Erste Liebe und Andreas Baader

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Schauspiel Stuttgart (Regie: Armin Petras) – Premiere im Rahmen von F.I.N.D. 2016

Von Sascha Krieger

Spätestens als Frank Witzels Roman mit dem viel zu langen Namen den Deutschen Buchpreis 2015 gewann, war klar, dass dieses 800 Seiten lange, hemmungslos ausufernde Porträt der alten Bundesrepublik aus der Perspektive eines an der Welt leidenden 13-Jährigen, den Weg auf die deutschsprachigen Bühnen finden würde, denn Romane sind längst das beliebteste Futter des Stadt- und Staatstheaters, Stoffe, die uns als Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten im Stande scheinen, erst recht. Armin Petras war es letztlich vorbehalten, die Uraufführung zu besorgen, natürlich ganz neumodisch in einer Koproduktion der Berliner Schaubühne mit seinem eigenen Haus, dem Schauspiel Stuttgart. Uraufführung hatte sie selbstverständlich im Rahmen eines Festivals, dem Festival Internationale Neue Dramatik, kurz F.I.N.D., womit die Inszenierung gleich mehrfach stellvertretend für aktuelle Trends auf deutschsprachigen Bühnen steht. Petras hat sich zuletzt an gleicher Stelle mit Der geteilte Himmel  der DDR der 1960er Jahre genähert, jetzt ist ihr Gegenpart jenseits der Grenze dran, die alte Bundesrepublik, das Bollwerk der „freien Welt“, das ebenso wie der „real existierende Sozialismus“ vor mehr als 25 Jahren entschlummert ist, wenn auch längst nicht so spektakulär.

Bild: Thomas Aurin

Bild: Thomas Aurin

Witzels Roman ist, so hört man – der Rezensent gibt unumwunden zu, die 800 Seiten (noch) nicht bewältigt zu haben – ein unerhört einfallsreiches Psycho- und Seismogramm einer Gesellschaft zwischen Einmauern und Aufbruch, zwischen Schweigen und Reden-Müssen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, einer, die erstickt unter spießbürgerlichem Mief und kollektiver Verdrängung, doch in der etwas brodelt und heraus will. Die „Geschichte“ des empfindsamen, mit sich und der Welt hadernden und ringenden namenlosen Jungen, ist voll anarchischen Wahnwitzes, schnell schein jeder Versuch, herauszufinden, was „wahr“ ist und was nicht, vergeblich. Was bleibt, ist das Bild einer zerrissenen Gesellschaft und einer ebenso sich zerreißenden Generation, die heraus will aus der Lähmung, aber nicht recht weiß, wohin. Aber natürlich ist Die Erfindung der Roten Armee Fraktion etc. auch und in erster Linie ein Roman des Erwachsenwerdens. „Coming of Age“ nennt man das im Englischen.

Bei Der geteilte Himmel war die Bühne ein Laufsteg und auch hier ist das Thema Mode, stellvertretend natürlich für Konsum und Kapitalismus, Kern des Bühnenbilds. Einen ganzen Wald von Schausfensterpuppen, vor allem solche, die Kinder und Jugendliche repräsentieren sollen, hat Katrin Brack auf die Bühne gewuchtet. Sinnbilder einer konsumgeilen Gesellschaft, die längst in sich und ihrer Sinnentleerung erstarrt ist. In dieser bewegt sich der namenlose Held, es ist natürlich die Welt, wie er sie sieht. Verwirrend ist sie, unübersichtlich wie das eigene Ich. Fünf Darsteller*innen nähern sich dem Stoff, wobei Tilman Strauß mit jugendlicher Anspannung und pubertärer Nervosität, welche das Kindliche längst noch nicht abgeschüttelt hat, meist den Erzähler/Protagonisten gibt. Dessen Zerrissenheit sich aber auch physisch manifestiert: Da gibt es das laut infantile, alles und jedes nervende Poltern Peter René Lüdickes oder sich melancholische, etwas selbstmitleidige Sehnsucht Jule Böwes, den anarchistisch spielerischen Furor Paul Grills oder das selbstbewusste, immer etwas verkrampfte Auftrumpfen Julischka Eichels. Sie alle übernehmen punktuell die Rolle der Hauptfigur, fächern sie auf, lassen sie zersplittern und mit ihr den Blick auf die Welt. Wechselnd übernehmen sie auch die Rollen der „Außenwelt“, von den überforderten Eltern über wohlmeinende Pfarrer bis zur Oppressions- und Manipulationsfraktion Ost und Welt, exemplifiziert von NVA-Offizierin und Caritas-Frau (jeweils hochpräzise und  scharf sezierend wie karikierend: Julischka Eichel). Die feindliche Außenwelt und die inneren Dämonen, sie lassen sich nicht trennen, sie werden ein (oder hier eben fünf).

