaltausbruch gegenüber Cato, der sich in erster Linie gegen sich selbst richtet. Die Figuren wüten gegen die Unmöglichkeit, ihren Platz in einer kaum zu verstehenden Welt zu finden, die ebenso sehr außen wie innen zu verorten ist. Diese Wut, dieses Anrennen, diese Lebensgier und -lust manifestiert sich in dieser energiereichen Inszenierung. Magda Willis Bühnenbild, ein mehrstöckiger Kasten aus Betonwänden, Euro-Paletten, Stahlleitern und Gerüst-Stegen wirkt ebenso zusammenimprovisiert wie labyrinthisch verwirrend. Kum findet man sich mal auf der gleichen Ebene wieder, schon geht es auf- oder abwärts, in jedem Fall entfernt voneinander. Die Harmonieträume bleiben schimärenhaft, grobkörnige Fantasien aus Lichtern und Freiheitssehnsucht, projiziert auf die Kastenrückwände. am Ende werden diese abgetragen, es bleibt ein schwarzes Loch, dem die Darsteller*innen entgegengehen. Nur Cato bleibt, die immer Zurückgelassene. Nein, eine Antwort bieten Text und Abend nicht. Aber die fragen, die sie stellen, bleiben. Ein vor Leben berstender, ungeheuer unterhaltsamer Abend. Und ein großer. Die Quintessenz eines Gorki-Abends.

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