Im Mikrokosmos der Vernichtung

Dale Wasserman nach dem Roman von Ken Kesey: Einer flog über das Kuckucksnest, Schlosspark Theater, Berlin (Regie: Michael Bogdanov)

Von Sascha Krieger

Bevor Einer flog über das Kuckucksnest, die Geschichte des Kleinkriminellen McMurphy, der sich gegen den totalitären Mikrokosmos einer Nervenheilanstalt auflehnt, die Mitpatienten zum Aufstand ermutigt, um am Ende dem Repressionsappart zum Opfer zu fallen – es ist kein Zufall, dass es mit Miloš Forman ausgerechnet ein aus der totalitäten Tschechoslowakei emigrierter Regisseur war, der den Stoff verfilmte – ein erfolgreicher Film war, hatte der Roman von Ken Kesey bereits eine erfolgreiche Theaterkarriere hinter sich. Adaptiert von Dale Wasserman wurde er 1963 zum Broadway-Hit und ist es, wann immer eine Neuauflage zu sehen ist, noch heute. Das Stück bietet Komik und Tragik, starke und schräge Charaktere, dazu ein paar der großen Menschheitsfragen und so manche Gelegenheit zur Verknüpfung mit politischen, sozialen oder philosophischen Debatten. Gern möchte man das Stück mal in den Händen eines interpretationsstarken Regisseurs sehen, jenseits des Boulevards und mitten drin in einer Welt „ernsthaften“ Dramas, in die es ohne Zweifel gehört. Doch der Versuche sind wenige und selten gehen sie auf, also bleibt erst einmal „nur“ der Boulevard.

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

Michael Bogdanov, einem der erfahrensten britischen Regisseure, viele Jahre dem National Theatre verbunden und Gründer der heute legendären English Shakespeare Company, ist auch in Deutschland kein Unbekannter, spätestens seit seiner vierjährigen Intendanz am Deutschens Schauspielhaus Hamburg ab 1988. Ein Verfechter des so genannten Regietheaters ist er nicht, ein eigenwilliger inszenatorischer Zugriff von ihm nicht zu erwarten, wenn er das Stück jetzt am Berliner Schlosspark Theater inszeniert. Birgit Voss hat einen naturalistischen, ganz in Weiß gehaltenen, Psychiatrie-Tagesraum gestaltet, wie er direkt aus der Entstehungszeit des Romans herübergekommen sein könnte. Auch bei den Kostümen hält sie sich fast sklavisch an die Ästhetik des Films, bis hin zur schwarzen Wollmütze Jack Nicholson, die bei Jörg Schüttauf einen Tick alberner aussieht. À propos: Schüttauf, Star der Produktion, ist deutlich bemüht, den Ballast der ikonischen Darstellung Nicholsons abzustreifen. Sein McMurphhy ist ein eher liebenswürdiger Großschwätzer, ein reichlich prolliger Kleinkrimineller, dessen gewitzter Gesichtsausdruck stets sagt: Keine Angst, ich will nur spielen! Das gibt vor allem der ersten Hälfte des Abends einen leichten, stark komödiantischen Gestus, exemplarisch vorgeführt von Achim Wolffs rückgratfreien, leicht trottelig gutmütigen Doktor.

Vielleicht ist es ein wenig zu harmlos, wie Bogdanov die Konflikte einführt – es braucht tatsächlich lange, bis sich die Bedrohung, die hier aufgebaut wird, und die existenzieller Natur ist, aufbaut. aber es ist eben auch gerade diese kaum merkliche Steigerung der Anspannung, die für den zweiten Teil die nötige Fallhöhe erzeugt. Zumal die freundliche Atmosphäre die wahre Natur dieses Schauplatzes nur aktzentuiert: eine Entsorgungsanstalt des Individuellen, Unangepassten, eine Fabrik der Vernichtung (die im Zweilicht vorgetragenen, die Szenen verbindenden Paranoia-Monologe von Häuptling Bromden erscheinen mit fortlaufender Dauer immer weniger absurd).

Die größte Stärke des Abends liegt darin, dass er eben nicht besonders boulevardesk daherkommt. Er scheut die Übertreibungen, findet einen angenehm zurückgenommenen Ton, skizziert die dem Karikaturesken nicht abgeneigten Figuren, mit feinem Strichen bis diesseits psychologischer Glaubwürdigkeit. In seinen besten Momenten stehen hier Menschen auf der Bühne, keine Stereotypen. Bogdanov vermeidet das Spektakuläre, er setzt auf Figurenzeichnung und sein zweifellos exzellentes Handwerk. Die Balance von Komik und Tragik hält er bis zum Schluss, sein Gespür für Timing und Rhythmus ist makellos, dramaturgisch ist kein Gramm Fett an diesem Abend, jede Szene sitzt und erfüllt ihre Funktion im Gesamtzusammenhang. Handwerklich ist der Abend nahe an der Perfektion.

Zumal Schüttauf eine perfekte Gegenspielerin hat: Franziska Troegners Oberschwester rRtched ist nicht plakativ böse. Sie ist bestimmt, jovial, gar nicht unfreundlich, sachlich und hochprofessionell, kein Abziehbild-Bösewicht, sondern eine rationale Vertreterin totalitärer Bürokratie. Hier wäre sie, die Gelegenheit, das Stück weiterzudenken, den Mikrokosmos Psychiatrie, die ja auch bei Kesey nicht im luftleeren Raum steht, zu verlassen. Doch vielleicht ist das Schlosspark Theater nicht der passende Ort dafür. Also bleiben wir im Tagesraum, der zur Todeskammer wird und müssen uns unser Teil dazu denken. Der Schluss ist sachlich bis zur Unerträglichkeit, kein falsches Pathos, kein anklagender Ton. Der Tod ist wie die Vernichtung des Individuums Teil des Geschäfts und professionell zu erledigen. Der Mensch als Nützlichkeitsmasse, der wenn unnütz geworden zu entsorgen ist, wie es im Totalitarismus üblich war und ist. Ein kaltes Ende, das es dem Zuschauer nicht leicht macht, weil es ihn aus der Komfortzone heraustreibt. Nur ein kleines bisschen, aber das kann schon genug sein, um etwas zu tun, was man mit dem Boulevardtheater nicht verbindet, wenn auch oft zu Unrecht: nachdenken.

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