Im Gestänge der Macht

Heiner Müller: Philoktet, bat-Studiotheater, Berlin / Gastspiel am Deutschen Theater (Box), Berlin (Regie: Marcel Kohler)

Von Sascha Krieger

Ostern ist bekanntlich das Fest von Tod und Wiederauferstehung. Am Deutschen Theater nimmt man das in diesem Jahr zum Anlass, den Tod gesellschaftlicher Utopien zu konstatieren und vielleicht auch zu bedauern. Da ergab es sich, dass Marcel Kohler, seit vergangenem Jahr Ensemblemitlied am DT, noch ein Projekt in der Schublade hatte, das zum Thema passte. Vor zwei Jahren hatte er am bat, dem Theater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Heiner Müllers Philoktet inszeniert, mit Kommilitonen, die wie er längst ihren Abschluss gemacht und hinaus gezogen sind in die Schauspielwelt oder vielleicht noch auf der Suche sind. Also ersteht es wieder auf, für einen Abend, dieses Stück Vergangenheit. Und ist Heiner Müller nicht der große Untote des deutschsprachigen Theaters? 20 Jahre tot und doch so präsent auf den Bühnen wie nie zur vor (nebenan, am Berliner Ensemble, wird sogar noch eine Müller-Inszenierung gespielt). Der lakonische Apokalyptiker und unerbittliche Analytiker der Abgründe des allzu (Un)Menschlichen, er ersteht immer wieder auf, muss auferstehen, der finster raunende Messias einer Welt, in der „der Mensch des Menschen Todfeind war“ und ist, wie es im Prolog des Philoktet heißt.

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Ort des Gastspiels: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Sein frühes Drama über Macht, Gewalt und Lüge interpretierte so mancher bei seinem Erscheinen 1968 als Kommentar auf den abklingenden Stalinismus und die ideologische Stagnation des real nie wirklich existierenden Sozialismus. Doch Zeitkommentare waren Müllers Sache nie, ihn interessierte das Allgemeine, das Dunkle der menschlichen Natur, nicht seine spezifischen Ausformungen. Kohlers Inszenierung nimmt das auf. Die Dreierkonstellation des Stücks – der manipulierende Machtmensch Odysseus, sein Helfer wider Willen, der wahrheitsliebende Idealist Neoptolemos und der rachsüchtige Betrogene, das ewige Opfer Philoktet – löst er auf. Fünf Spieler versammelt er, die sich die Rollen aufteilen, weiterreichen, sie vereinzeln oder multiplizieren. Das beginnt mit einem schön ironischen Vorspiel zum Prolog: Jazz-Musik erkling und plötzlich werden die im Raum verteilten Waffen (stilisierte Schwerte und Speere, ein überdimensionaler Bogen) zu Musikinstrumenten, schrumpft das Pathos des Krieges zu sanfter Lächerlichkeit zusammen.

Nur um sogleich wieder ihren Ernst zu behaupten. Dunkel und hart spricht der Chor von menschlicher Niedertracht, grobe Blechmasken verneinen die Individualität der mechanischen Krieger, grell blendet der Scheinwerfer das Publikum. Nein, dem ewigen Kreislauf von Macht und Gewalt ist nicht zu entkommen, wenn der Mensch sich nackt zeigt, bar aller Oberflächenverkleidungen (die fünf Darsteller verbringen denn auch einen Großteil des Abends mit freiem Oberkörper), offenbart er seine einfache Natur, deren Namen Macht und Gewalt sind. Sie stellt Kohler in den Mittelpunkt. Die Macht offenbart sich in der Gruppierung der Figuren. Hat Philoktet die Oberhand, etwa zu Beginn, wenn Neoptolemos versucht, den einst von Odysseus verletzt Ausgesetzten dazu zu bringen, sich, seine Männer und die legendären Waffen des Herakles in den Kampf gegen Troja einzubringen, stehen vier Philoktet einem Neoptolemos entgegen. Später, wenn der Sohn des Achilles dem Ausgestoßenen die Waffen abgeschwindelt hat, verkehrt sich das Verhältnis um. Die Macht ist immer eine Übermacht. Das zeigt sich besonders eindrucksvoll in der Schlüsselszene, als Philoktet Odysseus erniedrigt und durch die Manege führt. Doch er ist allein, seine Macht eine eingebildete, die Illusion eines Naiven, der nicht ahnt, dass der am Boden liegende die Macht hat, weil sie einen Spross erschaffen hat, Neoptolemos, der den vermeintlich Triumphierenden niederstreckt.

Doch ob Philoktet, Odysseus oder Neoptolemos, Opfer, Täter, Mitläufer, sie alle sind Teil des großen Perpetuum mobile, des sich selbst regenerierenden tödlichen Spiels von Macht und Gewalt, die können ihm nicht entkommen, dem Stahlgerüst, diesem schiefen Quader, den Kohler auf die Bühne gestellt hat, in dem sie streiten und kämpfen, um den sie tanzen in archaischen Kriegsritualen jenseits jeglicher Sprachlichkeit und sich versöhnen in ebenso männlichkeitsverherrlichender Verbrüderung. Da kann Nils Rovira-Muñoz als Philoktet noch so rasen, sich am Gerüst entlang hangeln, sich aufrichten und aufbäumen und fallen, während die anderen gelangweilt zuschauen, darauf wartend, dass das ewige Spiel weitergehen kann, weil es weitergehen muss. Es gibt keinen Ausweg in einer Welt, die auf dem, was Philoktet zu entfliehen sucht, gebaut ist. Verzweifelt rennt der schmächtige Rebell gegen das Unvermeidliche an. Eine hochintensive und todtraurige Szene, die ganze Sinnlosigkeit des Hoffens und Strebens konzentrierend. Am Ende ist Philoktet eben auch Teil des Kreislaufs, braucht der Täter das Opfer, auch um den Unschuldigen zu beflecken und zum Teil des Systems zu machen. So wechseln eben die Rollen, ist jeder Täter, Mitläufer, Opfer, das System eben, ein System, das, wie der Schlusschor sagt, bis ins Heute reicht, zum Krieg am Hindukusch und zum „Wir schaffen das“. Nein, Hoffnung und Optimismus waren Heiner Müllers Sache nie. Und doch: Erwächst die Möglichkeit zur Veränderung nicht aus der Erkenntnis des Bestehenden?

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Ein Gedanke zu „Im Gestänge der Macht

  1. […] Jahr seinen Abschluss machte und während des Studium auch schon inszeniert hat, Heiner Müllers Philoktet zum Beispiel. Stadt weiter russischer Landluft nun also die klaustrophobische Enge, die stickige […]

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