Lähmung, Tod und Bühnennebel

F.I.N.D. 2016 – Dead Centre, nach Anton Tschechow: Chekhov’s First Play (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

Sie sind ja etwas schwierig, diese Klassiker. Vor allem weil sie ja auch ein bisschen älter sind. Deshalb steht Regisseur Bush Moukarzel zu Beginn vor dem klassisch roten Vorhang und erklärt, warum jeder Zuschauer einen Kopfhörer bekommen hat. Frühere Erfahrungen, so sagt er, hätten ihm klargemacht, dass es für das Publikum schwer sei, klassische Stücke zu verstehen. Für Anton Tschechows kaum spielbaren Fünfstunden-Erstling, den man gemeinhin unter dem Namen Platonow  kennt, gilt das erst recht. Die Lösung kennt jeder, der schon einmal eine DVD gekauft oder ausgeliehen hat: den Audiokommentar. Also will Moukarzel per Kopfhörer dem Zuschauer Erklärungen geben zu Huintergründen, wichtigen Themen, den Figuren und so weiter. Dann geht der Vorhang auf und wir schauen auf eine klassische Tschechow-Kulisse: ein stattliches Anwesen, davor eine Tafel, an der sich nacheinander Gäste in reichlich authentisch erscheinender Kleidung versammeln und mit viel Ernst, zielsicher gesetztem Witz und einem wohldosierten Anflug von Pathos Tschechows Text deklamieren. Ganz klassisch. Doch da ist diese Stimme in unserem Kopf, die bald die Oberhand gewinnt. Weist sie zunächst noch auf Kernthemen wie das des Eigentums hin, beginnt sie bald die Schauspieler zu kritisieren, über die Dialoge zu sprechen (so erzählt Moukarzel vom Typ des „überflüssigen Menschen“, während Glagoljew-Darsteller Liam Carney genau diesen, nämlich in Form der Titelfigur, beschreibt). Irgendwann kippt die Regisseursstimme in eine Sinnkrise, wird tiefer und nähert sich dem Zusammenbruch (mit schönen Anspielungen – und wörtlichen Zitaten – an den kollabierenden Computer Hal in Stanley Kubrickls 2001). Ein Schuss fällt – und widerspricht damit der leitmotivischen Idee von „Chekhov’s Gun“, das Gesetz, demzufolge eine Waffe, die im ersten Akt auftaucht, erst im letzten zu feuern sei. Hier markiert der Schuss die Mitte.

Bild: Jose Miguel Jimenez

Bild: Jose Miguel Jimenez

Und den Umbruch. Das Licht wird fahl und geisterhaft, dräuende Musik und Alltagsgeräusche bringen die Gegenwart herein, eine Abrissbirne beginnt die Zerstörung der Kulisse, die Figuren erstarren und beginnen, sich aufzuspalten. Die Darsteller*innen erscheinen und sind natürlich auch nur Rollen. Carney etwa trennt sich im Wortsinn von seiner Figur, später auch andere, der Doktor (Rory Nolan) bestellt Essen beim Chinesen und schwadroniert gleich darauf wieder in Tschechows Worten. Irgendwann erscheint ein „Zuschauer“ mit Kopfhörern auf der Bühne (in Wirklichkeit Co-Regisseur Ben Kidd). Er ist der bislang vermisste Platonow. Ein heutiger Mensch, der mit verhaltener Neugier über die Bühne wandert und stumm bleibt, passive Projektionsfläche der anderen, die ihre Figuren nur noch wie Handpuppen mit sich tragen und längst Niemande geworden sind. Dieser Platonow ist ein Jedermann, einer von uns, so verwirrt, passiv, überflüssig wie Platonow – und seine gegenwärtigen Wiedergänger. Anspielungen an das heutige Irland – die Theatergruppe Dead Centre wurde 2012 in Dublin gegründet – schleichen sich ein, die Idee einer erstarrten Gesellschaft ist ebenso wenig neu wie irrelevant. Am Ende stehen Lähmung, Tod und Bühnennebel und eine Art Geistertanz. Die sterbende Gesellschaft in Tschechows, sie ist lange tot, hat vielleicht nie gelebt und ist doch auch nie verschwunden. Eine Art theatrale Zombie-Apokalypse.

Dead Centre sind in den ersten Jahren ihres Bestehens mit positiven Kritiken, Festivaleinladungen und Preisen überschüttet worden. Ihre neueste Produktion hatte im Oktober 2015 im Rahmen des renommierten Dublin Theatre Festival Premiere und zeigt, warum die Gruppe solchen Kritikerjubel auslöst. Chekhov’s First Play ist ein furioser Ritt durch theatrale Illusion, die Welthaltigkeit von Theater und die Absurdität einer nicht zu verstehenden Welt, die sich natürlich auch auf der Bühne spiegelt. Moukarzel und Kidd türmen ebene auf Ebene, kollabieren sie, nur um neue einzuziehen. Der „Kommentar“ fällt dem „Stück“ in den Rücken, der „Regisseur“ sich selbst, die Wirklichkeit der theatralen Illusion. Alles taumelt ineinander, verschmilzt und zersplittert zugleich in tausend Teile. Der Abend ist ein Abgesang auf ein Theater, das behauptet, leben abbilden zu können – und lässt letzteres doch so tief eindringen, dass besagte Behauptung plötzlich wieder auftaucht. Er kreist um eine abwesende Mitte, einen Sinn, der sich schon lange verflüchtigt hat – und bat doch seine eigene Bedeutung. Die Welt ist absurd und unverständlich und mit ihr das Theater.  Was beginnt als leichte, clevere und ungemein komische Metakomödie verwandelt sich in ein düsteres Schauermärchen, das alles dekonstruiert, was zuvor so mühsam aufgebaut wurde. Dead Centre schafft Theater, das sich regeneriert, weil und indem es scheitert und sein Scheitern vorführt. Was natürlich auch nur eine weitere Spielebene ist, über der sich sicher weitere verbergen. Das ist an-, auf- und erregend in einem Maße, wie es auch Dauertheaterbesucher nur selten erleben.

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Ein Gedanke zu „Lähmung, Tod und Bühnennebel

  1. […] die Hand nimmt und Antworten gibt: Die Ausgangssituation, die wie auch die ihrer neuesten Arbeit Chekhov’s Last Play, mit dem vermeintlich Improvisatorischen spielt, führt diese Erwartungshaltung genüsslich ad […]

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