Hier liegt der Kern von Stückfassung und Inszenierung: das Porträt eines ganz normalen Teenagers in einer überhaupt nicht normalen Zeit. Die Welt, die er erlebt verschmilzt mit jener, die er erschafft, das Finden des Selbst verirrt sich im Labyrinth der Möglichkeiten, im Spannungsfeld zwischen Ausbrechen und Sich-Zurückziehen, zwischen Hinausgehen in die Welt und Rückzug in eine Welt, in der Andreas Baader ein strahlender (Spielzeug-)Ritter und Gudrun Ensslin eine langweilige (Plastik-)Indianerin ist. So lange der Abend bei seiner Hauptfigur bleibt ist er ein aufregend einfallsreicher, immer wieder anarchistisch ausbrechender wie ausufernder Parforce-Ritt durch eine Jugend, in der es nicht nur um die erste Liebe geht, sondern eben auch um die Frage, ob Gewalt der richtige Weg ist, aus der erfahrenen gesellschaftlichen Enge herauszukommen. Jede Pubertät ist ein Ausnahmezustand, für eine in den 1960er-Jahren stattfindende potenziert sich das noch. Angetrieben vom lauten, aggressiven Spiel der jungen Stuttgarter Band Die Nerven, die der Verwirrung und Rebellion des namenlosen Jungen einen passenden Soundtrack verleihen, rast der Abend atem- und rastlos durch eine Welt, die angst macht, verwirrt, keinen Halt gibt. Ein starkes, eindringlich, immer wieder hochkomisches kaleidoskopisch aufgespaltenes Porträt einer auch kollektiven Selbstfindung.

Problematisch wird der Abend nur, wenn er sich daran versucht, der alten Bundesrepublik analytisch wie atmosphärisch nahezukommen, wenn er versucht, das Bild einer erstarrten Gesellschaft zu zeichnen, ihren (Un-)Geist spürbar zu machen. Hier bleibt er Stückwerk, trocken, akademisch. Ist die Nachstellung ikonischer Bilder wie der Kommune 1, dem Platten-Cover von „Abbey Road“ der Beatles oder dem Black-Panther-Protest bei Olympia 1968 noch überaus unterhaltsam und erzählt etwas darüber, wie wichtig Inszenierung und Ikonografie im politischen Kampf sind, so ist die Einblendung von historischem Material per Video – der extensive Video-Einsatz, gern auch live, ist eine zentrale Leerstelle der Inszenierung – wie seine Vorlage an einer Analyse oder das einstreuen von Fremdtexten, vor allem Ulrike Meinhofs Artikel über Warenhausbrandstiftungen (nachzulesen im Programmheft), aufgesetzt, blutleer und wirft Sand ins dramaturgische Getriebe. Funktioniert die Mischung aus epischem Erzählen und angedeutetem, oft lustvoll augenzwinkerndem Spiel, meist sehr gut und ohne die Längen vieler Romanadaptionen, wirkt die mechanisch zwanghafte Erweiterung des Blickfeldes bremsend und wenig erhellend. Hier wäre eine radikale Konzentration auf die Hauptfigur zielführender gewesen. Wo das geschieht, ist der Abend voller Leben, aggressiv, anarchisch, infantil und lustvoll. Starkes Theater eben.

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