Selbstberauschung auf Asphalt

Nach DJ Stalingrad: Exodus. Terrorkampagne mit Musik, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Sebastian Klink)

Von Sascha Krieger

„Erobert Euer Grab“ steht in weißen Lettern auf schwarzem Grund über der Volksbühne. Es ist das Motto der „Schwarzen Serie“, einer Reihe kleinerer Inszenierungen, in denen sich das Haus um das Osterfest herum mit dem Tod auseinandersetzen will. Der ist natürlich allgegenwärtig, schließlich steht dieser Hort der freien Kunst kurz davor, von den brutalen Schergen des Neoliberalismus hingemeuchelt zu werden. Was andere schnöde als Intendantenwechsel beschreiben, ist in den Augen der Volksbühnengemeinde und ihres Hohepriesters Frank Castorf ein Kulturkampf, vielleicht der letzte, bevor das Kapitalismusmonster obsiegt. Und weil Verteidigung in der westlichen wie östlichen Doktrin selten ohne Gewalt gedacht wird, veranstaltet das Haus jetzt also eine Terrorkampagne. Exodus heißt der schmale Band, in dem der Autor DJ Stalingrad, bürgerlich Pjotr Silajew und dem Vernehmen nach von Russland mit Haftbefehl gesucht, von einer Generation, seiner, erzählt, die nach dem Ende des sowjetischen Imperiums entwurzelt und perspektivlos die verschwundenen Werte mit einer Hasswelle gegen alles und jeden, inklusive ihrer selbst, zu kompensieren suchen. Er erzählt – teils autobiografisch, daher wohl auch der Haftbefehl – von Schlachten zwischen linken und Nazi-Banden, zielloser Gewalt und einem Feldzug gegen die gesellschaftliche Paralyse, den sie mit allen Mitteln führen.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Castorf selbst hatte Passagen aus Exodus wirkungsvoll in Die Brüder Karamasow eingestreut, jetzt darf mit Sebastian Klink einer seiner „Schüler“ das Werk selbst auf die Bühne bringen. Und schnell stellt sich wie so oft in letzter Zeit heraus: Die Zeiten, in denen an diesem Haus frei experimentiert und künstlerisch neue Wege gesucht werden konnten, scheinen vorbei. Längst hat sich die selbstgewählte und über viele Jahre sehr fruchtbare Außenseiterrolle umgewandelt in eine zuweilen recht selbstmitleidige Opferpose, die es zu erfordern scheint, dass das Haus mit jedem Abend seinen Markenwert verteidigen zu müssen glaubt. Und so gibt es hier – von den geduldeten Ausnahmen Fritsch und Marthaler, die so eigenständig sind, dass sie nicht weiter weh tun, nur noch Castorf und Co-Haus-Gott René Pollesch. Steht ein anderer Name in der Regie-Spalte, stellt sich nur noch die Frage, ob es sich eher um einen Castorf- oder einen Pollesch-Jünger handelt. das ist natürlich grob vereinfacht, aber eben auch nicht grundfalsch. In der Malerei kennt man die werkstatt-Arbeit. An Exodus ließe sich getrost „Castorf (Werkstatt)“ schreiben, so sehr folgt Klink den vorgetretenen Pfaden des Meisters.

Das ist zugegeben sehr viel Vorwort, geschuldet dem zugegeben nicht geringen Ärger des Rezensenten, was Klink und die Volksbühne aus dieser brutalen, schonungslosen, ungeschminkt rohen Kritik an einer toten und sich von den Lebenden abgewandt habenden Gesellschaft macht. Eigentlich ist Exodus am ehesten als Konzert zu betrachten und zu ertragen. Drei Musiker haben sich zur Band The New World Order zusammengetan und spielen aggressiven High-Speed-Heavy-Metal, der sich im Trash-Subgenre wohlfühlt und zuweilen in noch härtere Schichten hinüberschielt und nicht mal vor Punk Rock Angst hat. Es ist eine Musik des aggressiven gegen alle Welt Anrennens, die wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge passt. Die Darsteller*innen, allen voran Castorf-Liebling Alexander Scheer, gastieren als „Sänger“ in dem Käfig den Gregor Sturm in Bert Neumanns Bühnenraum gestellt hat und der als Band-Bühne wie als Klettergerüst dient, vor allem aber natürlich reichlich plakatives Symbol ist für die Entrinnbarkeit der paralytischen Gesellschaft, von der wir an diesem Abend einiges hören.

Wenn gerade nicht „musiziert“ wird, ergeht man sich ausgiebig in ständiger Bewegung. Der lybyrinthische Neumann-Raum wird wie immer durchrannt, die Treppe rauf, die Treppe runter, rauf auf die Bühne, hinein in den Raum mit der Live-Videokamera, die Castorf-typischen verwackelten Nahaufnahmen gibt es auch zur Genüge. Alles ist Verstärkung der Kernbotschaft: Eine Gesellschaft, die keine Orientierung bietet, gebiert Gewalt. Klar, wussten wir noch nicht. Totenmasken kommen zum Einsatz und Superheldenkostüme, wahlweise mit Hammer und sichel oder Hakenkreuz, das ist in einer wertelosen Welt ja alles eins, Scheer trägt Stahlhelm, Kloschüsseln werden zerschlagen und irgendwann bekommen wir auch noch eine dreifache Kreuzung. Leid, Schmerz, Aggression, Gewalt landen im Eintopf, der bis zum letzte Tropfen verabreicht wird. es soll ja nichts verschwendet werden. Es geht um Schizophrenie als Krankheit einer sich selbst nicht sicheren Gesellschaft und die – schön einfach gestrickte – Determiniertheit der Stellung des Einzelnen in seiner Welt.

Immer und immer wieder bekommt der Zuschauer das stets Gleiche eingeprügelt, bis etwas seltsames passiert: Inmitten der Dauerbewegung und des nie abebbenden Lärms legt sich Langeweile über das Geschehen, eine bleierne Lähmung, die vielleicht als gesellschaftbeschreibendeAbsicht durchgänge, wenn nicht so vehement dagegen angespielt würde. Mit gut zwei Stunden Länge ist der Abend für Castorf-Verhältnisse bloßes Vorspiel und doch gab es schon Sechsstünder des Intendanten, die sich weniger lang anfühlten als diese Nummernrevue kaum variierter Gewaltbehauptungen. Viel zu sehr gefällt sich der Abend in der Selbstberauschung seiner Cleverness und der längst zur pose erstarrten Anarchie-Imitation, prügelt er das schon lange tote Pferd, bis auch der letzte Zuschauer die Geduld verliert – ein bisschen Zuschauerquälen ist immer dabei, zumal das Publikum bequem auf dem blanken Asphalt des Neumann-Raums Platz nehmen darf. Doch wer ausharrt, wird zumindest ein bisschen belohnt: Kurz vor dem Ende hat Margarita Breitkreiz ihren großen Austritt. Aus der Baucontainer-Treppe stehend, agiert sie als ein-Frau-Show eine Szene, in der eine Frau einen Sanitäter anpöbelt, der gerufen wurde, weil ihr Kind vom Balkon in den Tod gestürzt ist. Was sie noch nicht weiß, weil sie auf der anderen Seite rauchte, um das Kind nicht zu stören. Wie hier das ganze Aggressions-Brimborium implodiert und eine Leere fühlbar macht, die mitten hinein führt in eine Gesellschaft, die solche „Verlierer“ zum Überleben braucht, ist erschütternd. Doch es bleibt Episode und stört nur. Zu gut fühlt man sich mit sich selbst.

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