So ein Theater

Nach „Die Frösche“ von Aristophanes: Wenn Du mein Filius wärst, würde ich Dir das Rauchen verbieten, P14 – Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Luis August Krawen)

Von Sascha Krieger

Luis August Krawen ist für Volksbühnenkenner ein bekanntes Gesicht: Seit Jahren spielt er in vielen Produktionen am P14, dem Jugendtheater des Hauses, an dem er jetzt zum ersten Mal Regie führt. Dass er auch bereits auf der großen Bühne stand, jeweils in Inszenierungen von René Pollesch, ist für das Verständnis seiner ersten Regiearbeit wenn nicht unerlässlich, so doch hilfreich. Nicht nur der lange, sperrige Titel, der natürlich mit dem Inhalt des Abends nichts zu tun hat, klingt nach Pollesch, der gut einstündige Abend schein direkt aus der Werkstatt des Meisters des Diskurstheaters zu stammen, wenngleich aus einem Nebenraum. Da werden diskursive Haken geschlagen und Schleifen gedreht, bis dem Zuschauer schwindlig wird. Oder werden sollte, denn irgendwie hebt der Diskursballon nie ab, bleibt das Wort- und Gedankengewitter aus. Stattdessen gibt es eitel Sonnenschein und ein bisschen (Bühnen)-Nebel.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Ach ja, worum geht es eigentlich? Um das Theater natürlich, wie eigentlich meistens an diesem Haus. Das ist natürlich eine unzulässige Pauschalisierung, aber Subtilität oder Definitionsgenauigkeit fordert dieser Abend auch nicht heraus. Thematischer Steinbruch ist Aristophanes‘ Komödie Die Frösche, in welcher der vom gegenwärtigen Theater gelangweilte Dionysos den großen Tragödiendichter Euripides aus der Unterwelt zu befreien sucht, nur um am Ende mit dessen Kollegen Aischylos zurückzukommen. Das Theater hätte seine besten Zeiten hinter sich, hören wir zu Beginn, also muss es gerettet werden. Zweidimensional seien die Rollen, klagt eine Darstellerin per – zweidimensionalem – Live-Video. Der schon im ersten Durchgang etwas müde Witz wird übrigens später nochmals gehörig ausgewalzt. Was uns zu Problem Nummer eins bringt: Der Abend trieft vor Ironie, reiht einen Gag an den anderen und verursacht doch bestenfalls ein müdes Lächeln. Es wird gekalauert und Polleschesk frei assoziiert, nur fehlt denn eben die theoretische Basis, die gedankliche Substanz, die Fallhöhe, die Komik eben braucht.

Die Diskursversuche wirken willkürlich, aufgesetzt und stets bemüht. Von Liebe wird schwadroniert, der zum Theater und jener im Allgemeinen. Nur wo sich bei Pollesch immer wieder unerwartete Erkenntnismöglichkeiten, Häh- und Aha-Effekte einstellen, die Logik Haken schlägt und sich in den Schwanz beißt, ist hier nichts. Nur hastig zusammengeklebte Versatzstücke, hier ein wenig Pollesch, da etwas Castorf (an den nicht nur die hastige per Video vermittelte Hatz durchs Haus erinnert, sondern auch das betont künstlich überdrehte Sprechen und agieren). So krampfhaft klammert sich der Abend an seine großen Vorbilder, dass er schnell jede Chance aus der Hand gibt, seine eigene Richtung und seinen eigenen Tonfall zu finden. Stattdessen wirkt das über weite Strecken wie Theater-Karaoke mit René Pollesch in der Endlosschleife.

Da bleibt denn eben doch nur das Theater, das Spiel. Ein Holzbühnenrahmen mit pseudo-antiken Ornamenten und rotem Vorhang, der denn auch ausgiebig eingesetzt wird, erinnert an Varieté und Puppenspiel und so wird dann auch eine Vielzahl theatraler Mittel und Ausdrucksmodi vorgestellt. Da ist Gesang und Kleinkunst, Film und Pantomime, Farce und hohe Deklamation, zusammengeworfen zu einer Nummernrevue, in deren Getriebe es hörbar knirscht. So unterhaltsam mancher Moment, so originell die eine oder andere Idee ist (die Einführung der dritten Dimension etwa ist ein schöner Regieeinfall), so mechanisch ist die Dramaturgie, so sehr geht dem Geschehen doch immer wieder die Luft aus. Es entsteht der Eindruck eines halb geprobten Abends, der noch lange nicht fertig ist, der aus Ideen- und Szenenskizzen besteht, die auszuarbeiten und zusammenzuführen vergessen wurde oder schlicht die Zeit fehlte. Meister fallen bekanntlich nicht vom Himmel und Luis August Krawen ist da keine Ausnahme. So bleibt eine an Einfällen – mehr und weniger gelungenen – nicht arme, streckenweise nett anzusehende Fingerübung, welche die eingangs gestellte Frage, ob das Theater noch zu retten sei, zumindest nicht affirmativ beantwortet.

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