Der Spielwütige

Zweimal Yo-Yo Ma bei den Festtagen 2016: solo mit Bachs Cello-Suiten und gemeinsam mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Yo-Yo Ma gehört zu den wenigen Superstars der klassischen Musik. Kaum einer ist so unermüdlich auf der Suche nach Wegen, mit dem Publikum zu kommunizieren und vor allem auch, neue Zuhörer an die vermeintlich elitäre Klassik heran zu führen. Gleichzeitig ist der wohl führende Cellist seiner Generation, der höchste Perfektion und Musikalität verbindet mit interpretatorischem Mut, bereit, sich auch einmal gegen den Konsens zu stellen. Seine Interpretationen der sechs Cello-Suiten Johann Sebastian Bachs etwa haben Bewunderer wie Gegner, wird ihm doch zuweilen vorgeworfen, sie zu einseitig introspektiv zu interpretieren. Auch jetzt, bei seinem Berliner Gastspiel, ist die Innensicht sein Modus operandi. Versonnen und nachdenklich hebt er an, fast wie im Vorübergehen passiert der Zuhörer die berühmte erste Suite, die streckenweise wie von fern heranzuwehen scheint. Und doch ist hier vom ersten Ton an nichts nur melancholisch oder gar lyrisch verträumt. So traurig ernst die Grundstimmung ist, so rau ist doch oft der Ton, so schroff fällt dieser Blick ins zutiefst Menschliche immer wieder aus. Horcht er in der ersten Suite noch jedem Ton nach, wird der Duktus später affirmativer  und ja, fast ein wenig wütend.

Yo-Yo Ma (Foto: Todd Rosenberg)

Yo-Yo Ma (Foto: Todd Rosenberg)

Die musikalische Welt, die er hier ausbreitet, ist keine widerspruchsfreie, Schmerz nicht nur eine Sache für sanftes Klagen. Wiederholt sträubt sich das Instrument gegen den reinen Schönklang, setzt Yo-Yo Ma Stachel, führt die introspektive Tiefenschürfung zu inneren Kampfszenen, etwa in der Courante der zweiten Suite. Immer wieder baut er Energie auf, nur um sie doch wieder zu hinterfragen. Alles zweifelt an allem in seiner oberflächlich betrachtet melancholischen und doch bei näherem Hinschauen so brüchigen, zerklüfteten Interpretation. Besonders vielgestaltig gerät ihm die vierte Suite, die von Versonnenheit bis zu schroffer Affirmation wiederholt breite Spektren menschlicher Auseinandersetzung mit der Welt durchschreitet. In sich gekehrt, fast ängstlich tastend in einem Moment, rhythmisch hart und ungemein schroff im nächsten. Am Ende ist die Intensität kaum auszuhalten. Rätselhaft dunkel die eigentlich optimistischste sechste Suite. Ungeschliffen und rau hebt sie an, das D-Dur mit schroffem Strich verschleiernd. Die langsame Allemande strebt ins Fragmentarisch, erst mit dem Gavotte-Paar hellt sich die musikalische Landschaft auf, wird der Zugriff leichter, lebendiger. behutsam tanzt die Gigue in die Stiller. Eine ebenso eigenwillige wie konsequente Interpretation. Denn das Kraftzentrum dieses Abends bildet die nachdenkliche, stille fünfte Suite, die der Künstler den Opfern der Terroranschläge von Brüssel widmet und die mit einer bewegenden Schweigeminute endet. Dunkel, fast archaisch ist der Tonfall, reduziert der Gestus. Aus größter Schlichtheit entwickelt sich höchste Intensität. Strenger, distanzierter Ernst und innigste Subjektivität bilden das Gegensatzpaar, aus dem das Werk hier seine Kraft bezieht und das sich doch in den bewegendsten Momenten auf eine Weise vereint, die rational nicht erklärbar ist. Es bleibt ein Rest. Man nennt ihn auch Musik.

