Triumphale Rückkehr

Bei den Berliner Philharmonikern dirigiert Seiji Ozawa sein erstes Konzert außerhalb Japans seit fünf Jahren

Von Sascha Krieger

Nein, das ist kein normales Konzert. Der japanische Dirigent Seiji Ozwa dirigierte die Berliner Philharmoniker erstmals 1966. Herbert von Karajan brachte den 30-Jährigen an das Pult „seines“ Orchesters. Karajan kannte ihn gut: Ozawa war einer seiner Meisterschüler gewesen, bevor er als Assistent Leonard Bernsteins in New York seine Karriere startete. Die Beziehung zu den Philharmonikern riss nie ab. Doch dann rebellierte die Gesundheit: 2009 dirigierte er das Orchester zuletzt, einen späteren Auftritt musste er auf Grund einer schweren Erkrankung absagen, für einige Jahre zog er sich ganz aus dem Musikleben zurück. Für längere Zeit sah es so aus, als bliebe ein Wiedersehen Illusion. Dies bewahrheitete sich nicht. Und es ist sicher kein Zufall, dass Ozawa sein ersten Konzert außerhalb Japans seit fünf Jahren ausgerechnet hier gibt. Philharmoniker-Intendant berichtet vor dem Konzert von der herzlichen Wiederbegegnung in einer, wie er sagt, ganz besonderen Woche, in der Ozawa auch zum Ehrenmitglied des Orchesters ernannt wurde. Auch wenn man es dem leichtfüßig zum Podium hüpfenden mittlerweile 80-Jährigen nicht ansieht: Die Krankheit hat ihren Tribut gefordert, die Rückkehr auf die Konzertpodien ist eine langsame. Daher bittet Hofmann um Verständnis, das Ozawa „nur“ die zweite Konzerthälfte dirigiert. Der Applaus des Publikum ist so war, wie er später begeistert sein wird, wenn der bescheidene Maestro endlich auftritt.

Seiji Ozawa (Bild: Shintaro Shiratori)

Seiji Ozawa (Bild: Shintaro Shiratori)

Die lange Einleitung sei verziehen, erklärt sie doch, warum dieses Konzert so besonders und wichtig ist, auch wenn dies kaum rein musikalische Gründe hat. Der Fakt, dass dieser musikverliebte, vor allem die deutsche Musiktradition sein einem halben Jahrhundert pflegende Künstler wieder aktiv ist, verdient jede Zeile. Es ist eine triumphale Rückkehr mit stehenden Ovationen, obwohl er sicherlich schon stärkere Abende an diesem Ort abgeliefert hat. Ludwig van Beethovens berühmte Egmont-Ouvertüre beginnt rostig, mit extrem langsamen Tempi bewegt sie sich schwerfällig, massigen Schritts kommt sie zunächst kaum von der Stelle. Extrem hart der Kontrast zwischen massiven Streicherwänden und lyrischem Holzbläsergesang, etwas zu überdeutlich der dramatische Gestus. Der Interpretation fehlt ihre Mitte, sie braucht lange, um sich zu entscheiden, wo es hingehen soll. Doch irgendwann ist der Weg klar: Es ist ein trotziger, klanglich überraschend schroffer Beethoven, den Ozawa am Schluss zu einem explosiven, affirmativen und sogar äußerst aggressiven Ende führt. Statt der strahlenden Freiheitsvision steht hier der Appell, im Streben nach dem Hohen und Guten nicht nachzulassen. Ein Schluss wie ein Aufschrei, der auch ein Schrei der Freude ist, ein befreiender Ausbruch, über dem der schleppende Beginn schnell vergessen ist.

Dann ist wieder Warten angesagt. Beethovens Fantasie op. 80 beginnt mit einem langen Solo-Klavierteil, bei dem Peter Serkin sehr suchend vorgeht. Er tastet sich behutsam voran, scheint sich versonnen zuweilen in den Beethovenschen Motivkaskaden zu verlieren, der hallige Klang verstärkt noch dem Eindruck des Träumerischen in dieser Quasi-Improvisation. So stringent Serkins Lesart ist, so sehr beißt sie sich doch mit dem Orchester, wenn dieses im zweiten Teil einsteigt. Hier ist er wieder, der Kontrast von mit viel Zug vioranstrebenden Streichern und dem pastoralen sachten Schwung der Holzbläser. Doch hier wirken sie natürlicher als zuvor, weniger aufgesetzt, sie kommen aus der Musik, der typisch Beethovenschen Spannung zwischen Kunstautonomie und Natursehnsucht, die sich etwa im Gegensatz paar von fünfter und sechster Symphonie, deren zeitlicher Nachbar die Fantasie ist, widerspiegelt. Ozawas Zugriff ist ein fester, sachlicher, der Klang schlank und dicht, da ist eine Menge Energie in der Musik, die aus diesem fragilen Körper ihren Ausgang hat. Serkins Traumwandelei wirkt da oft wie ein Fremdkörper, erst gegen Ende, vor allem wenn der Chor eintritt, gewinnt auch sein Spiel mehr Richtung und sorgt für einen Schluss, an dem alle Beteiligten an einem musikalischen Strang ziehen. Der Rundfunkchor Berlin macht seine Sache wie fast immer hervorragend: Zu Beginn mit warmem Pastoralklang wie Felder und Jagdromantik beschwörend steigert er sich zu feierlicher Kraft und akzentuiert zusammen mit dem Orchester die Anklänge an Beethovens Neunte. „Per aspera ad astra“,  durch Mühsal zu den Sternen, jenes Motto Beethovens steht hier im Zentrum. Es ist sicher auch ein Statement des Dirigenten, der alles andere als müde scheint.

Weil aber eine halbe stunde Musik für einen Konzertabend nicht reicht, muss sich das Orchester für den Teil vor der Pause etwas einfallen lassen. Die Antwort heißt Serenade für Bläser B-Dur KV 361 „Gran Partita“ und sie entstammt der Feder Wolfgang Amadeus Mozarts.12 Bläser und ein Bassist der Philharmoniker bringen das knapp 50-minütige Werk , dass in Komplexität und musikalischem Anspruch das leichte Serenadentgenre um Lichtjahre hinter sich lässt, zur Aufführung. Auch wenn sich einige Ungenauigkeiten und klangliche Unschärfen nicht vermeiden lassen, gelingt es den Musikern – in jeder Instrumentengruppe ein Stimmführer des Orchesters, den der Hörner, Paolo Mendes, haben sich die Philharmoniker vom DSO ausgeliehen – das unendlich weite musikalische und Ausdrucksspektrum des Werks hörbar zu machen. Jeder Satz erhält seinen distinktiven Charakter. Kern ist der dritte, das Adagio, der sehr gesanglich und lyrisch daherkommt und in dem nicht zuletzt Jonathan Kellys glasklarer Oboengesang bewegt. träumerisch, innig und tastend ist der Grundgestus des Satzes. Er bildet das emotionale Zentrum der Interpretation und weist schon voraus auf das und den, die noch kommen werden. Die Fantasie, denen die Musiker einen satten, leicht erdigen Ton verleihen, ist eine Reise durch (fast) das gesamte musikalische und klangliche Universum Mozarts und sicher auch als Hommage an Ozawa zu sehen. Die musikalische Welt, in welcher der Japaner lebt, sagt das, ist auch die dieses Orchesters.

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Ein Gedanke zu „Triumphale Rückkehr

  1. Schlatz sagt:

    Schöne und detailreiche Besprechung. Meine letzte Begegnung mit Ozawa liegt schon länger zurück, Bruckners Erste glaube ich.

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