Damit nicht genug: Zwei Tage später ist Yo-Yo Ma erneut in der Philharmonie zu Gast, diesmal mit der Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim und dem h-Moll-Konzert von Antonín Dvořák. Die Energie ist auch hier von Sekunde eins an präsent, aber wie anders ist der Ton, den Yo-Yo Ma anschlägt. Fest, auch einmal etwas rauer, zuweilen fast aggressiv, vor allem aber ungemein gesanglich, berückend lyrisch (man beachte das Zwiegespräch mit der Solo-Flöte von Claudia Stein im ersten Satz!), ein oft sehnsuchtsvoller, stets leidenschaftlicher, satter Ton, der von ein bisschen Pathos nicht zurückschreckt, aber sich eben auch nie zurückzieht in routinierten Wohlklang. In Barenboims Staatskapelle findet er einen kongenialen Mitstreiter. Dicht und ungeheuer kraftvoll ist ihr Klang. Sie hat keine Angst vor muskulösen Aufwallungen und beherrscht zugleich das Lyrische, Helle, Lichte, wie in den träumerisch hoffnungsvollen Holzbläserpassagen des zweiten Satzes. Traumwandlerisch sicher treten Solist und Orchester in einen Dialog auf Augenhöhe, nirgends mehr als in der leicht melancholischen und doch stets ins Helle strebenden, folkloristisch inspirierten Naturlyrik des Adagio. Das Finale strotzt noch einmal vor Energie, Orchester wie Solist rücken die rhythmische Struktur des Satzes in den Mittelpunkt und nutzen sie im Zwiegespräch als Kraftquell. Yo-Yo Mas Spiel ist affirmativ, mitunter aggressiv und zugleich unverschämt gesanglich. Still und sehnsüchtig kling das aus und darf es doch nicht. Einmal noch jubelt das Orchester und reißt die Türen weit auf. Man kann Dvořák analytischer lesen, aber man kann ihn nicht eindringlicher spielen.

À propos spielen: Yo-Yo Ma ist nicht nur einer der besten Cellisten aller Zeiten, er gilt unter Musikern auch als wunderbarer Kollege, der sich nie über jemanden stellt und es einfach nur liebt, Musik zu machen. Und so findet man ihn in so mancher zweiten Konzerthälfte mitten unter den Orchester-Celli. Auch an diesem Abend: In der letzten Celli-Reihe unterstützt er die Staatskapelle bei Edward Elgars zweiter Symphonie. Welch ein Unterschied zur Ersten drei Tage zuvor: Wo diese oft kraftlos lärmte, herrscht hier sofort vollste Spannung. Dicht und kraftvoll geht das Orchester zu Werke, ohne die Komplexität und Vielstimmigkeit gerade des Kopfsatzes zu leugnen. Ganz im Gegenteil. Das vielgestaltige musikalische Gebilde arbeitet Barenboim deutlich, aber nie überdeutlich heraus, wobei ihm eine ungewöhnlich große Klangtransparenz hilft. Detailscharf spielt sich das Orchester durch die Schichten, tut den muskulösen Passagen ebenso recht wie den stillen, lyrischen. Besonders eindrucksvoll gelingt das Larghetto: Aus filmhafter Breite entwickelt sich ein tastendes, zuweilen fast brüchiges Spiel. Kraftvolle Verdichtungen weisen wie schon im Kopfsatz ins Weite, der leidenschaftliche Ton des Dvořák-Konzerts findet sich vor allem gegen Satzende wieder.

Sehr deutlich herausgearbeitet dann der starke klangliche Kontrast zumC-Dur-Rondo, das aus einer ganz anderen musikalischen Welt zu kommen scheint. Fast gewalttätig, ohne jeden Kompromiss spielt das Orchester den aggressiven Mittelteil, ohne jedoch die nachdenklichen Momente zu vernachlässigen. auch dieser kraftvoll treibende Satz ist alles andere als homogen, auch in sein Dunkel dringt Licht. Das schwierige, antiklimaktische Finale nimmt die Staatskapelle dann souverän, mit einer Selbstgewissheit, die Resignation nur andeutet und sich eher aus der Weisheit speist, dass Lösungen bestenfalls temporär sind. Diese Musik, so gespielt, schließt Frieden mit sich und der Tatsache, dass sie keine antworten zu liefern vermag, sie kommt bei sich an, auch wenn sie ihre Reiseziel nicht erreichen wird. Und so klingt der Schluss erstaunlich hoffnungsvoll. Dem Cellisten in der letzten Reihe sollte das gefallen.

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